Darmerkrankung

11. Juni 2011 17:11; Akt: 11.06.2011 17:47 Print

Behörde bestätigt EHEC auf Sprosse

Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat inzwischen bestätigt, dass der Darmkeim EHEC an den Sprossen war. Die Behörden sehen im Ehec-Nachweis einen bedeutenden Durchbruch.

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«Das Problem ist eigentlich nicht das Bakterium selbst, sondern ein Toxin (Giftstoff), das von ihm produziert wird», sagt Andreas Widmer, Leitender Arzt der Spitalhygiene des Universitätsspitals Basel. Laut Widmer Eine derartige Häufung der Krankheitsfälle und die teils schweren Verlaufsformen liessen allerdings darauf schliessen, dass nicht der ursprüngliche Typ des Erregers für die zahlreichen Infektionen verantwortlich gemacht werden könne. Bereits nach den ersten EHEC-Ausbrüchen in Deutschland vermuteten Experten, dass es sich es sich handle. Nachdem der Übeltäter als Serotyp 0104:H4 enttarnt wurde, verwarf man diese Hypothese aber zunächst wieder. Nach aktuellem Wissensstand ist nun doch alles ganz anders, als bisher angenommen. Während man am Uniklinikum Münster ausschliesslich die Oberflächenstruktur des EHEC-Erregers analysierte und zuordnete, gelang es deutschen und chinesischen Forschern wenig später, das Erbgut des Keims zu entschlüsseln - mit überraschendem Resultat: Bislang wurde hauptsächlich von deutschen Infektionsfällen mit dem EHEC-Erreger berichtet. Andreas Widmer: «Nein, ich persönlich rate aber dazu, in Deutschland gekauftes Obst und Gemüse nicht ungekocht oder ungeschält zu verzehren, solange die Infektionsquelle noch unklar ist.» Bei Schweizer Früchten und Gemüse besteht Widmer zufolge derzeit keine Gefahr. «Von Mensch zu Mensch wird der Erreger über eine Schmierinfektion übertragen. Da es sich um ein Darmbakterium handelt, kann es selbst durch geringe Mengen Stuhl übetragen werden», sagt Widmer. Geschätzte 20 Prozent aller Ehec-Erkrankungen werden auf diesem Wege verbreitet. «Starker, häufig auch blutiger Durchfall ist für eine EHEC-Infektion typisch», sagt Widmer. Anders als bei einer Infektion mit Salmonellen mache sich EHEC aber nicht durch Fieber bemerkbar. Treten die für EHEC typischen Beschwerden auf, rät der Professor dazu, sich umgehend in die Notfallstation eines Spitals zu begeben. Andreas Widmer: «Mit Hilfe einer Laboranalyse. Alledings ist hierfür ein spezieller Test notwendig - es muss also bereits ein dringender Verdacht vorliegen, damit dieser Test gemacht wird.» Aufgrund der zahlreichen EHEC-Fälle in Deutschland, entwickelten Forscher des Universitätsklinikums Münster einen Schnelltest. «Ganz im Gegenteil: Antibiotika führen zu einer massiven Verschlechterung des Zustands, weil durch das Abtöten der Erreger die Freisetzung von Giftstoffen angekurbelt wird», warnt Widmer. Auch von einer Selbstbehandlung mit Durchfallmedikamenten rät der Spezialist ab: «Sie fördern die Aufnahme dieser Toxine.» «Normalerweise sind schwere Verläufe eher selten. Einige der aktuellen Fälle in Deutschland verlaufen jedoch ungewöhnlich schwer», sagt der Experte. Bei einem kritischen Verlauf könne es zu einer schweren Blutgerinnungsstörung, einem sogenannten HUS (hämolytisch-urämischen Syndrom), sowie zu schweren Nierenschädigungen bis hin zu Nierenversagen kommen. Andreas Widmer: «Mit einer intravenösen Salzlösung wird die verlorengegangene Flüssigkeit ersetzt». Um Nierenschäden durch die im Organismus freigesetzten Giftstoffe zu verhindern, kann eine Dialyse (Blutwäsche) zum Einsatz kommen.» Ansonsten seien die Therapiemöglichkeiten sehr beschränkt, wie Widmer ergänzt. Andreas Widmer: «Nein, bislang steht uns keine Immunisierung zur Verfügung.»

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In Deutschland hat sich bestätigt, dass der gefährliche Darmkeim EHEC an den Sprossen aus Niedersachsen mit dem Keim übereinstimmen, an dem über 30 Menschen gestorben sind.
Das zuständige Ministerium sprach von einem weiteren wichtigen Stein in der Beweiskette.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) habe bestätigt, dass es sich um das Bakterium O104:H4 handelt, sagte am Samstag Holger Eichele, Sprecher des Verbraucherschutzministeriums. Die verseuchten Sprossen stammen von einem Biohof in Bienenbüttel.

Am Freitag war der lebensbedrohliche EHEC-Typ erstmals an Sprossengemüse von dem niedersächsischen Betrieb nachgewiesen worden. Ein Labor in Nordrhein-Westfalen entdeckte den Darmkeim an Sprossen aus einer geöffneten Verpackung.

Diese hatte ein Familienvater aus Königswinter bei Bonn aus dem Müll geholt, nachdem seine Frau und seine Tochter schwer erkrankt waren.

Die Ergebnisse der Landesbehörden in Nordrhein-Westfalen seien mit der BfR-Analyse bestätigt, sagte Eichele. Dieses Labor-Ergebnis sei ein weiterer wichtiger Stein in der Beweiskette, dass rohe Sprossen als wesentliche Quelle für die EHEC-Infektionen der letzten Wochen anzusehen seien. Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner kündigte an, künftig würden Hersteller und Importeure von Sprossen stärker überwacht.

Hoffen auf Ende von Importstopp

EU-Gesundheitskommissar John Dalli sprach von einer «extrem wichtigen Entwicklung». Er betrachte den EHEC-Nachweis auf niedersächsischen Sprossen als bedeutenden Durchbruch.

Die Quelle der Verunreinigungen sei nun identifiziert und die Erkenntnisse seien durch Laborergebnisse gestützt. Konsumenten in und Handelspartner der Europäischen Union könnten nun volles Vertrauen bezüglich der Sicherheit von Gemüse aus der EU haben.

Die Europäische Kommission erhofft sich von dem bestätigten Laborfund eine rasche Aufhebung des von Russland wegen der EHEC- Krise verhängten Einfuhrverbots für europäisches Gemüse.

Der russische Präsident Dmitri Medwedew hatte das Ende des Verbots bereits am Donnerstag bei einem Gipfeltreffen mit Kommissionspräsident José Manuel Barroso angekündigt.

Harmloserer Befall in den Niederlanden

In den Niederlanden waren am Freitag in einem zweiten Betrieb EHEC-Bakterien auf Randen-Sprossen nachgewiesen worden. Dies teilten die Behörden des Landes mit. Demnach handelt es sich jedoch wie bei einem bereits am Donnerstag entdeckten Fall um einen weit weniger gefährlichen Stamm, als den, der für die schweren Infektionen in Deutschland verantwortlich ist.

Den Angaben zufolge sind keine durch die niederländischen Randen verursachten Erkrankungen bekannt. Da jedoch auch dieser Bakterienstamm als Gefahr für die Gesundheit eingestuft wird, wurde bereits am Donnerstag eine Rückrufaktion eingeleitet.

(sda)