Methan

23. November 2010 10:50; Akt: 23.11.2010 11:15 Print

Der Klimakiller lauert im Permafrost

Forscher warnen vor einem neuen Teufelskreis: Aus dem arktischen Eis und dem Permafrost Sibiriens könnten Milliarden Tonnen von Treibhausgasen freigesetzt werden.

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Infografik zum Klimawandel.

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Die meisten Klimaforscher sind sich inzwischen einig, dass sogenannte Treibhausgase wie Kohlenstoffdioxid und Methan den Klimawandel ausgelöst haben. Verantwortlich für den erhöhten Ausstoss seien eine höhere Verkehrsdichte, gestiegener Energiebedarf und intensive Viehzucht.

Im ewigen Eis liegt nach Angaben von Wissenschaftlern jedoch ein noch weit gefährlicherer Klimakiller. Da im Permafrost grosse Mengen Methan und Kohlenstoffdioxid gespeichert sind und beispielsweise in Sibirien in den Sommermonaten der Boden nun für längere Zeit auftaut, wird immer mehr Gas in die Atmosphäre ausgestossen. Die 1,5 Billionen Tonnen Kohlenstoff, die weltweit im ewigen Eis gebunden sind, gelten in Wissenschaftskreisen als tickende Zeitbombe für das Klima.

Als besonders gefährlich gilt mittlerweile das frei werdende Methan, das 23 Mal stärker auf das Klima wirkt als Kohlenstoffdioxid. Doch noch liegen keine genauen Forschungsergebnisse vor, was das arktische Methan tatsächlich für das weltweite Klima bedeutet. Mehrere Forscher haben die US-Regierung nun aufgefordert, Satelliten einzusetzen, um mehr Informationen über freigesetztes Methan zu sammeln.

Über 50 Milliarden Tonnen Methan allein in Sibirien

Neun Prozent der globalen Methan-Emission finde derzeit in der Arktis statt, heisst es in einer Untersuchung des «Arctic Monitoring an Assessment Program» aus dem vergangenen Jahr. Katey Walter Anthony von der Universität Fairbanks in Alaska hat vor zehn Jahren begonnen, den Methan-Ausstoss im sibirischen Chersky zu messen. Jedes Jahr taue der Permafrost für längere Zeit auf und hinterlasse grössere Seen.

«Der See verdaut den Permafrost und stösst das Methan aus», sagt Anthony. «Über 50 Milliarden Tonnen Methan könnten allein von sibirischen Seen freigesetzt werden.» Das wäre zehnmal mehr, als sich derzeit insgesamt in der Atmosphäre befindet.

In Chersky hat sich der Boden in den vergangenen fünf Jahren um durchschnittlich zwei Grad erwärmt. Während der Sommermonate verwandeln sich die Strassen in zerfurchte Schlammpisten und wegen der nachgebenden Fundamente bilden sich Risse an Gebäuden. Die Schule von Chersky wurde wegen Einsturzgefahr bereits vor Jahren geschlossen. Heute hält vor dem Eingang nur noch Karl Marx als Bronzestatue einsame Wache.

Hunderte Millionen Flüchtlinge befürchtet

Die Auswirkungen des Klimawandels zeigen sich nach Ansicht von Wissenschaftlern bereits heute in einem Anstieg von Naturkatastrophen und könnten der Welt ein neues Flüchtlingsproblem bescheren. Rund 200 Millionen Menschen könnten bis zum Jahr 2050 wegen Naturkatastrophen ihre Wohnorte verlassen müssen, hiess es in einem Bericht, den die US-Flüchtlingsorganisation Refugees International am Montag veröffentlichte. Die ärmsten Länder der Welt seien vom Klimawandel am stärksten bedroht.

Die Überflutungen im Sommer im Pakistan haben nach Ansicht von Refugees International die Regierung und internationale Hilfsorganisation völlig überfordert. «Die massive Überschwemmung war ein Weckruf, der die Aufmerksamkeit auf die Bedrohungen lenkt, die von klimabedingten Naturkatastrophen ausgehen», sagte der Präsident von Refugees International, Michel Gabaudan. «Angesichts der hohen Kosten, die solche Katastrophen verursachen, liegt es in unserem eigenen Interesse, uns auf massive Flüchtlingsbewegungen vorzubereiten und die am stärksten bedrohten Menschen zu beschützen.»

Zahlreiche Experten gehen davon aus, dass der Klimawandel für die Überflutungen in Pakistan verantwortlich war. Sollte es nicht gelingen, angemessen auf die Problematik der Klima-Flüchtlinge zu reagieren, sei die langfristige Stabilität der besonders betroffenen Staaten bedroht, warnte Refugees International. «Mit vorsorglichen Schritten können wir diese Länder stärken und die Ärmsten der Welt unterstützen», sagte Gabaudan.

(ap)