Berliner Mauer

13. August 2011 11:59; Akt: 16.08.2011 10:26 Print

Die Flucht unter der Mauer hindurch

von Christian Thiele, dapd - Das SED-Regime sperrte seine Bürger ein – doch die nutzten alle Möglichkeiten, um in den Westen zu fliehen. So wurden bis zum Fall der Mauer um die 70 Tunnel gegraben.

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Seit ihrer Gründung 1949 liefen der DDR die Menschen davon. Im Sommer 1961 stand das Arbeiter- und Bauernparadies knapp vor dem ökonomischen Kollaps. Dem stetigen Aderlass schob das SED-Regime mit dem ab August 1961 buchstäblich einen Riegel. Doch bis zum Fall der Mauer 1989 wagten hunderte die Flucht - mitunter mit brachialen Mitteln, wie der ehemalige DDR-Soldat, der am 17. April 1963 in einem Schützenpanzerwagen mit voller Kraft gegen die Mauer fuhr. Am 15. August 1961 sprang der Volksarmist Hans Conrad Schumann während der Bauarbeiten an der Mauer in der Bernauer Strasse über eine Stacheldrahtrolle in den Westen. Die Aufnahme des Sprungs, die dabei dem Fotografen Peter Leibing gelang, wurde zum ikonischen Bild der Flucht aus der DDR. Heute erinnert das Denkmal «Mauerspringer» an Schumanns Sprung. Zu Beginn war die Flucht noch relativ einfach. Bei den Häusern, deren Fassade unmittelbar an die Sektorengrenze stiess, waren oft nur die Fenster der unteren Geschosse versperrt oder zugemauert. So gelang auch am 9. September diesen insgesamt 12 Personen, die sich auf die Westseite abseilten, die Flucht. Später wurden die meisten dieser Häuser abgerissen. An der Bernauer Strasse, wo der Bürgersteig ebenfalls bereits im Westen verlief, kam am 22. August 1961 die 58-jährige Ida Siekmann zu Tode, als sie aus dem Fenster auf zuvor hinausgeworfene Federbetten sprang. Sie war wohl das erste Todesopfer der Mauer. Auch später nahmen Flüchtlinge diesen Weg; hier helfen zwei Männer im September 1961 einer älteren Frau beim Abstieg. Der erste durch Waffengewalt zu Tode gekommene Mauertote war Günter Litfin, der am 24. August 1961 an der Humboldthafenbrücke erschossen wurde. DDR-Presseorgane diffamierten den 24-jährigen Schneider danach als Homosexuellen und Verbrecher. Sein Bruder Jürgen richtete nach dem Mauerfall die «Gedenkstätte Günter Litfin» ein. Am 13. August 1961 waren die beiden Brüder in Berlin unterwegs, als die Grenze abgeriegelt wurde. «So viel Militär, die meinen es ernst», sagte Jürgen damals. Elf Tage später war sein Bruder tot. Die Mauer war in den ersten Monaten noch nicht das schier unüberwindliche Hindernis, zu dem sie später hochgerüstet wurde. Dieser Mann kletterte im Oktober 1961 über die Mauer. Mit einem Vorkriegs-Opel gelang es drei Frauen und zwei Männern in der Nacht des 14. November 1961 am Sektoren-Übergang Chausseestrasse aus Ostberlin zu fliehen. Sie hatten den Wagen mit Stahlplatten gepanzert und die Seitenwände und Türen mit Zement ausgegossen. Vor der Windschutzscheibe war eine Stahlplatte mit 180 feinen Durchbohrungen angebracht, die die Sicht auf die Fahrbahn ermöglichten. Volkspolizisten gaben aus Maschinenpistolen etwa 100 Schüsse auf das Fluchtauto ab. Trotzdem kamen die Flüchtlinge unversehrt davon. Die Agonie des Peter Fechter dokumentierte die Brutalität des Mauer-Regimes in aller Deutlichkeit: Der 18-jährige Maurerlehrling wurde am 17. August 1962 beim Fluchtversuch von DDR-Grenzern angeschossen und blieb bewegungsunfähig auf Ostberliner Gebiet liegen. Die Grenzsoldaten halfen ihm nicht und wiesen Zuschauer auf der Ostseite weg. Auch die US-Soldaten beim nahen Checkpoint Charlie und die West-Berliner Polizisten griffen nicht ein, obwohl immer mehr Menschen auf der Westseite sie dazu aufforderten. Fechter verblutete. Erst nach knapp einer Stunde wurde er von DDR-Grenzern geborgen; er starb im Krankenhaus. Die wütenden West-Berliner riefen den Soldaten «Mörder!» hinterher. Je unüberwindlicher die Mauer wurde, desto kreativer mussten die Flüchtlinge vorgehen. Eine Möglichkeit war, Tunnel unter der Mauer hindurch zu graben. Mehr als 300 Menschen flohen in rund 60 heimlich gegrabenen Tunneln aus der DDR nach West-Berlin. Diesen Tunnel bei der Lohmühlenbrücke zwischen den Bezirken Neukölln (West) und Treptow (Ost) entdeckten Grenzsoldaten im Oktober 1962. Der Fluchttunnel am Lohmühlenplatz Ecke Harzerstrasse war noch nicht fertiggestellt. Die Vopos warfen Tränengasbomben in den Schacht, um festzustellen, wohin die Schwaden ziehen, um so den Einstieg des Tunnels zu ermitteln. Ein DDR-Soldat zeigt einen verborgenen Tunnel, der nach seinen Angaben von West-Berlin aus nach Ost-Berlin gegraben wurde, um westliche Agenten in den kommunistisch regierten Ostsektor zu bringen. Einem Grenzsoldaten der DDR gelang es am 18. Oktober 1963, mit einer Planierraupe durch den dreifachen Stacheldraht nach Westberlin zu flüchten. Wenige Minuten danach bessern Soldaten der Volksarmee die Lücke bereits wieder aus. Die Planierraupe wurde zurück auf Ostberliner Boden gezogen, ein Panzerwagen sichert die Durchbruchstelle ab. Um solche Durchbrüche zu verhindern, rüstete die DDR die Mauer kontinuierlich auf. So präsentierte sich die Mauer der «vierten Generation» zu Beginn der Siebzigerjahre. Und noch ein Jahr vor dem Zusammenbruch der DDR lief die Planung für die Hightech-Mauer der Zukunft an. Wer der DDR illegal den Rücken kehren wollte, musste sich immer ausgefeiltere Fluchtideen einfallen lassen. Im Bild zwei «Fluchtkoffer», mit deren Hilfe 1971 ein zehnjähriges Mädchen per Eisenbahn in den Westen geschmuggelt wurde. Abgesehen von der Mauer in Berlin bot auch die innerdeutsche Grenze Möglichkeiten für Fluchtwillige. Besonders spät wurde die Lücke im Norden, an der Ostsee, geschlossen. Hier waren die Risiken aber sehr hoch; niemand weiss, wie viele DDR-Bürger für immer in den Fluten verschwanden. Dieser Trabi wurde 1986 von einer Familie aus Frankfurt (Oder) vor ihrem Fluchtversuch Richtung Dänemark am Ostseestrand bei Zingst auf Usedom abgestellt. Olaf K. unternahm 1989 mit diesem ingeniösen Apparat einen Fluchtversuch durch die Lübecker Bucht bei Gägelow. Er verwendete einen Autoschlauch als Auftriebskörper für eine Autobatterie und einen Moskwitsch-Gebläsemotor. Eine ähnliche Idee hatte Bernd Böttger, der die DDR-Grenzer mit seiner Erfindung - einem Gerät, das er danach patentieren liess und das heute Aqua-Scooter heisst - narrte. Ostdeutsche Grenzsoldaten im Februar 1989 an einer Stelle der Berliner Mauer, wo zwei von drei Ostberliner Männern die Flucht gelang. Doch viele Fluchtversuche endeten desaströs: Diese beiden Männer, die am 8. April 1989 am Grenzübergang Chausseestrasse aus Ost-Berlin in den Westteil der Stadt fliehen wollten, wurden durch Schüsse gestoppt. Sie wurden von den DDR-Grenzern verhaftet und abgeführt. Auf «Republikflucht» (eigentlich «ungesetzlicher Grenzübertritt» in DDR-Juristendeutsch) standen bis zu fünf Jahre (bis 1979) bzw. acht Jahre Gefängnis. Der Zusammenbruch der DDR wird diesen Flüchtlingen eine solche Haftstrafe erspart haben. Dass die DDR-Grenzsoldaten tatsächlich einen ausdrücklichen Schiessbefehl zu befolgen hatten, zeigt sich anhand von Personalakten wie dieser, die nach dem Mauerfall entdeckt wurden. Zahlreiche Mauerschützen hatten sich nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten vor Gericht zu verantworten. Und die DDR-Grenzer machten von ihrer Schusswaffe Gebrauch. Hier 1971, als ein Flüchtling angeschossen wurde. Der letzte Mensch, der an der Berliner Mauer erschossen wurde, war der 20-jährige Chris Gueffroy. Er starb am 5. Februar 1989. Gueffroy war aber nicht das letzte Opfer, das die Mauer forderte: Am 8. März gleichen Jahres starb Winfried Freudenberg, der in einem selbst gebastelten Ballon die Sektorengrenze überquerte und in Berlin-Zehlendorf abstürzte. Die Zahl der Mauertoten ist umstritten. Die offizielle Zahl liegt bei mindestens 136 Opfern, doch realistische Schätzungen nennen 245 Opfer. Hier erinnern weisse Kreuze in der Nähe des Reichstags an die Opfer der Mauer.

Bildstrecke: Vom Mauerbau bis zum Mauerfall gab es immer wieder DDR-Bürger, die die Sperranlage überwanden – oder dort starben.

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Das vergitterte Kellerfenster am Hauseingang in der Schönholzer Strasse 7 in Berlin-Mitte wirkt unscheinbar. Lediglich eine Gedenktafel an der elfenbeinfarbenen Fassade erinnert daran, dass sich dahinter vor 49 Jahren bewegende Momente abspielten. Am 14. September 1962 durchbrach Hasso Herschel die Kellermauer - am Ende eines 145 Meter langen, heimlich gegrabenen Tunnels. 29 Personen krabbelten danach in die Freiheit nach West-Berlin.

Der Tunnel des gebürtigen Dresdners, «Tunnel 29», den er mit 46 Helfern monatelang grub, gilt als einer der bekanntesten Fluchttunnel Berlins. Mehr als 70 gab es insgesamt. Der heute 76 Jahre alte Hasso Herschel buddelte gleich drei davon. Allein an der Bernauer Strasse wurde die Mauer sieben Mal untertunnelt. Ein gefährliches Unterfangen: «Unter zehn Jahre Zuchthaus hat kein Fluchthelfer erhalten», erinnert sich der Tunnelgräber, der sich stets von der West-Seite in den Osten Berlins grub.

Unzufriedenheit war oft Grund für Flucht

Herschel war nach eigenen Worten im Oktober 1961, also gut zwei Monate nach Beginn des Mauerbaus, mit einem Schweizer Pass aus der DDR nach West-Berlin geflohen. Mit dem SED-Regime hatte er zu diesem Zeitpunkt längst abgeschlossen: Unter anderem wurde Herschel 1953 verhaftet, weil er sich am 17. Juni in Dresden dem Arbeiteraufstand angeschlossen hatte. «Die DDR-Bürger sind nicht in den Westen geflohen, weil sie nur zwei Wurstsorten hatten. Sie konnten die Filme nicht sehen und die Bücher nicht lesen, die sie wollten», sagt er. Viele Unzufriedene entschieden sich zur Republikflucht. In Berlin sollen es 1961 fast 2500 pro Tag gewesen sein.

«Der Mauerbau kam überraschend», erläutert Dietmar Arnold. Der Vorsitzende des Vereins Berliner Unterwelten forscht seit 1991 zur Geschichte des Berliner Untergrunds und beschäftigt sich zugleich mit den Tunnelfluchten. «Vor dem Bau der Mauer gab es 80 000 Grenzgänger, also Menschen, die im Osten Berlins wohnten und im Westteil der Stadt arbeiteten», erzählt er.

13 000 Familien seien durch den Mauerbau in Berlin auseinandergerissen worden: Der Ehemann hat im Westen gearbeitet und die Frau mit den Kindern im Osten gelebt. 500 Studenten aus der DDR hätten in West-Berlin studiert. «Die Menschen haben aus Verzweiflung Tunnel gegraben, um Frau und Kind zu holen», sagt der Publizist. Anfangs seien Fluchten noch durch U-Bahn-Tunnel und die Kanalisation möglich gewesen.

Staatssicherheit machte die Kanalisation dicht

Nach Einschätzung Arnolds sind nach Oktober 1961 bis auf zwei Ausnahmen keine Menschen mehr durch das Kanalsystem nach West-Berlin gelangt. Er zeigt Fotos, auf denen Gitter oder Konstruktionen aus Eisenbahnschienen zu sehen sind, die ein Passieren der Röhren unmöglich machten.

Der erste selbst gegrabene Tunnel ist aus dem Jahr 1961 bekannt, der letzte wurde 1985 begonnen. «Mehr als 300 DDR-Bürger flohen so nach West-Berlin», schätzt Arnold. Den ersten Fluchtstollen gruben Brandenburger in Kleinmachnow. «Eine Hochzeitsgesellschaft feierte und plötzlich wurde es still in dem Haus», berichtet Arnold. Wie viele Personen dabei unterirdisch in die Bundesrepublik flohen, sei nicht bekannt.

Der Experte kennt das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Tunnelbauern und der Staatssicherheit. Einige Projekte seien aufgeflogen, andere wurden abgebrochen, weil es zu riskant wurde. «Wir haben auf dem Rücken gelegen und mit dem Fuss den Spaten in den Lehmboden gerammt», erzählt Fluchthelfer Herschel. Es war eng, die Luft stickig. Angst habe er vor Wassereinbrüchen gehabt. Er und seine Helfer wussten, dass einige Keller auf der Ostseite entlang der Mauer geflutet worden waren.

Herschel hatte Glück, er konnte seine Schwester sicher nach West-Berlin bringen. Bis 1972 habe er etwa 1000 Menschen zur Flucht verholfen, sagt er - unterirdisch oder in umgebauten Autos.

Dietmar Arnold erinnert sich an einen weiteren spektakulären Fluchttunnel auf einem Friedhof im Bezirk Pankow. Der Fluchtstollen flog jedoch auf, weil eine Mutter ihren Kinderwagen auf dem Friedhof zurückgelassen hatte. «Ein herrenloser Kinderwagen auf einem Friedhof in der Nähe der Mauer - das hat wohl auch die Staatssicherheit stutzig gemacht.»