Humanitäre Katastrophe

18. März 2011 12:53; Akt: 18.03.2011 16:38 Print

«Es fehlt an vielem ...»

von Runa Reinecke - Die radioaktive Bedrohung rückt die humanitäre Situation in Japan in den Hintergrund: Ein Mitarbeiter des Japanischen Roten Kreuzes erzählt, wie die Menschen gegen Kälte, Angst, Trauer und Krankheiten kämpfen.

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Die Universität Sheffield hat eine interessante Grafik veröffentlicht, in welcher die Welt nach dem Erdbebenrisiko gewichtet zeigt (). Die Situation in den 2400 Evakuierungszentren wird prekär: Wasser, Heizöl und Essen müssen rationiert werden. In vielen Dörfern, in denen keine Evakuierungszentren eingerichtet werden können, ziehen die Nachbarn zusammen. Damit sparen sie Energie beim Kochen und je mehr Menschen sich in den Wohnräumen aufhalten, umso höher ist die Raumtemperatur. Viele Japaner besorgen Esswaren auf provisorischen Märkten. «Ich nehme das, was es gibt», sagt eine ältere Frau, «und bin für alles dankbar.» In einigen vom Tsunami betroffenen Städten wurden die Strassen frei geräumt - nun kann effizienter evakuiert werden. Im Katastrophegebiet erschweren derzeit Schneeschauer die Rettungsarbeiten. Rettungskräfte kämpfen sich mühsam durch die überflutete Einöde. Sie suchen weiter nach Überlebenden, obwohl die Chancen mit jeder Minute sinken. «Der starke Verwesungsgeruch und das dreckige Meerwasser machen die Suche extrem schwierig», sagt Helfer Yin Guanghui. Als sei die Lage nicht schon schlimm genug, liegen die Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. An vielen Tankstellen bilden sich lange Schlangen. Die Menschen decken sich dort mit Heizöl ein. Die Zerstörung der Stadt Itsuchi in der Präfektur Iwate. Die Stadt existiert nicht mehr. Minamisanriku in der Präfektur Miyagi - dem Erdboden gleich. Minamisanriku in der Präfektur Miyagi - nichts bleibt übrig nach dem Tsunami. Sendai wurde vom Tsunami am härtesten getroffen. Eine Frau aus Miyako hat ihre Mutter und ihren dreijährigen Sohn verloren. Die toten Körper wurden im Haus gefunden. Eine Frau und ihre Tante in tiefer Trauer, als sie sich nach dem Erdbeben und Tsunami wieder treffen. Ein Schulzimmer in Otsuchi. Angestellte einer Firma geschockt, als sie ihren Arbeitsplatz wiedersehen in Minamisanriku, Miyagi. Überlebende vor den Toten in Rikuzentakata. Eine Harley Davidson sitzt auf Trümmern in Soma in der Präfektur Fukushima. Eine alte Frau kehrt zurück nach Hause - oder was davon übrig geblieben ist - in Otsuchi. Die Stadt Otsuchi - nichts bleibt übrig. Das Wasser ist hochgradig verschmutzt in Fudai. Schiffe in Kesennuma sind dort, wo sie nicht sein sollten. Der Tsunami beförderte Boote weit ins Landesinnere. Auch grosse Schiffe wurden von der Flutwelle wie Spielzeuge mitgerissen. Überlebende des Erdbebens versuchen, sich über die Dächer der eingestürzten Häuser in Sicherheit zu bringen. Nach wie vor wird fieberhaft nach Überlebenden des Tsunami gesucht. Die Flutwelle brachte meterhoch Schlamm in die Küstengebiete, was die Arbeit der Helfer erschwert. Trauer und Verzweiflung in Japan: Vielfach können Menschen nur noch tot geborgen werden. Die Versorgung mit Lebensmitteln ist schwierig. Wo es noch Waren gibt, bilden sich endlose Menschenschlangen. In Japan bilden sich derweil Schlangen vor den Supermärkten. Die Regale sind aber praktisch leer. Hunderttausende wurden aus den gefährdeten Gebieten evakuiert. Sie müssen in temporär eingerichteten Warteräumen übernachten. Einen Tag nach dem schweren Beben bietet die Stadt Sendai ein Bild der Verwüstung. Überall sind die Spuren der Verwüstung zu sehen. Die Strassen sind kaputt oder voller Schlamm. Die Welle drang bis zu zehn Kilometer ins Landesinnere ein. Kaputte Autos liegen herum, ... ... sogar Kleinflugzeuge. Angesichts Tausender Vermisster hat die japanische Regierung am 12. März 2011 ein grosses Militäraufgebot für Rettungsaktionen abgestellt. Hierzu sind 50 000 Soldaten für die Rettung von Überlebenden mobilisiert worden. Zahlreiche Städte und Dörfer entlang eines 2100 Kilometer langen Küstenabschnitts im Nordosten Japans sind betroffen. Mit der Flutwelle sind ganze Zugkompositionen weggeschwemmt worden. Die zuständige Eisenbahngesellschaft erklärte, sie wisse nicht, wie viele Menschen sich in den Zügen befunden hätten. In vielen Strassen an der Ostküste steht noch das Wasser. Rettungskräfte sind mit Booten unterwegs. Hunderte Menschen warten geduldig vor den wenigen Supermärkten, die wieder geöffnet haben, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen. Auf Luftaufnahmen war zu sehen, wie Helikopter der Armee mit Leinen verzweifelte Menschen von Dächern ... ... und aus Hausruinen bargen. Dafür waren 190 Militärflugzeuge und Helikopter ... ... sowie 25 Schiffe in die von dem Erdbeben betroffenen Gebiete unterwegs. Wegen zerstörten Zufahrtsstrassen haben Rettungskräfte bislang nicht zum Küstenstreifen vordringen können. In weiten Teilen Nordjapans hat das Erdbeben schwere Schäden angerichtet. Die Flutwelle erreichte eine Höhe von zehn Metern. Eine unbekannte Zahl von Opfern ist vermutlich von herabfallendem Mauerwerk verschüttet worden. Der Tsunami riss Schiffe, ... ... Autos, ... ... Container am Hafen, ... ... ganze Gebäude ... ... und tonnenweise Schutt und Geröll mit sich. Eine Retterin in Kesennuma.

Nach Erdbeben und Tsunami zeigt sich die Zerstörung, die von den Naturgewalten ausging.

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Das havarierte Atomkraftwerk in Fukushima versetzt die Menschen in Angst und Schrecken. Dabei gerät eine sich zur selben Zeit im Nordosten Japans abspielende Tragödie in Vergessenheit. Francis Marcus befindet sich derzeit in Tokio, um als Medienverantwortlicher der internationalen Föderation des Roten Kreuzes seine japanische Kollegen zu unterstützen. Mit 20 Minuten Online sprach er über die medizinische und psychologische Versorgung der Menschen im Katastrophengebiet und die damit verbundenen logistischen Herausforderungen.

20 Minuten Online: Herr Marcus, wie erleben Sie die Situation der Menschen in Japan?
Francis Marcus: Wir verfolgen hier gespannt die neusten Entwicklungen über das Fernsehen. Natürlich bin ich wegen der radioaktiven Bedrohung, die von Fukushima ausgeht, sehr besorgt. Genau wie meine japanischen Kollegen konzentriere ich mich aber auf die Hilfe in den von der Naturkatastrophe hart getroffenen Gebiete im Nordosten. Leider rückt die atomare Bedrohung, über die in den Medien bevorzugt berichtet wird, das humanitäre Desaster zunehmend in den Hintergrund.

Gibt es im vom Tsunami betroffenen Nordosten überhaupt noch eine Infrastruktur? Wie gelangt Hilfe dorthin?
Arbeitskollegen berichteten mir, dass einige Strassen befahrbar sind. So können die Hilfsgüter mit Kraftfahrzeugen in diese Regionen gebracht werden.

Wie sieht die Arbeit in diesen Gebieten aus?
Für das Japanische Rote Kreuz sind mehr als 60 medizinisch arbeitende Teams in den zerstörten Gebieten tätig. Sie arbeiten in mobilen, temporär errichteten Versorgungsstationen und Spitälern unserer Organisation. Die Bedingungen für die Menschen in den betroffenen Regionen sind sehr hart. Es fehlt an vielem …

Was wird besonders dringend benötigt?
Benzin, damit die Hilfsgüter mit unseren Fahrzeugen zu den Menschen gebracht werden können. Wegen der Benzinknappheit verzögert sich der Transport von dringend benötigten Lebensmitteln und Arzneien in die betroffenen Regionen. Damit die Menschen versorgt werden können, wird das Japanische Rote Kreuz von Benzinzulieferern bevorzugt behandelt.

Vor wenigen Tagen kam es zu einem Temperatursturz – im Nordosten ist es bitterkalt …
Das erschwert die ohnehin katastrophale Situation für die Menschen zusätzlich. Viele, die in den über 2000 Evakuierungszentren Schutz suchen, frieren.

In diversen Medien wurde berichtete, dass es viele Menschen in den überfüllten Notunterkünften nicht mehr aushalten und draussen leben …
Darüber wissen wir nur wenig. Vermutlich halten sie sich mehrere Stunden ausserhalb der Notunterkünfte auf, um der Enge vorübergehend zu entfliehen.

In den Notunterkünften leben die Menschen dicht gedrängt zusammen. Droht dadurch die Ausbreitung von ansteckenden Krankheiten?
Ärzte aus den Evakuierungszentren erzählten von Menschen, die an Grippe leiden. Auch Durchfallerkrankungen sind ein Problem. Dennoch ist die Situation im Moment nicht alarmierend. Wir müssen uns aber um chronisch Kranke und alte Leute sorgen.

Wie steht es um die psychische Verfassung der Betroffenen?
Viele dieser Menschen erlebten Schreckliches. Sie haben nicht nur ihr Zuhause, sondern auch ihre Familienangehörigen oder Freunde verloren. Sie brauchen jemanden, mit dem sie über ihre Probleme und den Verlust reden können. Aus diesem Grund wird jedes unserer medizinischen Teams von einer psychologischen Fachperson unterstützt. Aus Erfahrung wissen wir, dass Menschen durch Katastrophen schwer traumatisiert werden können. Deshalb ist die psychologische Nothilfe sehr wichtig.