«Täuschen und Vertuschen»

11. August 2011 15:15; Akt: 16.08.2011 10:30 Print

Lügengeschichten über Mauer-Todesschüsse

von Viktoria Schiller, DAPD - Nicht genug, dass an der Berliner Mauer unzählige Flüchtlinge den Tod fanden – die Stasi vertuschte danach auch noch deren Todesumstände. Daran erinnert eine Ausstellung in Berlin.

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Eines der Maueropfer: Peter Fechter wird am 17. August 1962 von DDR-Grenzsoldaten geborgen. Er wurde beim Fluchtversuch erschossen. (Bild: Keystone/AP)

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Mit der Sonderausstellung «Täuschen und Vertuschen - die Stasi und die Mauertoten» erinnert die Stasi-Unterlagen-Behörde an den Mauerbau vor 50 Jahren. Die Schau zeigt anhand von fünf Schicksalen, wie die Stasi mit gefälschten Dokumenten und erfundenen Geschichten die Todesumstände der Maueropfer verschleierte. «Die jahrelange Ungewissheit ist das, worunter die Menschen am meisten gelitten haben», sagte der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, am 5. August in Berlin.

Die Vertuschung erfolgte nach einem zynischen Baukastenprinzip: Drei sogenannte Grundvarianten spielte die Staatssicherheit der DDR durch, um die Todesschüsse an der Berliner Mauer zu verheimlichen. «Selbstverschuldet tödlich verunglückt», war eine, «durch Grenzprovokation ums Leben gekommen» eine zweite, Tod durch Ertrinken eine dritte. Die eigentliche Ursache – gezielter Todesschuss – kam im Vokabular des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) nicht vor.

Warten auf die Wahrheit

Die Todesursache des 1973 an der Berliner Mauer erschossenen Ost-Berliner Ingenieurs Horst Einsiedel blieb für dessen Familie jahrzehntelang unklar. Erst nach der deutschen Wiedervereinigung erfuhren Einsiedels Angehörige die Wahrheit. Gleich zwei Lügengeschichten hatten MfS-Mitarbeiter der Familie aufgetischt.

Zunächst war ein angebliches Gewaltverbrechen vorgeschoben worden. Als Abhöraktionen zutage brachten, dass diese Geschichte die Familie nicht überzeugte, wurde auf Grundvariante drei der angeblichen Todesursachen zurückgegriffen: Einsiedel sei in der Havel ertrunken, hiess es. Den Leichnam hatte das MfS zu diesem Zeitpunkt bereits heimlich eingeäschert.

Akte dokumentiert Strategien der Stasi

Die Methoden der Staatssicherheit bei der Vertuschung der Todesschüsse sind in einer Sonderakte detailliert dokumentiert. In den Augen des Ausstellungsmachers Christian Booss zählt diese Akte zu den wichtigsten Dokumenten über die Mauertoten. Angesichts der Brisanz der Inhalte sei es verwunderlich, dass sie nicht verschwunden sei, sagte er der dapd bei einem Rundgang durch die Ausstellung.

Booss zufolge betrieb das MfS «erheblichen Aufwand» beim Vertuschen der Todesschüsse. Zunächst sei im Umfeld der Mauertoten recherchiert worden, ob Angehörige über die Fluchtpläne informiert waren. Parallel sei überwacht worden, ob West-Medien Kenntnis von den Vorfällen an der Mauer hatten. «Dann wurde entschieden, welche Legende gestrickt werden konnte», schilderte Booss. Nichts sei dem Zufall überlassen worden. «Es wurde genau überprüft, ob die Legende auch geglaubt wurde», sagte er.

Auch im Falle des West-Berliner Poliers Gerald Thiem, der 1970 aus unbekannten Gründen in die Ost-Berliner Grenzanlagen eingedrungen war, setzte das MfS seine Vertuschungsmaschinerie in Gang. Die Generalstaatsanwaltschaft der DDR liess alle Spuren verwischen. Seine Töchter erfuhren erst 1994 die Wahrheit über den Tod ihres Vaters. 177 Schüsse hatten Grenzsoldaten auf ihn abgegeben.