Anfällige Behälter

29. Januar 2020 21:26; Akt: 31.01.2020 09:15 Print

Atommüllfässer zersetzen sich schneller als gedacht

Behälter für hochradioaktiven Atommüll sind weniger haltbar als erhofft. Nun warnen US-Forscher davor.

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Im Dezember 2019 ist das Kernkraft Mühleberg abgeschaltet worden. Für die Brennelemente aus Mühleberg lautet der Plan: Bis 2024 sollen sie ins Zwischenlager nach Würenlingen gebracht werden. Ein Atommüll-Endlager gibt es in der Schweiz jedoch noch nicht. Die Frage, wo die radioaktiven Abfälle final entsorgt werden, soll laut der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfaelle (Nagra) in den kommenden Jahren abschliessend beantwortet werden. (Im Bild: Nagra-Tiefbohrungen im Kanton Zürich) Doch auch wenn das geklärt ist, bleibt noch eine Frage offen. Wie Forscher der Ohio State University im Fachjournal «Nature Materials» schreibt, machen Reaktionen zwischen gebundenem, radioaktivem Material und Stahlfässern die aktuellen Lagerungsmethoden für Atommüll weniger langlebig als angenommen. Für die Studie hatten die Forscher die Bedingungen von unterirdischen Lagerstätten simuliert. Temperatur- und Druckverhältnisse sowie die Möglichkeit von eindringendem Wasser wurden dabei dem Yucca Mountain im US-Bundesstaat Nevada nachempfunden. (Im Bild: Yucca Mountain) Dieser wird derzeit als permanente US-Atommülllagerstätte diskutiert. Bei den Tests zeigte sich ... (Im Bild: Gleise, die dereinst zum Endlager führen könnten) ... dass an den Kontaktflächen von radioaktivem Glas oder Keramik und Edelstahl eine aggressive Lösung entsteht, die die Behältermaterialien deutlich rascher als angenommen angreift. Die Korrosion an den Stellen sei schwerwiegend, so die Forscher, die im Chromstahl auch Risse feststellten. Um Atommüll künftig sicher lagern zu können, brauche es neue, mit dem Atommüll kompatible Materialien, so die Forscher. Die bisherige Methode scheine extrem unsicher zu sein.

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Wohin mit hochradioaktiven Abfällen? Diese Frage wird oft diskutiert. Eine endgültige und vor allem sichere Lösung ist noch nicht gefunden. Das zeigt eine Studie von US-Forschern.

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In ihrer im Januar 2020 im Fachjournal «Nature Materials» erschienenen Untersuchung stellten Wissenschaftler der Ohio State University dem zurzeit als am sichersten geltenden Verfahren (siehe Box) ein vernichtendes Urteil aus: Die geplanten Behälter sind weniger lang haltbar als erhofft.

«Die Methoden sind offenbar nicht ausreichend, um den Abfall sicher zu verstauen», so Hauptautor Xiaolei Guo, stellvertretender Direktor des Ohio State Center for Performance and Design of Nuclear Waste Forms and Containers.

Korrosion und Risse

Für die Studie hatten die Forscher im Labor die Bedingungen von unterirdischen Lagerstätten simuliert. Temperatur- und Druckverhältnisse sowie die Möglichkeit von eindringendem Wasser wurden dabei dem Yucca Mountain im US-Bundesstaat Nevada nachempfunden. Dieser wird derzeit als permanente US-Atommülllagerstätte diskutiert.

Dabei zeigte sich, dass an den Kontaktflächen von radioaktivem Glas oder Keramik und Edelstahl eine aggressive Lösung entsteht, die die Behältermaterialien deutlich rascher als angenommen angreift. Die Korrosion an den entsprechenden Stellen sei schwerwiegend, so die Forscher, die im Chromstahl auch Risse feststellten. All das könne die Lebensdauer der Container stark verkürzen und radioaktive Radionuklide schneller freisetzen, heisst es in einer Mitteilung.

Wechselwirkung der Materialien

Doch warum galt die Kombination von radioaktiven Keramik oder Glas mit Chromstahl dann überhaupt als sicher? Das liegt laut dem Team um Guo daran, dass bislang nur die langfristige Beständigkeit von radioaktivem Glas und Keramik einerseits und den Edelstahlkanistern andererseits untersucht worden ist, nicht aber deren Wechselwirkung. Ein Versäumnis, wie die Studie zeigt.

Um Atommüll künftig sicher lagern zu können, brauche es neue, mit dem Atommüll kompatible Materialien, so die Forscher. Die bisherige Methode scheine extrem unsicher zu sein. Sollte das Gestein, in dem die Stahlfässer final gelagert werden sollen, nicht dicht sein, wie bei Granit und Salzstöcken üblich, könnte schlimmstenfalls das Grundwasser verseucht werden, warnt Scinexx.de.

Nagra unbesorgt

Was bedeutet das Studienergebnis für die Schweiz? Müssen wir uns Sorgen machen? Nein, sagt Felix Glauser, stellvertretender Leiter Medienstelle der Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra): «Die Studie stellt das Schweizer Tiefenlagerkonzept nicht in Frage.»

Laut der Untersuchung aus den USA könnte sich ein Prozent des Schweizer Abfalls schneller auflösen als angenommen. «Aber erst in frühestens zehntausend Jahren, wenn der Endlagerbehälter undicht geworden ist. Das hätte keinerlei Auswirkungen auf die Sicherheit, da dichte Gesteinsschichten den Abfall zuverlässig einschliessen.»

Schlechte Nachrichten auch von den Marshallinseln. Dort droht ein riesiges Lager radioaktiver Abfälle undicht zu werden:

US-Atomsarg bröckelt

(fee)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Matth am 30.01.2020 03:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fässer im Meer

    Ich frage mich wie lange es dauert, bis die Fässer die einfach ins Meer geworfen worden sind, durchgerostet sind und danach beginnen das Wasser zu verstrahlen.

    einklappen einklappen
  • chrigi am 30.01.2020 03:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    blinde Gesellschaft

    Atommüll sicher lagern ist und wird niemals möglich sein.

    einklappen einklappen
  • Doktor am 29.01.2020 23:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bitte noch mehr Atomenergie

    Ach, die atomaren Abfälle machen Probleme? Das hätte ich jetzt nicht erwartet, ist ja ganz was neues....

Die neusten Leser-Kommentare

  • Peter am 30.01.2020 20:59 Report Diesen Beitrag melden

    Strom ist nicht das Problem

    Die Sonne schickt uns im Jahr 1.5 Milliarden TWh an Energie. Der Weltweite Verbrauch liegt jedoch "nur" bei 100'000 TWh. Wir sind einfach noch zu "blöd" diese Energie richtig zu ernten und zu speichern.

  • MrHolmes am 30.01.2020 17:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Glas

    Ach was? Haben diese "Experten" etwa gedacht, normale Blechfässer in feuchte, teils sogar nasse Salzminen zu lagern wäre eine gute Idee? Zum Glück gibt es Alternativen. Man könnte diese ganzen Abfälle in Glas einschmelzen. Glas ist Wasser-/Säurefest und würde sich bei Wassereinbruch nicht auswaschen. Aber hei, diese "Experten" haben sicher schon daran gedachrt *sigh*

  • Behemoth am 30.01.2020 13:11 Report Diesen Beitrag melden

    Nach der Katastrophe ist vor der Katastr

    Aus den Augen aus dem Sinn. Nach der kataklysmischen globalen Katastrophe werden die Überlbenden irgendwann in 100 Jahren verdutzt fragen; warum fallen uns allen die Haare aus und woher kommen alle diese Beulen am Körper, warum tritt plötzlich ein Massensterben ein? Keiner wird es jemals herausfinden...

  • H. Cheng am 30.01.2020 13:08 Report Diesen Beitrag melden

    Ticki Ticki Timebomb

    Früher ging das Gerücht um das 140'000 Senfgas Fässer am Grund des Atlantiks vor sich hinrosten. Eine von vielen tickenden Zeitbomben, und diese Story ist ein weiterer Sargnagel für die Zukunft eurer Kinder.

  • leioceras am 30.01.2020 11:06 Report Diesen Beitrag melden

    Irreführender Bericht. Richtig ist:

    Die hier untersuchten Abfälle werden noch einmal in grosse Behälter verpackt und sind damit ca. 10000 Jahre eingeschlossen. Die hier untersuchten Behälter sind nicht Teil der Sicherheitsüberlegungen im Schweizer Konzept. Einfach mal bei der Nagra nachfragen ;-)