Neuer Trend

15. Juni 2011 23:44; Akt: 15.06.2011 23:53 Print

Ärzte verschreiben gefährliche Pillen

Immer mehr Menschen schlucken fragwürdige Medikamente. Vor allem die neuen Antibabypillen sind gefährlich. Verschrieben werden sie, da mit ihnen mehr Geld zu machen ist als mit den alten Präparaten.

storybild

Demenzkranke werden mit Medikamenten immer häufiger ruhig gestellt. (Bild: Keystone)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Hunderttausende Patienten schlucken laut einer Studie in Deutschland fragwürdige Medikamente.
So würden Demenzkranke zu häufig mit Pillen ruhig gestellt und Frauen erhielten neuartige Antibabypillen, obwohl ältere geringere Risiken mit sich brächten.

«Wir sind bestürzt», sagte der Bremer Arzneimittelexperte Gerd Glaeske am Mittwoch in Berlin. Für einen Arzneimittelreport für die Krankenkasse Barmer GEK hatte der Forscher die Patientendaten der rund neun Millionen Versicherten der Kasse und deren Arzneimittelausgaben von rund vier Milliarden Euro ausgewertet.

Die Fehlversorgung mit Arzneimitteln sei «nicht nur eine Verschwendung von Geld, es ist leider auch eine Belastung für Patientinnen und Patienten», sagte Glaeske. Beispiele für solche Fehlversorgungen sind laut ihm Antibabypillen, Beruhigungsmedikamente und Schlafmittel.

Risiko verdoppelt

Bei den von Millionen Frauen eingenommenen Antibabypillen bringen nach Glaeskes Darstellung neue Präparate deutlich höhere Risiken als ältere Mittel: Bei den älteren Präparaten der zweiten Generation komme es - berechnet auf 100 000 Frauen und die Einnahme über ein Jahr - zu 15 bis 20 Fällen gefährlicher Thrombosen, sagte er.

Bei vielen neueren Präparaten seien es dagegen 30 bis 40 Fälle solcher Gefässverschlüsse, weil die Zusammensetzung der Hormone verändert wurde. Dass trotzdem die neuen Mittel «Topseller» sind, erklärt sich laut Glaeske mit gezieltem Marketing. Für Pillen der zweiten Generation seien die Patente abgelaufen.

Die noch patentgeschützten und deshalb für die Pharmaindustrie lukrativeren Verhütungspillen der dritten und vierten Generation würden dagegen gezielt beworben. «Tatsache ist, dass dieser Markt nicht zugunsten der Frauen ausfällt.»

Demente ruhigstellen

Er riet allen Frauen, mit ihren Ärzten über ihr Pillenpräparat zu sprechen und sich über die Risiken oder einen möglichen Umstieg beraten zu lassen. Keinesfalls sollten die Frauen aber plötzlich mit der Einnahme des Verhütungsmittels aufhören, riet der Wissenschaftler.

Scharf kritisierte der Arzneimittelexperte die zu häufige Verordnung sogenannter Neuroleptika zur Ruhigstellung altersverwirrter Menschen in Pflegeheimen. Diese Mittel, die eigentlich der Behandlung von Psychosen dienen, würden «mehr und mehr in Bereichen eingesetzt, wo sie nicht indiziert sind», sagte Glaeske.

Etwa jeder dritte Demenzkranke bekomme Neuroleptika, obwohl damit das Risiko eines vorzeitigen Todes um einen Faktor 1,6 bis 1,7 steige. Zudem sei die Wirksamkeit der Medikamente zum Teil nicht belegt - und die Folgen einer Langzeiteinnahme zur Zeit noch nicht klar, sagte der Forscher.

Gefährliches Suchtpotenzial

Als Hintergrund vermutet er Personalmangel. Gäbe es eine bessere Pflege, könnte die Medikamentengabe um 20 bis 30 Prozent verringert werden. Es handele sich um eine «Entwicklung, die mit einer Menschenwürde und einer vernünftigen Patientenversorgung nicht in Verbindung zu bringen ist», sagte der Fachmann.

Für einen «Kunstfehler» hält Glaeske zudem, dass gut 13 Prozent der Alkoholkranken sogenannte Benzodiazepine bekommen, obwohl diese Schlafmittel Suchtpotenzial haben und suchtanfälligen Patienten nicht gegeben werden dürften. Die negativen Folgen seien «bekannt, aber dennoch wird es gemacht», kritisierte Glaeske.

(sda)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Silas A. am 16.06.2011 09:01 Report Diesen Beitrag melden

    Unvollständig!

    Wieso werden hier keine Medikamente namentlich erwähnt? Vollständigkeit wäre angebracht!

  • Tamash am 16.06.2011 14:28 Report Diesen Beitrag melden

    Altbewährtes

    Genau das halte ich für falsch Herr Glaeske: Im Gegensatz zu neuen, noch nicht lange im Handel befindlichen Medikamenten, sind suchterzeugende Stoffe wie die Benzodiazepine, aber auch andere Medikamente mit Suchtpotenzial zumindest seit über 50 Jahren auf dem Markt und haben im vergleich zu neuen Medikamenten, deren Nebenwirkungsprofil noch nicht einmal vollständig bekannt ist, geringe Nebenwirkungen. Also ich würde lieber ein altbekanntes Medikament mit einem hohen Suchtpotenzial bevorzugen, als irgendeine neue Pille zu schlucken um danach mit Hirnschäden durchs Leben zugehen.

  • alex am 16.06.2011 03:59 Report Diesen Beitrag melden

    Medis

    Es wird sich eh nichts ändern so ist es nun mal. Geld regiert die Welt und macht bei Kranken kein Halt. Die Demenzkranken und Kranken sind doch billige Testpersonen für die Pharmaindustrie. Und die Hausärzte werden gesponsert damit sie mit machen, und die teilweise unsinnigen Medikamente den Leuten verschreiben.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Tamash am 16.06.2011 14:28 Report Diesen Beitrag melden

    Altbewährtes

    Genau das halte ich für falsch Herr Glaeske: Im Gegensatz zu neuen, noch nicht lange im Handel befindlichen Medikamenten, sind suchterzeugende Stoffe wie die Benzodiazepine, aber auch andere Medikamente mit Suchtpotenzial zumindest seit über 50 Jahren auf dem Markt und haben im vergleich zu neuen Medikamenten, deren Nebenwirkungsprofil noch nicht einmal vollständig bekannt ist, geringe Nebenwirkungen. Also ich würde lieber ein altbekanntes Medikament mit einem hohen Suchtpotenzial bevorzugen, als irgendeine neue Pille zu schlucken um danach mit Hirnschäden durchs Leben zugehen.

  • Silas A. am 16.06.2011 09:01 Report Diesen Beitrag melden

    Unvollständig!

    Wieso werden hier keine Medikamente namentlich erwähnt? Vollständigkeit wäre angebracht!

  • Kirsten am 16.06.2011 08:30 Report Diesen Beitrag melden

    Antibabypille

    Na und welche Antibabypillen sind jetzt gefährlich?

    • Rebecca Limberger am 16.06.2011 09:33 Report Diesen Beitrag melden

      Yasminelle

      Yasminelle? Ich kann mir nicht erklären warum so viele Frauen diese Pille nehmen, obwohl andere, genaau so gute wenn nicht bessere, Präparate weniger als die Hälfte kosten.

    • Daisy Probst am 17.06.2011 08:46 Report Diesen Beitrag melden

      Schwachsinn

      1. Yasminelle ist nicht gefährlich, bei den Fällen hatten alle ein medizinisches Leiden und haben es auf die Pille abgeschoben, die sie übrigens nur ein paar Tage einnahmen. 2. Wenn die Pille wirklich gefährlich wäre, hätte man sie sofort vom Markt genommen. 3. Jede Frau ist anders und jede Pille ist anders "zubereitet"; für jede Frau gibt es eine andere Pille; man kann nicht allen Frauen das günstigste geben und das kapieren die meisten nicht. Klar, wenn sie die günstigste haben wollen, diese aber nicht für sie geeignet ist, kann sie die schon nehmen, aber sie wird hormonelle Probleme haben!

    einklappen einklappen
  • Andy Kretz am 16.06.2011 08:29 Report Diesen Beitrag melden

    Wer kontrolliert die Aerzte?!?

    Wo bleibt da die Kontrollfunktion der Krankenkassen?!? Diese bezahlen ohne zu beanstanden. Ihre Einnahmen kommen ja so oder so in die Kasse. Kein Wunder steigen die Prämien andauernd!

    • Daisy Probst am 16.06.2011 10:10 Report Diesen Beitrag melden

      Keine Ahnung!

      Die Krankenkasse kontrolliert sehr wohl und das zuuu sehr! Ich selber arbeite im med. Bereich und Sie wollen nicht wirklich wissen, wieviele Rechnungen wir von den Kassen retourniert bekommen, weil Sie eine Begründung für die Benützung eines Medikaments bei diesem Patienten haben wollen. Wir schreiben inzwischen mehr Begründungen als anderes. Die Kassen wollen fast nichts mehr zahlen und erhöhen die Prämien; ist doch ein Wunder weshabl sie das machen... nicht??

    • Mario Bürli am 20.06.2011 09:40 Report Diesen Beitrag melden

      Basiswissen CH!

      Der Bundesrat(!!) setzt mit der "Mittel- und Gegenstände-Liste" (MiGeL)fest, welche Sachen bis zu welcher Höhe von der Grundversicherung bezahlt werden. Das ist also die Entscheidung von Politikern und Lobbisten. Die Kassen halten sich nur an die Vorgaben der MiGeL. Die Anti-Baby-Pille zahlen die Frauen selbst.

    einklappen einklappen
  • Sina am 16.06.2011 08:06 Report Diesen Beitrag melden

    Welche Produkte?

    Wäre interessant zu wissen, welche Anti-Babypillen namentlich gemeint sind.