Vertagte Apokalypsen

21. Dezember 2012 15:01; Akt: 21.12.2012 15:01 Print

So oft wurde die Welt schon totgesagt

von Daniel Huber - Das Ende soll also gekommen sein - wieder einmal. Dabei haben Propheten diverser Religionen und Sekten den Weltuntergang in den letzten 2000 Jahren zum Running Gag gemacht. Eine Übersicht.

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Schon Jesus sprach vom baldigen Ende der Zeiten. Und er liess keinen Zweifel daran, dass seine Wiederkunft dramatisch sein würde: «Sofort nach den Tagen der grossen Not wird sich die Sonne verfinstern und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.» .... Bild: Ausschnitt aus Michelangelos Fresko «Das jüngste Gericht». ... «Danach wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen; dann werden alle Völker der Erde jammern und klagen und sie werden den Menschensohn mit grosser Macht und Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels kommen sehen.» Die frühen Christen konnten denn auch das Weltende kaum erwarten. Der Kirchenvater Hippolytos ( 235), der später den Märtyrertod starb (Bild), sagte den Weltuntergang für das Jahr 500 voraus. Auf dieses Datum kam der Fromme, weil er erstens annahm, die Welt sei im Jahr 5500 v. Chr. erschaffen worden und sie werde zweitens 6000 Jahre alt. Der Termin verstrich folgenlos. Der nächste grosse Weltuntergangs-Hype kam im Mittelalter vor dem Jahrtausendwechsel. Papst Sylvester II. hatte verkündet, dass die Welt am 31. Dezember 999 um Mitternacht untergehen werde, was in der christlichen Welt zu einer Massenhysterie führte. Als die Welt wider Erwarten auch im Jahr 1000 noch da war, zog sich Sylvester aus der Affäre, indem er erklärte, seine Gebete hätten den Weltuntergang verhindert. In den unsicheren Zeiten der Reformation und Glaubenskriege häuften sich die Prophezeiungen: Der deutsche Theologe Michael Stifel deutete Texte und Buchstaben der Bibel mathematisch und errechnete so den Weltuntergang auf den 19. Oktober 1533 um acht Uhr morgens. Viele Leute in seiner Pfarrgemeinde in Lochau hörten auf zu arbeiten und verschenkten ihren Besitz. Als der Weltuntergang nicht kam, wurde Stifel verhaftet. Er kehrte nie mehr nach Lochau zurück. Bild: Ein Brunnen erinnert heute noch an Stifels Prophezeiung. Der deutsche Reformator Martin Luther prophezeite, womöglich aufgrund der Türkenkriege (1521-1542), gleich dreimal einen Weltuntergang: 1532, 1538 und 1541. Keiner davon traf ein. Auch der irische anglikanische Bischof Ussher ging davon aus, dass die Welt 6000 Jahre alt werde. 1642 datierte er die Schöpfung auf das Jahr 4004 v. Chr. Daraus folgte ein Weltuntergangstermin um das Jahr 1996 herum. Bekanntlich hat die Welt diesen überdauert. Nicht nur Geistliche wie Luther liessen sich dazu verleiten, Termine für den Weltuntergang aufzustellen. Auch der bedeutende Physiker und Astronom Isaac Newton sagte das Ende der Welt exakt voraus. Der britische Gelehrte setzte das Weltende Anfang des 18. Jahrhunderts auf das Jahr 2060 fest – 1260 Jahre nach der Kaiserkrönung Karls des Grossen um 800 n. Chr. Dieses Weltenende steht uns also noch bevor. Der Gründer der Zeugen Jehovas, Charles Taze Russell, kündigte das Ende der Welt mehrfach an. Der erste Termin (1874) verstrich aber ebenso folgenlos wie der zweite (1914). Die Zeugen Jehovas konnten es trotz dieser Fehlprognosen nicht lassen: Für 1925 und 1975 sahen sie den Weltuntergang erneut voraus. Im März 1910 wurde der Halleysche Komet von blossem Auge sichtbar, und prompt befürchteten manche, er werde mit der Erde zusammenstossen. Als dann noch Wissenschaftler giftige Gase im Schweif des Kometen entdeckten, wurden Gerüchte laut, der Schweif werde die Erde einhüllen und die Gase würden den Menschen die Haut am Leibe zerfressen. Nichts dergleichen geschah. Der Anführer der mörderischen «Manson-Family», Charles Manson, war überzeugt, dass die Erde 1969 untergehen würde; diese Apokalypse nannte er nach einem Beatles-Song «Helter Skelter». Die vier Beatles waren für ihn Engel der Apokalypse, und aus ihren Songs hörte er geheime Botschaften über die Zukunft heraus. Fürchterlich endete 1978 die Paranoia des Sektenführers Jim Jones. 923 sogenannte Volkstempler fanden bei einem Massenselbstmord in Jonestown im Dschungel von Guayana den Tod. Nicht alle starben freiwillig. Auch Jones selber überlebte das Massaker nicht. Zehn Jahre später sorgte Paul Kuhn, der Anführer der St. Michaelsvereinigung im thurgauischen Dozwil, mit seinen Untergangs-Prophezeiungen für Unruhe. Er versprach seinen Anhängern, ihre Kinder würden am 8. Mai 1988 von UFOs zu einem «wunderschönen Ort» gebracht. In der Folge schoss der «Blick» aus allen Rohren auf die Sekte. In der aufgeheizten Situation kam es in Dozwil zu üblen Ausschreitungen. Die UFO-Landung fiel ebenso aus wie die Apokalypse. Der Nasa-Ingenieur Edgar Whisenant machte im gleichen Jahr in den USA Furore. Sein Buch «88 Gründe, warum das Jüngste Gericht 1988 stattfinden wird» verkaufte sich prima. Der auf den September angekündigte Weltuntergang kam aber nicht. Whisenant liess sich zunächst nicht beirren und schrieb neue Bücher, in denen er das Ende aller Zeiten jeweils auf 1989, 1990, 1991 und so weiter ankündigte. Diese Werke floppten. Die selbsternannte Prophetin der New-Age-Sekte «The Summit Lighthouse», Elizabeth Clare Prophet, sah für März oder April 1990 den Beginn eines nuklearen dritten Weltkriegs voraus. Dafür liess sie einen riesigen Atombunker bauen und legte ein Waffenlager an. Maria Zwiguna, die Anführerin der russischen Sekte «Grosse Weisse Bruderschaft», nannte sich selbst Maria Devi Christos und verkündete, dass die Welt am 24. November 1993 untergehen werde. Nur 144'000 Auserwählte würden die Apokalypse überleben. In der Ukraine hatte sie mit ihrer Botschaft grossen Erfolg. Ein geplanter Massenselbstmord konnte durch die Behörden gerade noch verhindert werden. Nicht verhindern konnte die Polizei die insgesamt drei Gruppen-Selbsttötungen der Sonnentemplersekte in Frankreich, Kanada und der Schweiz. In den Neunzigerjahren fanden 74 Angehörige der Sekte so den Tod. Auch hier gingen nicht alle freiwillig auf den «Transit», der sie zum Planeten Sirius bringen sollte. Einen Massenselbstmord begingen auch die Anhänger der Sekte «Heaven's Gate», zusammen mit ihrem Anführer Marshall Herff Applewhite (Bild). Der Sektenführer, der seine Homosexualität unter anderem dadurch bekämpfte, dass er sich kastrieren liess, überzeugte die Sektenmitglieder, dass der Erde eine apokalyptische «Reinigung» bevorstand. Als 1997 der Komet Hale-Bopp erschien, glaubten Applewhite und seine Schäfchen, hinter dem Kometen verberge sich ein Raumschiff, das ihre Seelen aufnehmen und vor der Apokalypse retten werde. Der Massenselbstmord war für die Sektierer der einzige Weg, die Erde zu verlassen. 38 von ihnen brachten sich im März 1997 mit Applewhite um, indem sie ein Schlafmittel einnahmen und dann ihre Köpfe in Plastiktüten steckten. Erika Bertschinger, als «Uriella» geistiges Oberhaupt der Sekte «Fiat Lux», erwartete für Ende 1999 den Einschlag eines riesigen Planetoiden auf der Erde. Dabei würden ganze Kontinente versinken, im Bermuda-Dreieck aber dafür der versunkene Erdteil Atlantis auftauchen. Auch einen Polsprung und einen Meteoriteneinschlag in der Nordsee sah Uriella voraus. Immerhin ein Drittel der Menschheit sollte aber gemäss Uriella dieses Inferno überleben. Ende 1999 nahm die Angst vor dem «Millennium-Bug» (auch «Y2K-Bug» genannt) zu. Weil ältere Software Jahreszahlen nur mit zwei Stellen darstellen konnte, befürchtete man für den Jahreswechsel 1999/2000 massive Computerprobleme mit katastrophalen Folgen. Am 1. Januar 2000 atmete die Welt auf: Es war nahezu nichts geschehen. Am 17. März 2000 versammelten sich die Anhänger der «Bewegung für die Wiederherstellung der zehn Gebote Gottes» von Joseph Kibwetere (Bild) in Uganda in einer Kirche, um sich vor dem nahenden Weltuntergang zu retten und zu feiern. Nach einer Explosion geriet das Gotteshaus in Brand und 530 Sektenmitglieder starben im Feuer. Später zeigte sich, dass die Führer der Sekte bereits vorher einen Weltuntergang angekündigt hatten und in Erklärungsnot geraten waren, weil der nicht eintrat. Vermutlich wurde die Kirche von den Sektenführern, die danach flohen, in Brand gesteckt. Bild: Kinder halten sich wegen des Gestanks die Nase zu, als die Leichen für gerichtsmedizinische Untersuchungen exhumiert werden. Die Amerikanerin Nancy Lieder behauptet, sie stehe mittels eines Implantats in ihrem Gehirn in Verbindung mit einer ausserirdischen Zivilisation im Sternensystem Zeta Reticuli. Diese grauen Aliens teilten ihr mit, dass 2003 der mysteriöse Planet Nibiru knapp an der Erde vorbeirasen werde. Durch die Gravitationskräfte würden dann Vulkanausbrüche und Erdbeben ausgelöst, die der Menschheit den Garaus machen würden. Als 2003 nichts dergleichen geschah, verlegte Lieder die Apokalypse kurzerhand auf einen Termin «in den nächsten Jahren». Die Furcht vor dem Weltende muss nicht unbedingt religiös begründet sein: 2008 lösten die Kollisionsexperimente mit Elementarteilchen im Genfer CERN Ängste aus, es könnte ein winziges Schwarzes Loch entstehen, das dann die Erde verschlingen werde.

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Es ist ja nicht so, dass die Welt partout nicht untergehen kann. «All Things Must Pass», sang Beatle George Harrison schon 1970. So wird auch unser Planet irgendwann nicht mehr da sein, und dasselbe gilt logischerweise für die Menschheit.

Doch hier soll es nicht um seriöse Szenarien für den globalen Exitus gehen. Uns interessieren für einmal all die Weltuntergänge, die bereits hätten geschehen müssen: Jene apokalyptischen Visionen nämlich, die von Propheten angekündigt wurden – und dann doch nicht eintrafen. Davon gibt es so viele, dass hier lediglich eine kleine Auswahl präsentiert werden kann (weitere Beispiele finden Sie in der Bildstrecke oben).

Schon Jesus verkündete die Endzeit

Sehr kreativ in Sachen Apokalyptik waren die frühen Christen. Sie konnten sich dabei auf jüdische Traditionen stützen; schon im Buch Daniel des Alten Testaments finden sich auf die Endzeit gerichtete Symbolbilder, die dann in der Offenbarung des Johannnes aufgegriffen wurden. Und Jesus selbst hatte gemäss Matthäus 16,28 seinen Jüngern gesagt: «Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht erleiden, bis sie den Menschensohn in seiner königlichen Macht kommen sehen.»

Als die Römer kurz darauf im Jahr 70 n. Chr. den Tempel in Jerusalem zerstörten, sahen viele Christen und Juden dies als Zeichen des unmittelbar bevorstehenden Jüngsten Tages. Dass das Weltenende damals und auch später nicht kam, konnte die Gläubigen nicht beirren. In schöner Regelmässigkeit verkündeten fortan christliche Visionäre die nahende Wiederkunft Christi. Um 170 n. Chr. pilgerten tausende von Christen nach Phrygien in der heutigen Türkei, weil der Sektenführer Montanus dort das Kommen des Reiches Gottes predigte – natürlich vergebens.

Die Angst vor dem Jahrtausendwechsel

Ein grosser Weltuntergangs-Hype verunsicherte die Menschen vor dem Jahrtausendwechsel im Mittelalter. Papst Sylvester II. hatte verkündet, dass die Welt am 31. Dezember 999 um Mitternacht untergehen werde, was in der christlichen Welt zu einer Massenhysterie führte. Wer deswegen die mittelalterlichen Menschen belächelt, sollte an das Jahr 1999 denken: Damals drohte das Verderben durch den «Millennium-Bug». Ängste machen sich gern an solchen durch das Dezimalsystem bedingten Übergängen fest. Als die Welt übrigens im Jahr 1000 wider Erwarten immer noch da war, zog sich Sylvester aus der Affäre, indem er erklärte, seine Gebete hätten das Weltenende verhindert.

In den unsicheren Zeiten der Reformation und Glaubenskriege häuften sich die Prophezeiungen: Der deutsche Theologe Michael Stifel deutete Texte und Buchstaben der Bibel mathematisch und errechnete so den Weltuntergang auf den 19. Oktober 1533 um acht Uhr morgens. Seine Pfarrgemeinde in Lochau im heutigen Sachsen-Anhalt stellte sich darauf ein; man hörte auf zu arbeiten und verschenkte den Besitz. Als der Weltuntergang nicht eintrat, wurde Stifel verhaftet. Er kehrte nie mehr nach Lochau zurück. Auch der deutsche Reformator Martin Luther prophezeite den Weltuntergang, und zwar gleich dreimal: 1532, 1538 und 1541. Keiner davon – Sie ahnen es – traf ein.

Ebenfalls mehrfach kündigte Jahrhunderte später der Gründer der Zeugen Jehovas, Charles Taze Russell, das Ende der Welt an. Der erste Termin (1874) verstrich aber ebenso folgenlos wie der zweite (1914). Die Zeugen Jehovas konnten es trotz dieser Fehlprognosen nicht lassen: Für 1925 und 1975 sahen sie den Weltuntergang erneut voraus.

Tödliche Untergangshysterie

Kometen galten schon seit jeher als Unglücksboten. Im März 1910 wurde der Halleysche Komet von blossem Auge sichtbar, und prompt befürchteten manche, er werde mit der Erde zusammenstossen. Als dann noch Wissenschaftler giftige Gase im Schweif des Kometen entdeckten, wurden Gerüchte laut, dieser werde die Erde einhüllen und die Gase würden den Menschen die Haut am Leibe verätzen. Nichts dergleichen geschah. Von einem tragischen Ereignis wurde hingegen das Erscheinen des Kometen Hale-Bopp 1997 überschattet: 38 Anhänger der Sekte Heaven's Gate begingen zusammen mit ihrem Anführer Marshall Herff Applewhite in Südkalifornien Massen-Selbstmord. Auf diese Weise sollten ihre Seelen auf ein Raumschiff gelangen, das sich hinter dem Kometen befinden sollte.

Dies war nicht die einzige Massen-Selbsttötung von Angehörigen einer Endzeit-Sekte. Schon 1978 starben 923 Mitglieder der Volkstemplersekte von Jim Jones in Guayana – allerdings nicht alle freiwillig. In den Neunzigerjahren fanden 74 Angehörige der Sonnentemplersekte bei insgesamt drei Gruppen-Selbsttötungen in Frankreich, Kanada und der Schweiz den Tod. Auch hier gingen nicht alle freiwillig auf den feinstofflichen «Transit», der sie zum Planeten Sirius bringen sollte. Im März 2000 starben 530 Mitglieder der Weltuntergangssekte «Bewegung zur Wiedereinsetzung der Zehn Gebote» in Uganda. Sie hatten sich in einer Kirche versammelt, um das Ende der Welt zu begrüssen, als das Gotteshaus – vermutlich durch die Sektenführer selbst – in Brand gesetzt wurde.

Zoff in Dozwil

Glücklicherweise verordnen nicht alle Sektenführer ihren Schäfchen einen Massensuizid. Paul Kuhn, der Chef der St. Michaelsvereinigung im thurgauischen Dozwil, prophezeite zwar auch ein apokalyptisches Szenario und versprach seinen Anhängern, ihre Kinder würden am 8. Mai 1988 von UFOs zu einem «wunderschönen Ort» gebracht. Doch Kuhn verlangte von den Auserwählten keine Selbsttötung. Der «Blick» schoss aber aus allen Rohren auf die Sekte, und so kam es in Dozwil zu üblen Ausschreitungen statt zu einer UFO-Landung.

Die Furcht vor dem Weltende muss nicht unbedingt religiös begründet sein: 2008 lösten die Kollisionsexperimente mit Elementarteilchen im Genfer CERN Ängste aus, es könnte ein winziges Schwarzes Loch entstehen, das dann die Erde verschlingen werde. Die ist aber immer noch da, obwohl schon hunderte von Weltuntergängen prophezeit wurden. Die menschliche Lust an der Apokalypse wird aller Voraussicht nach erst mit dem Weltuntergang enden.