Psychische Besonderheiten

03. November 2010 12:20; Akt: 15.02.2012 21:04 Print

Das Objekt der Begierde

Liebe tut weh - besonders, wenn ein harter oder kantiger Gegenstand zum Liebes- und Sexualpartner wird. 20 Minuten Online begibt sich heute in die Welt der Objektsexuellen.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Bei manchen Autobesitzern hat man schon das Gefühl, dass sie es - gelinde gesagt - mit dem Hegen und Pflegen ihres fahrbahren Untersatzes etwas zu genau nehmen. Da wird getuned, geputzt und poliert. Doch bei einem Grossteil Autoliebhaber bleibt es bei einer «platonischen» Beziehung.

Für den Briten Robert Stewart ist das offensichtlich nicht genug: Der 51-Jährige wurde im vergangenen Jahr in einem schottischen Hotel von einem Zimmermädchen inflagranti erwischt. Das Besondere: Stewart hatte Sex mit seinem Velo (20 Minuten berichtete).

Stewart ist vermutlich objektsexuell, dass heisst, er empfindet zärtliche Gefühle für sein Velo und lebt mit ihm in einer sexuellen Beziehung. Ein Wasserkocher, eine Trompete oder ein Ventilator anstatt einer zwischenmenschlichen Beziehung? «Dahinter steckt eine komplexe Gefühlswelt, welche zum einen die gesamte Palette emotionaler Regungen, genau wie bei einer zwischenmenschlichen Beziehung mit einschliesst, {...} eigentlich ist es die simple Anziehung durch Objekte», so erklärt die Website «objektophilia.de» diese ungewöhnliche Neigung.

Der Fernseher, so sexy...

Bei Ruth aus dem Jura begann alles sehr früh. Die heute 56-Jährige fühlte sich schon als Kind von Eisenbahnschienen magisch angezogen. Ihre erste grosse Liebe war der Fernseher ihrer Eltern. Form, Grösse und Bedienungselemente erregten sie.
Später zog sie in eine Wohnung, in der sie sich in einen Kamin verliebte. Als der Vermieter Eigenbedarf anmeldete und Ruth ausziehen musste, brach für die Schweizerin eine Welt zusammen.

«Während der Pubertät hatte ich sehr gelitten, weil ich anders war», erzählte Ruth in der Talksendung «Domian». Eine Beziehung zu einem Menschen kam für sie nie in Frage - das reizt sie nicht. Aktuell liebt Ruth eine Jukebox, mit der sie seit 1995 zusammenlebt. Sexuelle Handlungen führt Ruth mit dem Elektrokabel des Röhrenverstärkers aus: «Das ist für mich der Penis», erklärt sie.

Wie beurteilen Experten die objektophile Neigung? «Schon in der Kindheit wird mangelnde Liebe und die daraus resultierenden Verlassenheitsgefühle und ein geringes Selbstvertrauen mit sexueller Erregung kompensiert», meint Marie-Luise Imholz, Psychotherapeutin aus Zürich. Der Betroffene sucht im Gegenstand zunächst einen Beziehungsersatz: «Weil menschliche Liebe zu wenig verfügbar ist, wird das Verlangen auf ein sicheres Objekt projiziert. Fehlt das Vertrauen in menschliche Beziehungen, lässt sich die Begierde nicht auf eine Person übertragen.»


(rre)