Ebola-Epidemie

31. Juli 2014 07:26; Akt: 31.07.2014 07:26 Print

«In der Schweiz könnte es 20 bis 50 Tote geben»

von Fee Riebeling - In Afrika breitet sich Ebola derzeit unkontrolliert aus. Das aggressive Virus könnte auch in die Schweiz kommen, so Virologe Marc Strasser.

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Herr Strasser, warum wütet das Ebola-Virus in Westafrika so stark?
Marc Strasser:
Bei früheren Ausbrüchen handelte es sich um lokale Ereignisse in meist kleinen Dörfern. Jetzt sind zum ersten Mal Städte und mehrere Länder betroffen. Grund dafür ist sicher der gestiegene Personenverkehr. So breitet sich das Virus deutlich schneller und weitläufiger aus.

Experten gehen davon aus, dass Trauerrituale, bei denen die Hinterbliebenen den Verstorbenen noch einmal nahekommen, bei der Übertragung eine grosse Rolle spielen. Warum unterlassen sie das nicht?
Für die Menschen in Afrika ist der Glaube sehr wichtig. Deshalb gewichten sie das Infektionsrisiko weniger stark als ihre Rituale.

Das Virus tauchte 1976 zum ersten Mal auf und dann immer wieder. Warum gibt es keine Impfstoffe?
Es existieren bereits verschiedene Impfstoffvarianten. Und in Tierversuchen haben sie sich auch als sehr vielversprechend entpuppt. Aber klinische Studien stehen noch aus. Das ist letztlich eine Frage des Geldes. Weil es sich bei den Ausbrüchen bisher nur um lokale Ereignisse handelte, war das Interesse der Pharmaproduzenten schlichtweg zu klein, um zu investieren. Oder anders: Es fehlte der kommerzielle Nutzen. Das könnten die aktuellen Geschehnisse nun ändern. Allerdings ist es ethisch problematisch, diese Impfstoffe am Menschen zu testen. Denn um deren Wirkung überprüfen zu können, muss man sowohl geimpfte als auch nicht geimpfte Personen dem Virus aussetzen. Bis es so weit ist, dürfte es also noch dauern.

Für die aktuelle Epidemie kommt der Impfstoff also zu spät?
Das ist leider so. Zumal ein Impfstoff ja auch nur dann hilft, wenn er vor einer Ansteckung und flächendeckend verabreicht wird. Und das dürfte in Afrika schwierig werden: Die Menschen dort haben grundsätzlich Angst vor weissgekleideten Personen, weil sie schlecht aufgeklärt sind. Das führt zu einem fatalen Irrglauben: Weil sie gesehen haben, dass andere Betroffene nicht mehr aus dem Spital zurückgekommen sind, gehen sie erst gar nicht dorthin. Auf diese Weise kann ihnen nicht geholfen werden – und sie übertragen das Virus weiter.

Wie kann man die aktuelle Epidemie eindämmen?
Aus meiner Sicht ist es das einzig Richtige, die Bevölkerung noch besser aufzuklären und infizierte Personen zu isolieren. Das ist bei lokalen Ausbrüchen relativ einfach, aber jetzt erfordert es eine logistische Meisterleistung der lokalen Behörden. Grenzschliessungen wie teilweise in der Elfenbeinküste sind ein erster guter Schritt. Andere Länder sollten diesem Beispiel folgen.

Kann das Virus nach Europa gelangen?
Vor drei Wochen habe ich gesagt: Die Chancen sind gering. Jetzt muss ich sagen: Es ist möglich. Denn die Inkubationszeit liegt zwischen zwei und 21 Tagen. Da kann es gut sein, dass trotz aller Vorsichtsmassnahmen Infizierte unbemerkt einreisen.

Macht Ihnen das Angst?
Angst nicht, aber Sorgen.

Hat die Schweiz einen Notfallplan?
Für Ebola gibt es diesen nicht explizit, aber für andere Erkrankungen wie Pocken oder Influenza. Diese Pläne könnte man für Ebola adaptieren. Das wären zum Beispiel Isolierstationen an den Flughäfen. Wenn ein Fluggast während der Reise Symptome zeigt, würde er nach der Landung sofort isoliert. Auch die anderen Passagiere würden in Quarantäne gesteckt. Denn das Wichtigste ist es, die Ausbreitung zu verhindern. Trotzdem müsste man in einem solchen Fall mit 20 bis 50 Toten in der Schweiz rechnen.

Sollte man derzeit von Reisen nach Westafrika absehen?
Das zu beurteilen ist Sache des Bundesamts für Gesundheit. Ich persönlich würde es machen, aber ich würde versuchen, Körperkontakt mit den Menschen zu vermeiden, denn das Virus verbreitet sich nicht durch die Luft, sondern durch Körperflüssigkeiten, Blut oder Gewebe. Menschen ohne virologisches Wissen würde ich momentan davon abraten.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sandra am 31.07.2014 07:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    21 Tage

    Das sagst man nur dazu Globalisierung ist nicht immer von Vorteil. Offene Grenzen in den EU Staaten ist im Moment wohl nicht so schlau. 21 Tage braucht die Krankheit zum ausbrechen Afrika nach Italien und weiter nach Spanien, Portugal und Uppsala in die Schweiz. Ohne dass es jemand bemerkt. Das macht mir nicht sorgen sondern Angst.

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  • Peter M am 31.07.2014 07:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jetzt handeln nicht warten

    Und wer werden die 20 bis 50 Tote sein? Wie soll man das so genau wissen? Ganz einfach . Grenzen zu für Flüge von und nach Afrika .

  • Pesche am 31.07.2014 08:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Viren

    Es ist schon bedenklich, wie viele hier die Situation falsch einschätzen. Jeder 2. schreibt davon, dass 20-50 Tote in der Schweiz nicht viel seien und dass sowieso nur die Pharmaindustrie daran verdient. Ebola gehört zu den tödlichsten Viruskrankheiten. Es gab Epidemien wo über 90% der Erkrankten verstorben sind, trotz medizinischer Hilfe. Kommt dieses Virus nach Europa, haben wir ein Riesenproblem. Mit der ganzen Mobilität kann es sich rasend schnell ausbreiten. Wenn es dann bei uns bei 50 Toten bleiben soll, wäre dies nur durch extreme Massnahmen (wie jetzt in Liberia) möglich.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • hajos am 31.07.2014 18:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Quarantäne?

    Das ist nun mal der Unterschied zwischen Mensch und Tier. Schon immer wurden Tiere aus diesen Ländern in Quarantäne gesteckt, wenn sie überhaupt einreisen durften. Und wie ist das nun mit den Menschen?

  • Fritz M. am 31.07.2014 17:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Therametrics

    Therametrics könnte auch mal forschen gehn..... aber ohne Geld..... wirds nicht klappen

  • Chobi am 31.07.2014 17:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rassismus?

    Nach all den vielen rassistischen, fremdenfeindlichen und antisemitischem Leserbriefen hier soll nochmals jemand behaupten, dass die Schweiz KEIN Rassismusproblem hat. Absolut beschämend!

  • K.Lieberherr am 31.07.2014 16:57 Report Diesen Beitrag melden

    EU -europ. Untergang

    Zum Glück brach Sars in China aus und wurde strikt umgesetzt und erfolgreich bekämpft.! In Europa spezifisch EU wird wahrscheinlich gewartet bis die ersten Afrika-Flüchtlinge und Dutzende Tote das Ebola bringen,danach wird noch Monate palavert bis eine kleine Entscheidung gefällt wird. Es ist halt einfacher kleine Länder einen Tag nach erfolgter Abstimmung zu drangsalieren !!! Hat die EU schon jemals etwas richtig gemacht ?!?

  • e. reichen am 31.07.2014 16:49 Report Diesen Beitrag melden

    zuviel Herumgereise

    Reisen überall hin. Einreisen aus Afrika. Das alles kann nicht gut gehen. Ständiges Geschrei um Umweltverschmutzung aber die ganze Welt bereisen! Ist nicht notwendig. Völkerwanderung in immensen Ausmassen! Bitte vernünftiger werden. Grenzen wieder kontrollieren etc. etc.