Zivile Grenzwächter

11. August 2011 15:38; Akt: 16.08.2011 10:31 Print

«Idealisten im schlechtesten Wortsinn»

von Torsten Hilscher, DAPD - Seit dem Bau der Mauer 1961 suchte ein Heer von Helfern in Ost-Berlin nach vermeintlichen und echten Grenzverletzern. Ein Historiker hat das düstere Kapitel erstmals aufgearbeitet.

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Der Historiker Gerhard Sälter bei der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Strasse in Berlin. (Bild: Keystone/AP/Berthold Stadler)

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Der Historiker Gerhard Sälter hat zum ersten Mal ausführlich über zivile Grenzwächter geforscht. Mit dem Leiter des Arbeitsbereiches Forschung und Dokumentation der Gedenkstätte Berliner Mauer sprach dapd-Korrespondent Torsten Hilscher.

dapd: Wo befinden sich heute die Unterlagen zum DDR-Grenzschutz?
Sälter: Viel Material liegt im Militärarchiv in Freiburg. Da ist wirklich alles vermerkt worden: Von der Bestellung von Unterhosen bis hin zu den verschiedenen Befehlen und Anweisungen zu schiessen.

Waren die Truppen der Nationalen Volksarmee (NVA) unterstellt.
Sie bildeten - neben Marine, Heer und Luftwaffe - eine vierte Teilstreitkraft. Die Grenztruppen unterstanden dem Minister für Verteidigung direkt.

Welche Erkenntnisse haben Sie überrascht?
Die gute Zusammenarbeit zwischen Volkspolizei (VP), Staatssicherheit und Grenztruppen ab Ende der 1960er Jahre. Die haben richtige Verträge geschlossen. Vorher dachte ich, das geht nach Befehl etwa vom Politbüro aus. Die Zusammenarbeit sah dann so aus, dass die Grenztruppen vor allem den eigentlichen Grenzstreifen und das direkte Grenzhinterland überwachten, die Volkspolizei ebenfalls das Vorfeld der Grenze bestreifte, aber auch republikweit, zusammen mit der Staatssicherheit, an der frühzeitigen Erkennung und Festnahme von Flüchtlingen beteiligt war.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Alle VP-Wachen in Grenznähe fungierten als Grenzwachen. Dort war die Hälfte der Polizisten nur damit beschäftigt, im Vorfeld der Grenze herumzulaufen und verdächtige Personen entweder zu überprüfen oder festzunehmen. Sie tätigte denn auch unzählige Verhaftungen. Ziel der Zusammenarbeit war jedoch, dass die potenziellen Flüchtlinge die Grenze gar nicht erreichen: Damit wurde die ohnehin grosse Überwachungsdichte in der DDR noch einmal verstärkt.

Es soll auch zivile Helfer gegeben haben.
Da waren zuallererst die Grenz-IMs der Stasi – Leute, die entweder im Grenzgebiet wohnten oder dort arbeiteten. Sie meldeten Fremde und bespitzelten Nachbarn. Sie achteten auf Fluchtvorbereitungen, beispielsweise, ob Tunnel gebaut wurden. Zusätzlich gab es freiwillige Helfer der VP und der Grenztruppen. Diese ehrenamtlichen Unterstützer des Grenzregimes liefen mit einer alten Grenztruppenuniform, einer Armbinde und einem Ausweis versehen nach Arbeitsschluss Streife im Grenzgebiet. Gewünscht war Überzeugung und Idealismus - natürlich im Sinne der SED. Diese freiwilligen Helfer waren somit Idealisten im schlechtesten Wortsinn.

Wie sah eine Fahndungsaktion mit Freiwilligen aus?
Näherten sich Verdächtige der Mauer, wurde ein Codewort ausgelöst und die verschiedenen Uniformierten verteilten sich auf festgelegte Standpunkte. Eine Alarmgruppe der Grenztruppen begab sich an eine bestimmte Stelle im Grenzstreifen, mehrere Volkspolizisten besetzten Punkte im Hinterland der Grenze, um die Menschen schon bei der Annäherung festzunehmen oder zu verhindern, dass sie sich nach missglückter Flucht unbemerkt wieder ins Hinterland der DDR begeben konnten. Die freiwilligen Helfer waren in diese «Fluchtfahndung» einbezogen, sie kontrollierten unter anderem Haltestellen und andere Punkte, an denen die angezeigten Flüchtlinge sich dem Grenzgebiet nähern konnten.

Aber auch der Streifendienst an der Grenze hatte eine abschreckende Wirkung auf potenzielle Flüchtlinge, da durch den Einsatz der Helfer die Zahl der Uniformträger erhöht wurde. Einige hatten ganz ordentliche Festnahmequoten. Nicht alle waren Flüchtlinge. So gab es Massen an Festnahmen, wo Leute einfach ihre Freundinnen nach Hause brachten oder die Oma besuchten.

Was trieb diese Helfer an?
Die Entlohnung wohl kaum, das war ehrenamtlich und es gab nur ab und zu mal eine Prämie. Einige waren sicher «150-Prozentige». Als Normalbürger sammelt man damit Punkte, insbesondere, wenn man im Grenzgebiet wohnte und von der Aussiedlung bedroht war. Ausserdem standen alle DDR-Bürger unter dem Zwang, sich aktiv zu betätigen, und das war für den einen oder anderen sicher die Gelegenheit, beim Staat und bei der SED Pluspunkte zu sammeln. Diese konnte man beispielsweise einlösen, wenn es um die Verteilung knapper Güter ging. Schrieb man eine Eingabe, um eine Wohnung zu kommen, konnte man alle diese «Verdienste» erwähnen.

Gaben sich diese offiziellen Grenzhelfer zu erkennen?
Sie liefen mit Armbinden herum und hatten einen Ausweis, trugen aber keine Waffen. Einige wollten das aber gern. Die fühlten sich nämlich schon benachteiligt, weil die VP-Helfer für langjährige Mitwirkung Medaillen bekamen, sie aber nur Urkunden. Da gab es Beschwerdebriefe und richtige Proteste.

Wie stark waren die Helfer aufgestellt?
Für die VP haben wir keine Zahlen. Bei den Helfern der Grenztruppen schwanken sie zwischen 1961 und 1989 von 3000 bis 4000 an der innerdeutschen Grenze und zusätzlich 300 bis 400 in Berlin. Pro Grenzkompanie sind 30 bis 40 Helfer nachgewiesen. Die waren manchmal ziemlich übereifrig bei den Festnahmen, was jedoch eine deutliche Abschreckungswirkung hatte.

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