Seltene Krankheiten

04. Juni 2010 15:42; Akt: 07.06.2010 15:10 Print

152 Kilo zugenommen, 30 cm gewachsen

Das Leben der US-Amerikanerin Tanya Angus schien perfekt, bis sie eines morgens nicht mehr in ihre Schuhe hineinpasste. Es war der Beginn eines unvorstellbaren Leidenswegs.

Quelle: Youtube.com
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Schlank und bildschön - diese Beschreibung passte auf Tanya Angus aus dem US-Bundesstaat Nevada, als sie noch ein Teenager war. Heute ist sie weit von diesem Bild entfernt, obwohl sie nur ein wenig mehr als ein Jahrzehnt von ihrem früheren Leben trennt: Angus leidet unter Akromegalie, einer seltenen Form von Gigantismus (Riesenwuchs).

Als der damals noch nicht 20-Jährigen eines Morgens die Schuhe zu klein erschienen, machte sie sich noch keine Gedanken. Sie kaufte sich ein neues Paar. Erst als auch die neuen Schuhe nicht mehr passten, bemerkte die junge Frau, dass sich ihr Aussehen verändert hatte: Ihr Gesicht war breiter, die Hände grösser geworden. Zusehends plagten sie Rückenschmerzen und grippeähnliche Symptome.

Schockdiagnose Akromegalie

Die besorgten Eltern begleiteten ihre Tochter zu einem Mediziner. Dort bekamen sie die schockierende Diagnose: Akromegalie. Der Hausarzt überwies Angus an einen Spezialisten. «Es war, als hätte ich in diesem Moment den Boden unter den Füssen verloren», erinnert sie sich im Interview mit der britischen Zeitung «Daily Mail» an den vermutlich schlimmsten Moment ihres Lebens. Der Arzt erklärte ihr damals, dass sie noch wachsen werde und weitere Untersuchungen folgen sollten.

Während Tanya Angus an Grösse und Gewicht zulegte, verlor sie nach und nach ihre weiblichen Gesichtszüge - auch ihre Stimme wurde tiefer. «Eines Tages wurde ich gefragt, ob ich mal ein Mann war.» Die junge Frau war verletzt, sie litt unter starken Selbstzweifeln.

Auf der Suche nach der Ursache für das Leiden der heute 31-Jährigen entdeckten die Mediziner einen Tumor von der Grösse einer Orange im Gehirn. Das Geschwür produzierte Unmengen von Wachstumshormonen, die zu ihren körperlichen Veränderungen führten. Doch eine Operation erschien den Hirnchirurgen zu riskant, da sich der Tumor um die Kopfschlagader herum gebildet hatte. Angus' Mutter Karen gab nicht auf und so fand sie nach längerer Suche endlich einen Spezialisten, der den schwierigen Eingriff zur Entfernung des hormonproduzierenden Geschwürs im Jahr 2003 durchführte. Allerdings konnte der Tumor nicht restlos entfernt werden: Ein Medikamenten-Cocktail sollte nach der Operation dafür sorgen, dass die Hormonflut zumindest ein wenig in Schach gehalten werden konnte. Der 1,72 m grosse und 63 Kilogramm leichte Teenager von einst war auf eine Körpergrösse von über 2 Metern und einem Gewicht von 215 Kilogramm angewachsen.

Kein Ende des Wachstums in Sicht

Doch das Drosseln der Hormone gelang nur im Ansatz, Angus wuchs weiter. Wenig später folgte der nächste Schock: Der Tumor war wieder auf die ursprüngliche Grösse herangewachsen, 2005 stand eine weitere Operation an. Nachdem sie sich vom schweren Eingriff erholt hatte, wurde sie bei einem Spezialisten des Univerity Medical Centers in Süd-Nevada vorstellig. Sie erklärten der durch die Krankheit gezeichneten Frau, dass ihre Organe dem durch das Wachstum verursachten Druck nicht mehr lange standhalten könnten. Sie stellten Angus auf eine andere Medikamenten-Kombination ein - und tatsächlich: das Wachstum konnte gestoppt werden.

Schrumpfen wird die 31-Jährige durch die neu konzipierte Therapie nicht, doch damit kann sie leben: «Ich bin so erleichert, dass ich jetzt nicht mehr wachse. Die Ärzte erzählten mir damals, dass ich meinen 30. Geburtstag nicht mehr erleben würde. Jetzt bin ich 31 und sie sagen, ich werde vielleicht 40.»

Ob Tanya Angus die Mediziner mit ihrem unerschöpflichen Lebensmut erneut Lügen strafen wird?


(rre)