Schmerztherapie

02. Dezember 2008 12:15; Akt: 02.12.2008 12:54 Print

«Jeder darf auf Linderung hoffen ...»

von Runa Reinecke - In der Schweiz leiden schätzungsweise rund 200 000 Menschen an derart starken Schmerzen, dass sie sogar über Selbstmord nachdenken. 20 Minuten Online sprach mit einem Experten über individuelles Schmerzempfinden und Therapien, die zur Linderung beitragen.

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Für viele Menschen schränkt er die Lebensqualität massiv ein. Für manche ist er gar ein Grund, dem Leben ein Ende zu setzen: Der chronische Schmerz.

Laut «Leben ohne Schmerz» denken rund 200 000 Schweizer mit chronischen Schmerzen ernsthaft über einen Suizid nach. Dabei kann eine massgeschneiderte Therapie die Intensität der Schmerzen stark reduzieren. In der Schmerzklinik Kirschgarten werden Art und Intensität des Schmerzes bestimmt und die Patienten mit individuellen Therapiekonzepten behandelt. 20 Minuten Online befragte Dr. med. Guido Gallacchi, Chefarzt der Klinik Kirschgarten in Basel, zu Auswirkungen von chronischen Schmerzen auf die Psyche, individuellem Schmerzempfinden und unterschiedlichen Behandlungsmethoden.


20 Minuten Online: Unterscheiden sich Männer von Frauen in punkto Schmerzempfindlichkeit?
Guido Gallacchi:
Die Schmerzschwelle ist bei jedem Menschen unterschiedlich und auch abweichend von Tageszeit, klimatischen und emotionalen Faktoren. Zwischen Männern und Frauen herrscht ebenfalls eine unterschiedliche durchschnittliche Schmerzschwelle. So ist die Schmerzschwelle bei Frauen im Verhältnis niedriger als bei Männern. Das heisst, Frauen empfinden einen Schmerz früher und sie empfinden auch einen Schmerz eher als nicht mehr erträglich. Im Gegensatz aber zu den Männern haben die Frauen glücklicherweise die wesentlich besseren Schmerzverarbeitungsmechanismen, so dass Frauen, schon aus Gewöhnung, Schmerzen besser verarbeiten können. Das heisst also: Die Klagen des Mannes sind eindringlicher, lauter, dramatischer und auch theatralischer als bei Frauen. Frauen leiden häufiger unter starken und chronischen Schmerzen durch Krankheiten, welche bei Frauen häufiger auftreten als bei Männern, wie beispielsweise die rheumatoide Arthritis, Migräne, Spannungskopfschmerzen und Weichteilrheumatismus sowie Osteoporose. Dafür leiden Männer häufiger an Klasterkopfschmerzen und Schmerzen im Bereich der Brust. Diese Unterschiede sind hormonell und durch chemische Prozesse begründet. Einbildung hat hier nichts zu suchen! So spielen zum Beispiel Rezeptoren für im eigenen Körper produziertes Morphium eine wesentliche Rolle, welche bei Frauen anders angelegt sind als bei Männern. Östrogene blockieren antinozizeptive Systeme [der Begriff Nozizeption beschreibt den Erhalt von Signalen im zentralen Nervensystem (ZNS), die von spezialisierten sensorischen zellulären Rezeptoren (Nozizeptoren) hervorgerufen werden und Informationen über Gewebeschäden vermitteln]. Die Weiterleitung des Schmerzes wird also durch die Anwesenheit von Östrogenen erleichtert. Das begründet beispielsweise, dass die Schmerzschwelle von Frauen im Klimakterium ohne Hormonsubstitution sich derer der Männer angleicht.

Wer sucht Hilfe in Ihrer Schmerzklinik?
Alle Patienten mit akuten oder chronischen Schmerzen des Bewegungsapparates zu 80%, und 20% Kopfschmerzen oder migräneartige Schmerzen.
In der Schmerzklinik Kirschgarten behandeln wir vorwiegend Schmerzen am Bewegungsapparat, am häufigsten Rückenschmerzen und weichteilrheumatische Schmerzen sowie Gelenk-, Bänder- und Muskelschmerzen.

Können all Ihre Patienten auf ein schmerzfreies Leben – oder zumindest auf eine Linderung des Schmerzes – hoffen?
Auf eine Linderung darf jedermann und auch jede Frau hoffen, falls sie als Patient oder als Patientin bereit ist, das entsprechende Vorgehen mit ihrem Arzt auch durchzuhalten. Gelegentlich braucht es mehrere Anläufe und es braucht ein so genanntes multimodal vernetztes Therapiesystem, welches gleichzeitig angewandt wird. Dies bedeutet Engagement von Seiten der Patienten und mitmachen in den für den Patienten plausiblen Therapien. Unter diesen Voraussetzungen dürfen alle Patientinnen und Patienten auf ein schmerzarmes Weiterleben, im besten Falle auch auf ein schmerzfreies Weiterleben hoffen.

Schmerz wird sehr individuell empfunden. Lässt sich die Intensität des Schmerzes eines Patienten überhaupt messen (ausser durch Befragung)?
Jawohl, es gibt mittlerweile validierte Fragebögen und validierte Systeme, die den Schmerz erfassen und ihn objektiv zuordnen können. Der Aufwand, solche Fragebögen und Systeme auszufüllen, ist aber sehr gross und bedingt die Mitarbeit des Patienten. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, mit nicht verletzenden Elektroden den Schmerz objektiv zu messen. Das heisst, es besteht die Möglichkeit - und diese Möglichkeit haben wir in der Schmerzklinik Kirschgarten - festzustellen, wo die individuelle Schmerzstelle eines Patienten liegt und wie er damit umgeht. Es besteht allenfalls auch die Möglichkeit, objektiv mit diesen Messmethoden so genannte Simulanten zu entlarven. Allerdings sei festgehalten, dass wir ausserordentlich selten - vielleicht ein- bis zweimal pro Jahr - feststellen müssen, dass ein Patient Schmerzen angibt, die er überhaupt nicht hat. In der Regel sind das Schmerzangaben aus Begehrlichkeitsgründen.

Welche Therapiemöglichkeiten stehen dem Patienten zur Verfügung?
Um das Label einer Schmerzklinik zu erfüllen, bedarf es der gesamten, breiten Palette von Schmerztherapieangeboten. Diese reicht vom gesprochenen Wort bis zur spitzenmedizinischen Anwendung von wenig invasiven, chirurgischen Eingriffen. Sämtliche dieser Methoden werden in der Schmerzklinik Kirschgarten angeboten. Aber im Prinzip gilt: Wenn sich eine Institution als Schmerzklinik definieren will, so sollte sie wirklich die gesamte Palette der schmerztherapeutischen Möglichkeiten anbieten und zwar unter einem Dach und gezielt eingesetzt unter der Führung eines Managing Doctors, das heisst, ein Arzt, der einzig und allein verantwortlich ist für die Vernetzung all dieser komplexen Therapien und Abklärungsmöglichkeiten.

Welche Rolle spielt die Psyche beim Empfinden von Schmerz?
Unsere Psyche ist nicht dazu geschaffen einen chronischen Schmerz zu ertragen. Sie erschöpft sich und sie gleitet in eine Depression, wobei die Stadien von anfänglicher Wut über Auflehnung und Kampf gegen den Schmerz schliesslich in einer Erschöpfung und in einer Depression münden, wenn nicht die entsprechenden therapeutischen Erfolge verzeichnet werden können.

Können Depressionen wiederum Schmerzen auslösen?
Depressionen haben über biochemische Prozesse einen Einfluss auf die Schmerzschwelle, welche in der Depression massiv gesenkt wird. Also wird ein Ereignis, das ursprünglich gar nicht als Schmerz gespürt wird, plötzlich als Schmerz empfunden. Sind wir missmutig aufgelegt, haben einen trüben Tag vor uns und schlecht geschlafen, werden wir mit einem kleinen Wehwehchen viel weniger gut umgehen können und dieses plötzlich als Schmerz empfinden als an einem frischen, sonnigen Sommertag in den Ferien am Meeresstrand.

Ist Schmerzerträglichkeit erlernbar? Wenn ja, wie funktioniert das?
Selbstverständlich ist Schmerzverträglichkeit erlernbar und zwar über die so genannten Coping-Mechanismen. Das sind Mechanismen, die das Verhältnis von Mensch zu Schmerz umkehren. Das heisst, der den Menschen dominierende Schmerz wird in seiner Relation so geschwächt und andererseits der Mensch selbst so gestärkt, dass schliesslich der Mensch diesen Schmerz, obwohl dieser unverändert ist, zu dominieren beginnt. Dann können wir mit dem Schmerz umgehen. Diese Coping-Mechanismen erlernt man in ganz klaren, neuropsychologischen und psychologischen Konzepten, welche definiert sind und einen klaren Ablauf haben. Sie sind klar strukturiert. Des Weiteren gibt es Methoden, die Schmerzverträglichkeit zu erlernen, wie beispielsweise das Biofeedback, Hypnose oder autogenes Training usw.

Wieso tut manchen Schmerzpatienten Wärme gut, während andere Linderung verspüren, wenn sie in einer Kühlkammer therapiert werden (Stichwort: Entzündungen)?
Das Ansprechen auf Wärme oder auf Kälte ist ebenfalls sehr individuell. Es gilt zwar ganz prinzipiell, dass bei einem entzündlich bedingten Schmerz Kälte anzuwenden sei bis hin zum Eis und dass bei dumpfen Verspannungsschmerzen Wärme einzusetzen sei. Dies ist aber nur eine generelle Regel und kann im Einzelfall sogar gerade umgekehrt sein. Es gilt dies auszuprobieren.

Wieso wirken einige Schmerzmittel beim einen Patienten gut, beim anderen gar nicht – beziehungsweise: Warum wirken Sie bei manchen Betroffenen nur über einen bestimmten Zeitraum und dann weniger oder gar nicht mehr?
Durch die Individualität des biologischen Systems Mensch sind die biochemischen Prozesse von Mensch zu Mensch unterschiedlich. So reagiert jeder Mensch etwas anders auf ein Produkt, das er einnimmt. Dies sind hochkomplizierte Mechanismen, die nicht bis ins Detail geklärt sind. Dass ein Schmerzmedikament seine Wirkung verliert, kann einerseits am Schmerzmittel selbst liegen oder an der Einnahmefrequenz. So gilt es bei Schmerzmitteleinnahmen sich exakt an die vorgegebenen Zeiten und Applikationsarten zu halten, welche vom Arzt vorgegeben werden. Weil durch unregelmässige Einnahme - entweder zeitlich oder unregelmässig in der Dosierung des Medikamentes - eine Gewöhnung, sprich Sucht eintritt, wobei für die Sucht typisch ist, dass, um die gleiche Wirkung zu erzielen, höhere Dosen in kürzeren Abständen eingenommen werden müssen. Dies gilt es unbedingt zu vermeiden, was auch möglich ist, bedingt aber eine absolute Einnahmedisziplin durch den Patienten. Insbesondere mit sehr stark wirksamen Schmerzmitteln wie Morphin oder Opiaten ist die Gefahr der Sucht absolut zu vernachlässigen unter der Voraussetzung, dass der Patient die Medikamente absolut regelmässig in zeitlichen Abständen und in der immer gleichen Dosierung einnimmt, dann ist das Schreckgespenst der Suchtentwicklung absolut zu vernachlässigen. Dies bedingt aber auch einen betreuenden Arzt, der weiss, wie mit diesen Medikamenten umzugehen ist. Es ist ähnlich wie mit dem scharfen Messer: Das scharfe Messer in der Hand eines Verbrechers bringt Unheil und dasselbe scharfe Messer in der Hand eines Künstlers produziert wunderschöne Holzschnitzereien. Das Messer kann nichts dafür. Es hängt davon ab, wie es geführt wird.