Radioaktivitäts-Messung

23. März 2011 14:27; Akt: 11.09.2012 10:27 Print

«Cäsium 134 lässt auf Fukushima schliessen»

von Runa Reinecke - Derzeit wird die Radioaktivität in und über der Schweiz gemessen. Ein mit Spezialfilter ausgestattetes Flugzeug ermittelt den Strahlenanteil aus Fukushima.

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Ist der gesamte Körper über einen kurzen Zeitraum einer Dosis von bis zu einem Sievert ausgesetzt (mit dieser Einheit wird die Menge der Strahlung gemessen, die auf den Körper einwirkt), treten keine Symptome auf. Allerdings steigt das Risiko einer Krebserkrankung laut «Goruma» um rund 7,5 Prozent. Ab einer Dosis von einem bis zu zwei Sievert (kurze Exposition) tritt der sogenannte «Strahlenkater» ein. Zu den Symptome gehören Müdigkeit, Erbrechen und (blutiger) Durchfall. Nach vier bis sechs Wochen sterben rund zehn Prozent der Kontaminierten. Das Krebsrisiko erhöht sich ebenfalls auf über zehn Prozent. Bei zwei bis drei Sievert spricht man von einer schweren Strahlenkrankheit. Die blutbildenden Zellen im Knochenmark und die Zellen des Magen-Darm-Traktes werden geschädigt. Unter anderem kann es zu Haarausfall kommen. «Goruma» zufolge überleben 40 Prozent der Betroffenen die nächsten vier bis sechs Wochen nach der Strahlenexposition nicht. Die Überlebenden müssen mit einem erhöhten Krebsrisiko von über 15 Prozent rechnen. Eine Kontamination von drei bis vier Sievert hat eine sehr schwere Strahlenkrankheit zur Folge. Die Symptome sind mit der schweren Strahlenkrankheit vergleichbar, zeigen sich aber in intensivierter Ausprägung - der Betoffene muss intensivmedizinisch behandelt werden. Rund die Hälfte der Kontaminierten überlebt die folgenden vier bis sechs Wochen nicht. Das Krebsrisiko ist um bis zu 20 Prozent erhöht. Bei der extrem schweren Strahlenkrankheit, die nach einer Exposition von vier bis sechs Sievert besteht, kommt es zu schlimmen Blutungen. Das Allgemeinbefinden des Betroffenen ist äusserst schlecht. Besteht eine Kontamination durch rund sechs Sievert, bleibt eine Überlebenswahrscheinlichkeit von nur zehn Prozent. Die Strahlendosis ab sechs Sievert ist hundertprozentig tödlich. Die Zellen im Magen-Darm-Trakt und im Knochenmark sind zerstört, der Erkrankte stirbt innerhalb der nächsten vier Wochen unter furchtbaren Umständen. Ab einer Belastung von 50 Sievert tritt der Tod bereits nach wenigen Stunden ein.

Gemessen wird die Radioaktivität, die auf unseren Körper wirkt, in Millisievert. Wird der Grenzwert von einem Millisievert pro Jahr nicht überschritten, besteht keine Gesundheitsgefährdung.

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Eine Woche nach dem Reaktor-Unglück im japanischen Fukushima sorgt die ausgetretene Radioaktivität in der Schweiz für Verunsicherung - und sie wirft Fragen auf: In welcher Konzentration könnten die gefürchteten Nuklide auch uns erreichen? Müssen wir uns langfristig um unsere Gesundheit sorgen? Um Klarheit über die tatsächlichen Werte zu bekommen, werden in dieser Woche spezielle Messungen im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) stattfinden. Von einer «radioaktiven Wolke», von der vielfach berichtet wurde, kann aber Miriana Moser, Strahlenexpertin beim BAG zufolge, nicht die Rede sein: «Wir rechnen eher mit äusserst geringen Werten, die wir mit Hilfe von empfindlichen Messgeräten ermitteln.»

Roland Scheidegger greift dem Ergebnis schon einmal vor: «Selbst wenn man mit Hilfe von empfindlichen Messgeräten eine erhöhte Strahlung in der Luft feststellt, besteht längst noch keine Bedrohung für unsere Gesundheit». Der Einschätzung des Strahlenbiologen des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats ENSI nach sind wir weit von einer Überschreitung des Toleranzwerts und einer damit einhergehenden radioaktiven «Verunreinigung» - insbesondere von Nahrungsmitteln - entfernt.

Alles unauffällig - bis jetzt

Dass auch das BAG bereits Entwarnung gibt, bevor überhaupt Resultate der Messungen vorliegen, macht gemäss Miriana Moser schon allein deshalb Sinn, weil wir «viel zu weit von Japan entfernt» seien und deshalb «keine grössere Konzentration von Radioaktivität» zu erwarten sei. Diese hätte man sonst bereits gemessen.

Durchgeführt werden die Luftmessungen sowohl am Boden als auch in höheren Lagen. Während die Bodenmessungen auch ohne besondere Vorkommnisse über das ganze Jahr hinweg erfolgen und ein Mal wöchentlich ausgewertet werden, misst man die Strahlenwerte in höheren Lagen sechsmal im Jahr mit Hilfe eines Flugzeugs. «Zu diesem Zweck wird ein Hochvolumen-Luftfilter am Flieger angebracht. Dabei werden die Nuklide in der Luft über 30 Minuten auf einer Flughöhe von rund 5000 Metern gemessen», erklärt Moser auf Anfrage von 20 Minuten Online. Bis zum Freitag soll das Messflugzeug täglich starten.

Auf die Nachbarn ist kein Verlass

Glaubt man den errechneten Daten von Meteoschweiz, ziehen die von den Nukliden betroffenen Luftmassen heute über unser Land hinweg. «Dass wir die Messungen ohnehin für diese Woche geplant hatten, ist Zufall», meint die Expertin. Würde etwa ein erhöhter Cäsium-134-Wert gemessen, könnte man davon ausgehen, dass die Radioaktivität aus dem havarierten Reaktor in Fukushima stammt.

Auf bereits vorliegende Daten der umliegenden Staaten kann sich das BAG übrigens nicht stützen: «Nachbarländer wie etwa Deutschland werden ihre Messungen erst noch vornehmen», weiss Moser. Was tatsächlich gemessen wird, erfahren wir laut BAG am Freitag Nachmittag. Dann sollen die Resultate vorliegen.