Wechselkröte im Landschaftspark

10. August 2011 16:22; Akt: 16.08.2011 10:44 Print

Blütenmeer auf dem ehemaligen Todesstreifen

von Nicole Scharfschwerdt, DAPD - Dort, wo früher der Todesstreifen zwischen Berlin-Lichterfelde und Teltow verlief, stehen heute Kirschbäume. Naturschützer sprechen von einer einmaligen Artenvielfalt.

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Berlin - damals und heute. Orte in Berlin zu Zeiten der Mauer und heute im direkten Vergleich.

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Bei einer Radtour entlang des ehemaligen Mauerstreifens im Südwesten Berlins erinnert knapp 50 Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer kaum noch etwas daran, dass hier einst Grenzschützer patrouillierten. Radler und Spaziergänger geniessen die vielfältige Natur zwischen Wald- und Wiesenflächen.

Hannelore von Büren-Rieder ist Biologin. In ihrer Freizeit engagiert sie sich im Aktionsbündnis Landschaftspark Lichterfelde Süd. Das Bündnis will möglichst viel von der einmaligen Natur hier am Grenzstreifen für die Öffentlichkeit zugänglich machen. «Das Grüne Band mit seinen Trockenrasen-, Wald- und Weideflächen ist eigentlich typisch für die Region», erläutert von Büren-Rieder. Diese Vielfalt sei in der Zwischenzeit aber etwas Besonderes, sagt sie mit Blick auf die grossen agrarindustriellen Monokulturen in Brandenburg. «Zusätzlich gibt es hier einige Arten, die hochgradig bedroht sind.»

30 Jahre unberührtes Gelände

30 Jahre lang blieb der Mauerstreifen nahezu unberührt, weshalb bestimmte Arten hier besser überdauern konnten als anderswo. Nach dem Mauerfall konnte sich die ursprüngliche Vegetation wieder breitmachen. Wichtig sei vor allem, dass es sich eben um ein durchgängiges Band handle, auf dem sich Tiere und Pflanzen ungehindert bewegen könnten, sagt von Büren-Rieder.

Danach befragt, welche besonderen Arten es am Mauerstreifen gibt, nennen Naturschützer vor allem die Wechselkröte. Das Tier hat sein Rückzugsgebiet auf dem ehemaligen Truppenübungsgelände Parks Range, das heute der österreichischen CA Immo gehört. Das rund 115 Hektar grosse Gelände ist abgesperrt, den einzigen – nicht ganz legalen – Eingang überwacht ein Sicherheitsbediensteter mit Argusaugen. Betreten verboten. Zumindest bis auf weiteres.

Das Gelände der Parks Range ist, ebenso wie es der Mauerstreifen während des Kalten Kriegs war, seit mehreren Jahren dem Wildwuchs überlassen. Lilafarbene, weisse und gelbe Blüten blitzen durch das Gras. Am unteren Teil der Parks Range, entlang des ehemaligen Todesstreifens, hat sich ein dichtes Wäldchen aus Birken, Weiden, Eichen und Ahornbäumen gebildet. Selbst Schwarzpappeln, die laut Roter Liste gefährdeter Arten in Deutschland als besonders bedroht eingestuft sind, stehen hier noch.

Entlang der Bahnlinie haben sich zahlreiche Blumen und Kräuter ausgebreitet: der blaue Natternkopf, die lila Flockenblume, die weisse wilde Möhre. «Junge Leute fragen mich oft, ob sie die Blumen überhaupt pflücken dürfen», erzählt die Biologin und lacht. «Ja, selbstverständlich dürfen sie.» Natur ist eben kein Museum.

Aktionsbündnis fordert Landschaftspark

Ein paar hundert Meter weiter, am Teltowkanal, hat sich die Vegetation gewandelt. Anstatt Trockenrasen dominieren hier hohe Erlen und Weiden. Die ehemaligen Grenzanlagen sind zugewachsen. An den ehemaligen Todesstreifen erinnert kaum mehr als ein altes Stahlkonstrukt, das einst dazu diente, die Grenzanlagen zu sichern. Hinter den Bäumen breitet sich das Schilf bis Teltow aus. Hier laichen Erdkröten und Moorfrösche. Mit viel Geduld lassen sich auch ein paar seltene Vögel erspähen, darunter auch Pirole und Eisvögel, die ebenfalls als bedroht gelten.

Da sich vor allem auf Teltower Seite das Wohngebiet immer weiter ausbreitet, will das Aktionsbündnis Landschaftspark Lichterfelde Süd zumindest den ehemaligen Truppenübungsplatz Parks Range in seiner jetzigen Form erhalten.

Derzeit ist die Zukunft des Geländes aber noch völlig offen. Berichten zufolge will die CA Immo einen Teil der Fläche als Wohnbaufläche nutzen und auf dem grösseren Teil einen Golfplatz als Zwischennutzung anlegen. Das Unternehmen selbst weist dies allerdings als Gerücht zurück. Nach der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus sollen die Gespräche über die weitere Nutzung konkreter werden. Am 14. August wird das Gelände für einen Tag geöffnet. Das Aktionsbündnis bietet Führungen, eine Radtour und eine Vollmondwanderung an.