Nach 27 Jahren im Koma

25. April 2019 22:55; Akt: 25.04.2019 22:55 Print

Wie eine neue Technik der Koma-Patientin half

27 Jahre lang lag Munira Abdulla im Wachkoma. Erst als die Ärzte eine neue Technik ausprobierten, um ihr Medikamente zu verabreichen, kehrte sie ins Leben zurück.

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Der Fall von Munira Abdulla ist einzigartig: Nach 27 Jahren im Koma ist die Frau aus den Vereinigten Arabischen Emiraten in einem deutschen Spital wieder zu Bewusstsein gekommen. Abdulla hatte im Jahr 1991 bei einem Verkehrsunfall schwere Hirnverletzungen erlitten und war seither bewusstlos.

Die damals 32-Jährige war mit ihrem Sohn Omar unterwegs zur Schule in der Stadt al-Ain gewesen, als ein Auto sie überfuhr. 2017 wurde der Kronprinz von Abu Dhabi auf ihre Geschichte aufmerksam und gewährte der Familie finanzielle Unterstützung für eine Behandlung in der Fachklinik im oberbayerischen Bad Aibling.

Nach einem Streit wachte sie auf

Dort brachten die Ärzte zunächst Abdullas Epilepsie unter Kontrolle, wie «The National» berichtet. Doch erst ein Streit seines mittlerweile 32 Jahre alten Sohnes Omar mit dem Personal könnte der entscheidende Moment für die Genesung der Komapatientin gewesen sein. «Ich war am Bett meiner Mutter in einen Streit verwickelt», erzählt Omar. «Sie war erschrocken und machte merkwürdige Geräusche.» Drei Tage später rief die Mutter seinen Namen.

Dass sie zuletzt innert kurzer Zeit grosse Fortschritte machte, dürfte an einem umfassend veränderten Therapieregime liegen, wie Margret Hund-Georgiadis, Chefärztin an der Rehab Basel, dem «Tages-Anzeiger» erklärt.

Man habe Abdullah offenbar seit einiger Zeit Medikamente mittels eines dünnen Katheters und einer Pumpe verabreicht, die direkt ans Nervensystem gelangten. Dadurch würden übliche Nebenwirkungen wie Müdigkeit - was ja dem Ziel, den Patienten zu stimulieren, entgegenwirkt - vermieden. Zudem habe das Personal in Bad Aibling die Patientin im Rollstuhl mobilisiert, sodass sie aktiver ihre Umwelt mit allen verfügbaren Sinnen wahrnehmen könne.

«Sie muss alles neu lernen, wie die Kinder÷

Hätte Munira Abdulla schon früher die jetzige, veränderte Behandlung erhalten, wäre es gut möglich gewesen, dass sie auch schon früher aufgewacht wäre, vermutet die Neurologin Hund-Georgiadis. Sie selber habe es noch nie erlebt, dass jemand nach Jahrzehnten das Bewusstsein zurückerlangt, sagt sie. «An der Rehab versuchen wir, in den ersten Wochen und Monaten nach der Hirnschädigung alles, damit der Patient aufwacht. Das ist das grösste und höchste Ziel. Wir sehen aber auch viele Verbesserungen der Wachheit in den ersten Jahren, wenn die Patienten ambulant von uns weiter betreut werden.»

In der ersten Phase des Wachwerdens sei der Kontaktaufbau mit der Familie wichtig, um den Patienten zurück in sein Leben zu begleiten, sagt Hund-Georgiadis weiter. Der Patient wolle dann als Erstes wissen, wie es den Menschen aus seinem Umfeld gehe. Die Weltlage kümmere sie weniger. «Menschen, die nach einem Wachkoma aufwachen, sind ein wenig wie kleine Kinder, die alles neu lernen und begreifen müssen.»

(kle)