Fall Neuheim

11. Februar 2011 16:24; Akt: 16.02.2011 10:43 Print

«Unauffällig bis Italien? Unwahrscheinlich!»

von Runa Reinecke - Erich Z. soll unter völligem Realitätsverlust mit seinen Kindern bis nach Italien gefahren sein. Mediziner halten das aber für so gut wie ausgeschlossen.

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Erich Z. und die Kinder Tim (Mitte) und Lorin. (Bild: zvg)

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Der durch eine beispiellose Irrfahrt nach Italien aufgefallene Erich Z. befindet sich in ärztlicher Obhut. Er wird derzeit in einer Spezialklinik behandelt (20 Minuten Online berichtete). Bisher ist lediglich bekannt, dass der apathisch wirkende Z. im Zustand eines kompletten Realitätsverlustes mit seinen Kindern am Mittwoch in der Lombardei aufgefunden worden war.

Trotz des Happy Ends: Der Fall Z. gibt medizinisch gesehen Rätsel auf. Bislang ist nur bekannt, dass dem ungewöhnlichen Verhalten, welches das Dreiergespann bis nach Italien führte, keine psychische Störung von Erich Z. zugrunde liegt. Laut dem Polizeisprecher Marcel Schlatter war vielmehr ein organisches Problem Auslöser für den plötzlichen Realitätsverlust und die Apathie. An welcher Erkrankung Z. leidet, ist nicht bekannt. Trotzdem ist der Fall auch oder gerade aus medizinischer Sicht interessant.

Epileptischer Anfall, Schlaganfall, Hirntumor …

Der Pfad des interdisziplinären Werweissens führt uns unter anderem in die Neurologie. «Aus Sicht des Neurologen muss man an einen epileptischen Anfall, einen ‹Krampfanfall› denken», sagt Andreas Luft, Leitender Arzt in der Klinik für Neurologie des Universitätsspitals Zürich. Dem Fachmann zufolge müsse sich dieser nicht zwangsläufig durch Krämpfe, sondern könne sich durchaus auch in Form von auffälligem Verhalten äussern, an das sich der Betreffende danach selbst nicht mehr zu erinnern vermöge.

Grundsätzlich könnten aber, so Luft, auch andere neurologische Erkrankungen, die zu einer Schädigung des Gehirns führen, einen vergleichbaren Anfall auslösen. Dazu gehörten beispielsweise ein Schlaganfall, ein Hirntumor oder ein vorangegangenes Trauma, ausgelöst durch einen Unfall oder einen schweren Schlag auf den Kopf.

Nach Italien? Nicht ohne Schlangenlinien!

Für Peter Diem, Direktor und Chefarzt der Endokrinologie des Inselspitals in Bern, ist auch eine Unterzuckerung (Hypoglykämie) nicht auszuschliessen. Der bei Erich Z. beschriebene Zustand kann infolge einer Unterzuckerung, die unter Umständen aufgrund eines Insulinoms (einem speziellen Tumor an der Bauchspeicheldrüse, nicht zu verwechseln mit Bauchspeicheldrüsenkrebs) entstand, aufgetreten sein. Auch eine Zuckerkrankheit schliesst Diem nicht aus: «Wenn der Mann Diabetiker wäre, könnten solche Symptome bei einer Unterzuckerung auftreten, zum Beispiel dann, wenn zu viel Insulin gespritzt wird.»

Dass dieser Zustand bei Z. sogar über Tage angehalten haben soll, findet selbst der Spezialist äusserst ungewöhnlich, obwohl er selbst schon von ähnlichen Fällen gehört hat: «Es ist schon sehr unwahrscheinlich, dass er die Strecke nach Italien zurückgelegt hat, ohne auffällig zu werden», meint Diem. Er glaubt, dass Z. wohl kaum ohne die Missachtung von Verkehrsregeln oder ohne Schlangenlinien zu fahren bis zu unseren südlichen Nachbarn gelangt ist. «Man weiss aber von unterzuckerten Diabetikern, dass sie grössere Strecken zurücklegen, ohne dass etwas passiert», ergänzt der Mediziner.

Realitätsfremde Autoreise

Auch der Neurologe stutzt. Bei einem Anfallsleiden zum Beispiel komme es zu einer unkontrollierten «Feuerung» der Nervenzellen. Ein dadurch entstehender Realitätsverlust sei zwar häufig, «aber nicht in dieser Dauer», wie Luft gegenüber 20 Minuten Online bestätigt.
Luft findet Z.s realitätsfremde Reise merkwürdig. Dass der Familienvater zumindest ein paar Stunden in diesem Zustand Auto gefahren sein soll, empfindet er selbst zwar als «ungewöhnlich, aber denkbar».

Der aus Neuheim stammende Erich Z. brach am vergangenen Montag mit seinen beiden Buben ins nahe gelegene Einkaufszentrum auf. Doch die vermeintlich kurze Fahrt wurde für den 50-Jährigen und seine beiden Söhne, den zehnjährigen Tim und dessen siebenjährigen Bruder Lorin, zu einer tagelang andauernden Odyssee. Erst am Mittwoch war der verwirrte Mann mit den Kindern auf einem Rastplatz an der lombardischen Autobahn aufgefunden worden. Der Vater wirkte apathisch, realitätsfremd und glaubte, sich mit den Buben nur wenige Meter von seinem Wohnort zu befinden.