Psychische Besonderheiten

05. Juni 2009 17:34; Akt: 03.11.2010 12:18 Print

Was soll ich hier? Ich kann doch nix!

Sie tragen Verantwortung, stehen im Rampenlicht, laufen in einer Führungsposition täglich zu Höchstleistungen auf. Trotzdem ist sich längst nicht jedes Alphatier seiner Macht bewusst - ganz im Gegenteil.

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Fehler gesehen?

Kate Winslet hat es, Michelle Pfeiffer und auch Jodie Foster: Drei Frauen, von Fans und Medien geliebt und geehrt, mit hochdotierten Filmpreisen für ihre Leistungen und ihr Talent ausgezeichnet. Doch anstatt sich selbstbewusst im Erfolg zu sonnen, nagen regelmässig Selbstzweifel an den Leinwandschönheiten. Sie alle quält ein ganz besonderer Typ von Minderwertigkeitskomplex: Das sogenannte «Hochstapler-Syndrom».


Pures Glück statt Kompetenz?

Anders, als der Begriff vermuten lässt, ist nicht «mehr Schein als sein» das Problem: Der Betroffene glaubt vielmehr, seinem beruflichen Status nicht würdig zu sein, ist davon überzeugt, die hart durch Kompetenz und Einsatz erkämpfte Position einzig durch glückliche Umstände erlangt zu haben. Studien zufolge, soll jeder Zweite irgendwann einmal unter dem «Hochstapler-Syndrom» leiden - vornehmlich Personen in Führungspositionen, besonders häufig betroffen sind Frauen: Selbst ein brillianter Hochschulabschluss und ein rasantes Emporsteigen auf der Karriereleiter lassen sie im Glauben, völlig fehl am Platz oder gar ein Blender zu sein.


Quälende Selbstzweifel versus Selbstzufriedenheit

Ein ernstzunehmendes Problem oder Jammern auf hohem Niveau? Gegen Letzteres spricht eine Studie der Amerikanerinnen Pauline Clance und Suzanne Imes, die sich dem Phänomen laut dem Frauenmagzin «Emotion» bereits vor 31 Jahren widmete. Die beiden Psychologinnen untersuchten 150 Karrierefrauen und entdeckten gravierende Selbstzweifel. Laut eigener Angaben hatten die Probandinnen ihre Karriere dem Zufall, einem guten Timing oder purem Charme zu verdanken. Diese Selbstzweifel äussern sich zum Teil subtil: So fallen beispielsweise einige vom «Hochstapler-Syndrom» betroffene Chefs als besonders autoritär bei ihren Mitarbeitern auf oder greifen bei Problemen mit unverhältnismässiger Härte durch.


Spurensuche in der Kindheit

Der Grund, warum sich souveräne Wissenschaftler, Ärzte oder Juristen für minderwertig halten, liegt laut dem Forscher Manfred Kets de Vries in der Struktur der eigenen Familie begründet. «Das Gefühl, ein Schwindler zu sein, kann durch das Familiengefüge entstehen». Der Psychoanlytiker und Professor an der Universität Insead in Frankreich befasst sich seit einigen Jahren intensiv mit dem «Hochstapler-Syndrom».

Wird das Problem so stark, dass es den Komplexbehafteten in seiner Handlungsfähigkeit massiv einschränkt, sollte der Betroffene unbedingt den Kontakt zu einer psychologischen Fachperson suchen.

(rre)