EHEC

13. Juni 2011 08:40; Akt: 13.06.2011 15:19 Print

Schon 35 Menschen gestorben

Jetzt warnen die deutschen Behörden auch vor selbstgezüchteten Sprossen. Offenbar soll sich eine Familie an selber produzierten Sprossen mit EHEC infiziert haben. Bisher gab es 35 EHEC-Todesopfer.

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Binnen sechs Wochen sind in Deutschland mindestens 35 an dem gefährlichen Darmkeim EHEC oder dem Hämolytisch-Urämischen Syndrom (HUS) erkrankte Menschen gestorben. Das teilte das Robert-Koch-Institut (RKI) am Montag in Berlin mit. Immerhin scheint der Höhepunkt der Anfang Mai ausgebrochenen Epidemie überschritten zu sein: Die Zahl der Neuinfizierten sinkt laut RKI. Derweil empfahl das Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) den Verbrauchern, auch auf selbstgezogene Sprossen und Keimlinge zu verzichten.

Das Saatgut dafür könnte mit dem gefährlichen Darmkeim EHEC belastet sein, hiess es. Bei einer Familie aus Niedersachsen bestehe der Verdacht, dass selbstgezogene Sprossen Ursache für eine EHEC-Erkrankung seien. Allerdings habe der Erreger noch nicht in den Samen nachgewiesen werden können, teilte das BfR mit. «Wenn bereits die Samen mit Keimen belastet sind, dann schützt auch die Einhaltung von Küchenhygieneregeln nicht vor einer EHEC-Erkrankung», sagte BfR-Präsident Andreas Hensel.


Über 3000 Infizierte

Laut RKI sind 3228 Menschen an EHEC oder HUS erkrankt, die meisten davon sind weiblich und über 20 Jahre alt. Es handele sich um einen der weltweit grössten bislang beschriebenen Ausbrüche von EHEC beziehungsweise HUS und den bislang grössten Ausbruch in Deutschland, hiess es.

Am Freitag waren Sprossen aus einem niedersächsischen Bio-Betrieb als eine Quelle der aktuellen EHEC-Welle ausgemacht worden. Allerdings ist bislang ungeklärt, ob der Erreger vom Typ O104 durch verunreinigtes Saatgut oder durch bereits infizierte Mitarbeiterinnen auf die Sprossen gelangt ist.

Verzehrgewohnheiten analysiert

Derweil analysierten Experten die Sprossenverzehrgewohnheiten von Mitarbeitern bei dem Bienenbütteler Sprossenerzeuger. Demnach assen fünf Beschäftige, die entweder EHEC positiv getestet worden waren oder im Mai Erkrankungssymptome gezeigt hatten, bevorzugt die Sprossenarten Brokkoli, Knoblauch und Bockshorn. Die vier befragten Mitarbeiter, die weder Erkrankungssymptome noch einen positiven Labornachweis aufwiesen, assen hingegen bevorzugt die Sprossenarten Alfalfa und Würzige Mischung.

Die niedersächsische Gesundheitsministerin Aygül Özkan (CDU) sagte der Nachrichtenagentur dapd, das Ergebnis könne ein Hinweis auf eine bestimmte Sprossenart und damit auf einen Ursprung der Infektion durch das Saatgut sein.

Lauterbach befürchtet Folgeschäden

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach erwartet weitere EHEC-Ausbrüche. Er forderte in der «Bild am Sonntag» eine Verbesserung des Meldesystems bei Infektionskrankheiten. Die bisherige Meldekette vom örtlichen Gesundheitsamt über das Landesgesundheitsamt an das Robert-Koch-Institut dauere mindestens eine Woche. Die Kliniken müssten in Zukunft jeden EHEC-Fall direkt per Mail an das RKI melden. Auch Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr sprach sich in der «BamS» für ein besseres Meldeverfahren aus.

Lauterbach erwartet massive Folgeschäden für EHEC-Erkrankte. «Etwa 100 Patienten sind so stark nierengeschädigt, dass sie ein Spenderorgan brauchen oder lebenslang zur Dauerdialyse müssen.»

Gysi fordert Epidemiezentrum

Der Direktor des Dresdner Uniklinikums, Gerhard Ehninger, berichtete dem «Tagesspiegel am Sonntag» zufolge, er habe an Himmelfahrt versucht, Informationen über die EHEC-Infektion einer Patientin an das RKI weiterzugeben. Erst vier Tage nach seiner Alarmmeldung habe er einen Rückruf vom RKI bekommen. Ein RKI-Sprecher bezeichnete dies als «schwer vorstellbar»: Schon lange vor Himmelfahrt sei wegen EHEC ein Lagezentrum eingerichtet worden, das permanent erreichbar gewesen sei.

Linke-Fraktionschef Gregor Gysi forderte ein Epidemiezentrum. Eine solche Einrichtung müsse in einem Krisenfall sofort alle Möglichkeiten haben, «alles zu recherchieren», sagte Gysi in einem dapd-Interview. «Ich will eine Zuständigkeit haben.»

(ap)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hannes am 13.06.2011 09:12 Report Diesen Beitrag melden

    Gute Vorlage!

    Das wäre dann nun die Grundlage für eine neue Terror-Bedrohung und ein Steilpass an Terroristen sondergleichen. Ich will ja nicht schwarzmalen. Einfach grundlegendes Saatgut verunreinigen und die halbe Welt liegt flach...

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  • Swaantje Janke am 13.06.2011 13:10 Report Diesen Beitrag melden

    Übertragung über den Menschen ?

    Einer der Gaststättenbesucher hatte überhaupt kein Gemüse gegessen, laut seiner Aussage. Kann man wirklich ausschließen, dass EHEC sich nicht auch über Menschen verbreitet?

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  • Reto Meier am 13.06.2011 09:35 Report Diesen Beitrag melden

    Produktionskontrollen erforderlich!

    Umso wichtiger ist eine gut kontrollierte, inländische Nahrungsmittelproduktion anstelle eines unkontrollierbaren globalen Grosshandels.

Die neusten Leser-Kommentare

  • C.K. am 13.06.2011 14:52 Report Diesen Beitrag melden

    Welches Land

    hat sich auf Zucht und Genmanipulationen von Samen und Saatgut spezialisiert? Aus welchem Land sind diese importiert worden? Ich kenne da ein Land (!)

    • Roger Nufer am 13.06.2011 16:09 Report Diesen Beitrag melden

      Nicht genmanipuliert, sondern biologisch

      Sorry, C.K. es sind keine genmanipulierten Sprossen, sondern biologisch angebaute. So ein Pech! Schade um die schöne Verschwörungstheorie!

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  • Master Biologie ETH am 13.06.2011 14:29 Report Diesen Beitrag melden

    Bakterien in Samen ist durchaus möglich

    Bakterien können auf ganz natürlichem Weg in Samen gelangen. Diese Wege gibt es schon seit jahrmillionen und passieren OHNE menschliches zutun! Somit kann es durchaus sein, dass die Samen selber Träger sind. Auch in unserer hyperhygienischen Welt regiert die Natur, nur wollen wir das nicht immer wahrhaben. Wenn die Natur "zurückschlägt", dann vermuten wir sofort menschliches Versagen oder Verschwörungen. Wir sollten uns wieder vermehrt bewusst werden, dass wir nicht alles im Griff haben können und die Natur durchaus ihre Wege hat.

  • MadChengi am 13.06.2011 14:00 Report Diesen Beitrag melden

    Monsanto, Serono - Biofood verbieten!!!

    Man sollte ab sofort alles freie unkontrollierte Saatgut verbieten. Streng wissenschaftlich kontrolliertes und produziertes Saatgut z.B. von Monsanto ist sicher und alles andere sollte verboten werden. Praktisch wer jetzt schon Aktien von Monsanto, Serono etc. hält:o)))

  • Swaantje Janke am 13.06.2011 13:10 Report Diesen Beitrag melden

    Übertragung über den Menschen ?

    Einer der Gaststättenbesucher hatte überhaupt kein Gemüse gegessen, laut seiner Aussage. Kann man wirklich ausschließen, dass EHEC sich nicht auch über Menschen verbreitet?

    • Biologe am 13.06.2011 14:07 Report Diesen Beitrag melden

      indirekt doch

      Es geht z.B. auch über WC-Türklinken etc. Deshalb: nach JEDEM WC-Besuch HÄNDE WASCHEN!

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  • Levit Petrowski am 13.06.2011 11:16 Report Diesen Beitrag melden

    Samen und Ehec?

    unglaublich - soll doch mal jemand genau erklären wie das alles vor sich geht. Wie können Samen bereits mit Ehec belastet sein. Woher und wie kommen die Ehec Bakterien IN den Keim. Da wird doch irgendwo geschlampt.

    • jemand, der Schule aufgepasst hat! am 13.06.2011 14:14 Report Diesen Beitrag melden

      schon mal etwas von Biologie gehört?

      Es geht! Dabei muss gar nicht geschlampt werden! Es ist ein ganz natürlicher Vorgang! Aber es erklärt noch nicht, was die ursprüngliche Quelle der Bakterien war. Irgendwoher müssen sie kommen - und auch das war ziemlich sicher ein ganz natürlicher Weg. Es steckt nicht hinter allem eine Verschwörung!!! Und ich möchte auch mal wissen, ob sie überall die Hygiene strengstens einhalten? Waschen sie sich etwa alle 2 Minuten die Hände? Niessen sie in Elbogen?

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