Schumacher-Unfall

06. Januar 2014 15:47; Akt: 09.09.2014 16:32 Print

«Länge des Komas sagt nichts über Zustand aus»

von Tanja Bircher - Michael Schumacher liegt schon seit acht Tagen im Koma. Sein Zustand ist stabil, aber kritisch. Neurologe Erich Riederer erklärt, was im Körper eines Komapatienten genau passiert.

storybild

Neurologe Erich Riederer sagt, Schumachers Zustand könne nicht vorhergesehen werden. Die Länge des Komas sei nicht ausschlaggebend.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Herr Riederer, was genau geschieht mit einem Menschen, wenn man ihn in ein künstliches Koma versetzt?
Erich Riederer*: Narkoseärzte verabreichen dem Patienten Medikamente, die ihn in ein künstliches Koma befördern, in einen tiefen Schlaf also. Seine Körpertemperatur wird heruntergefahren, damit der Stoffwechsel langsamer läuft und das Gehirn weniger Sauerstoff braucht. Somit wird verhindert, dass noch mehr Hirnschäden entstehen.

Schumacher war ja zunächst in einem natürlichen Koma. Inwiefern unterscheidet sich dieses von einem künstlichen Koma?
Ein künstliches Koma ist viel sicherer, da die Ärzte es steuern können. Der Patient wird medikamentös im Schlaf gehalten und überwacht. Bei einem natürlichen Koma wissen die Ärzte hingegen überhaupt nicht, was im Körper des Patienten abläuft. Ausserdem deutet ein natürliches Koma auf schwere Hirnverletzungen mit ungewissem Ausgang hin.

Aber auch für Schumacher ist der Ausgang ungewiss. Er liegt seit acht Tagen im Koma, ab wann wird es für ihn wirklich gefährlich?
Über den Zustand des Gehirns von Schumacher ist aufgrund der bisherigen Informationen, die wir ausschliesslich von den Medien bekommen haben, keine Aussage möglich. Die Dauer eines Komas sagt zudem nichts über das Ausmass einer Hirnverletzung aus. So kommt es vor, dass Menschen mit schweren Hirnverletzungen schon nach wenigen Wochen erwachen, und andererseits kann eine scheinbar kleine Hirnverletzung zu einem langen, bis Monate dauernden Koma führen.

Haben Sie ein Beispiel?
Ja, nehmen wir Israels Ex-Regierungschef Ariel Sharon: Er liegt bereits seit acht Jahren im Koma und erst kürzlich begannen seine Organe zu versagen. Damit ist die Situation für ihn sehr kritisch geworden. Mit den heutigen Narkosetechniken können Menschen auf den Intensivstationen Monate bis sogar Jahre am Leben gehalten werden. Wichtige Voraussetzungen sind ein gutes Funktionieren von Herz, Lunge, Nieren und des Stoffwechsels.

Weiss man denn, ob Schumacher je wieder erwachen wird?
Die erste Phase ist immer die kritischste. Da entscheidet sich, ob der Patient überhaupt überlebt. Ausschlaggebend dafür ist das Herzkreislaufsystem. Im Hirnstamm befindet sich die Steuerung des Herzkreislaufs, wenn dieses Zentrum nicht geschädigt ist, kann man erwarten, dass es stabil bleibt. Bei Schumacher scheint dies der Fall zu sein. Das heisst, seine Überlebenschancen stehen nicht schlecht. Wann er erwachen wird, kann hingegen niemand prophezeien.

Angenommen, er erwacht tatsächlich: Gibt es Möglichkeiten herauszufinden, in welchem Zustand sein Gehirn dann sein wird?
Um das Ausmass einer Hirnschädigung abschätzen zu können, werden – neben bildgebenden Verfahren – bereits in der Intensivstation die Hirnströme (Electroencephalogramm) abgeleitet und sogenannte evozierte Potenziale durchgeführt. Das bedeutet, ein Sinnesorgan oder ein peripherer Nerv wird gereizt.

Wie funktioniert das genau?
Wie bei einem Kabel: Auch der periphere Nerv leitet Strom, nur viel langsamer. Der elektrische Impuls wird mit etwa 50 Metern pro Sekunde durch den Arm übers Rückenmark bis ins Hirn geleitet, wenn das Hirn auf das Signal reagiert, ist das ein gutes Zeichen. Es bedeutet, dass eine gewisse Aktivität vorhanden ist. Wie gross diese Aktivität ist, zeigt sich aber erst, wenn Schumacher erwacht.

*Erich Riederer ist Spezialarzt für Neurologie in der Klinik Neuroparadeplatz in Zürich.