Archäologie

27. Juni 2018 20:14; Akt: 27.06.2018 20:14 Print

In Woodstock graben sie nach Resten der Hippies

Hunderttausende pilgerten 1969 zum Musikfestival, das für viele zum Sinnbild der Hippiebewegung wurde. Heute ist an der Kultstätte wieder etwas los.

Bildstrecke im Grossformat »
Im August 1969 tanzten rund 500'000 Menschen während der «Woodstock Music & Art Fair – 3 Days of Peace & Music» zu den Klängen von Musiklegenden wie Joe Cocker, Janis Joplin oder The Who. Das Festival ist legendär und bis heute für viele Sinnbild der Hippiebewegung und einer ganzen Generation. Das Festival fand anders als ursprünglich geplant auf einer Farm im US-Bundesstaat New York statt. Heute erinnert hier nur noch ein Gedenkstein an das Kult-Festival. Ausserdem gibt es ein Museum auf dem Areal. Doch das offenbart bis heute Wissenslücken. Denn obwohl damals Hunderttausende Menschen gemeinsam feierten und unzählige Fotos entstanden, kann niemand sagen, wo genau die Bühne stand. Erschwerend kommt hinzu, dass das Gelände in den 1990er-Jahren umgestaltet wurde. Deshalb haben sich Archäologen der Binghamton University daran gemacht, den ursprünglichen Aufbauten nachzuspüren. Meter um Meter tragen sie die Oberfläche ab. So ... ... haben sie beispielsweise die Stelle ausmachen können, wo 1969 der Zaun stand, der Publikum und Musiker voneinander trennte. Das Team um Nina Versaggi dokumentiert sämtliche Funde ganz genau, sogar Kleinigkeiten wie Laschen von Getränkedosen – sie zählen zu den häufigsten Entdeckungen – oder ... ... Glasscherben von damals. Das grosse Ziel ist aber, das Areal irgendwann einmal in den Originalzustand zurückzuversetzen – damit auch solche Fans des Kult-Festivals in Erinnerungen schwelgen können, die damals nicht dabei waren. Doch warum geniesst Woodstock diesen Ruf? Woodstock, dieses ausser Kontrolle geratene Openair-Festival, war ein friedliches Chaos. 50'000 Besucher waren erwartet worden, aber 500'000 kamen. Und das war nur jene Hälfte, die es überhaupt bis aufs Gelände schaffte. Ursprünglich hätte das Festival in der Künstlerkolonie Woodstock im US-Staat New York stattfinden sollen, danach in Wallkill. Anwohnerproteste verhinderten dies in beiden Fällen. Auf diesem Originalposter der «Woodstock Art & Music Fair» ist noch Wallkill als Ort angegeben. Der Anlass sollte – immerhin hatte den Hippies zufolge das Wassermann-Zeitalter begonnen – eine «Aquarian Exposition» sein. Völlig unerwartet machte sich etwa eine Million Menschen auf den Weg; doch die Hälfte von ihnen blieb auf den überlasteten Zugangsstrassen stecken ... ... und wurde von der Polizei wieder nach Hause geschickt. Zu Beginn verkauften die Veranstalter – Mike Lang, John Roberts, Joel Rosenman und Artie Kornfeld – noch Tickets. Doch bald wurden die Umzäunungen niedergetrampelt, und die Menschenmassen bahnten sich ihren Weg aufs Gelände, ohne Eintritt zu bezahlen. Die Organisatoren von «Woodstock Ventures» erklärten das Festival darauf, der Not gehorchend, zum kostenlosen Anlass. Dies führte später zur Annahme, Woodstock sei kein kommerzielles Projekt gewesen. Für die Veranstalter wurde Woodstock jedenfalls zum finanziellen Desaster. Erst die spätere Vermarktung durch einen Film und ein Musikalbum war rentabel. Die Bands spielten auf einer 30 Meter breiten Bühne mit vier grossen Gerüsttürmen für Scheinwerfer und Lautsprecherboxen. Die sanitären Anlagen waren hoffnungslos überlastet; es gab nur gerade 600 Toiletten. Dazu kam noch die Unbill der Witterung: Mehrere Gewitter gingen auf die feiernden Hippies nieder. Doch trotz all dieser garstigen Umstände blieben die Zuschauer friedlich. Möglicherweise waren sie auch einfach zu zugedröhnt dafür. Eine Folk-Sängerin bemerkte jedenfalls nach ihrem Auftritt ... ... sie sei da wohl die einzige gewesen, die nicht unter Drogeneinfluss gestanden habe. Für die auf drei Tage geplante Gesamtdauer des Festivals waren 24 Dollar fällig. Obwohl Woodstock weder das erste noch das letzte grosse Musikfestival der ausgehenden Sixties war ... ... wurde es zum Inbegriff des Openair-Festivals, zu einer der Ikonen der Sechziger. «Woodstock» wurde zum stehenden Begriff, wie «Summer of Love» oder «Flower Power». Oder wie «Freie Liebe». «Es war einfacher zu vögeln ... ... als sich ein Frühstück zu organisieren», schrieb das Magazin «Rolling Stone». Verletzte – und sogar Tote – gab es allerdings auch. Doch dabei war keine Gewalt im Spiel; die meisten Opfer erlitten Schnittwunden durch herumliegende Scherben. Musikalisch wurde in Woodstock nicht nur Erstklassiges geboten. Und bei einigen Musikern gab es Probleme mit den Gagen. So wollte die britische Band The Who erst Geld sehen, bevor sie auftrat. Die Veranstalter drohten darauf, die Band öffentlich blosszustellen. Gitarrengott Jimi Hendrix, dessen Auftritt das Festival am Montagmorgen beendete, verlangte 30'000 Dollar – das Doppelte der anderen. Immerhin: Seine brachiale Interpretation der amerikanischen Nationalhymne – oft als musikalische Kritik am Vietnamkrieg verstanden – wurde zum Klassiker. Janis Joplin, eine weitere musikalische Legende, die übrigens wie Hendrix im Jahr darauf starb. Mit dem Auftritt von Joe Cocker am Sonntag begann der letzte Tag von Woodstock. Er brachte eine Cover-Version des Beatles-Hits «With a Little Help from My Friends». Ebenfalls am Sonntag wandte sich Max Yasgur, auf dessen 240 Hektar grossen Farm das Festival stattfand, an die Menge. «Ihr habt der Welt etwas bewiesen», sagte Yasgur. Später wurde der Milchbauer von Nachbarn verklagt, deren Land von den Hippies verwüstet worden war. Yasgurs Farm war nach dem Festival allerdings in viel schlimmerem Zustand. Am Montagvormittag verliessen die letzten Zuschauer das Festival. Das grösste und friedlichste Spektakel der Flower-Power-Bewegung war vorüber.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Archäologen haben in den USA die Stätte des legendären Woodstock-Festivals von 1969 teilweise ausgegraben. Eine Woche lang legten sie Abschnitte der Felder im Ort Bethel im Staat New York frei, auf denen sich im August 1969 rund 500'000 Menschen versammelten.

Umfrage
Wären Sie in Woodstock gerne dabei gewesen?

Die Experten der Binghamton University wollen damit unter anderem die Lage der Bühne bestimmen, auf der Bands wie The Who und Jefferson Airplane sowie Jimi Hendrix, Janis Joplin und Joan Baez spielten. Im Herbst legten Archäologen bereits Bereiche frei, in denen Verkäufer während des Festivals ihre Stände hatten.

Kriegsgegner und Hippies

Hunderttausende pilgerten zu dem dreitägigen Musikfestival, das für viele zum Sinnbild der Hippiebewegung und einer ganzen Generation wurde. Bei Woodstock versammelten sich trotz Regen und Schlamm Kriegsgegner und Hippies, die Materialismus ablehnten und mit Drogen wie Marihuana und LSD experimentierten.

Gemietet hatten die Veranstalter das Gelände, das gut zwei Autostunden nördlich von New York liegt, vom Milchbauern Max Yasgur. Von dem massenhaften Andrang waren sie fast umgehend überfordert und auf Hilfe von Freiwilligen angewiesen.

Geschichte lebendig machen

Hintergrund der Ausgrabungen ist der 50. Jahrestag des Festivals im August 2019, wie Nina Versaggi von der archäologischen Fakultät der Binghamton University der Nachrichtenagentur DPA sagte. Bis dahin will das benachbarte Bethel Woods Center for the Arts das Gelände mit Pfaden aufbereiten, um die Geschichte von Woodstock nachzuerzählen.

Die Stätte sei «historisch höchst bedeutend», sagte Direktor Wade Lawrence vom Bethel Woods Center. Vor einem Jahr wurde das 15 Hektar grosse Gelände bereits zum Kulturdenkmal erklärt.


So klang Joe Cockers Interpretation des Beatles-Klassikers «With a Little Help from My Friends». (Video: Youtube/Boston 4 Evaa)


Janis Joplin sorgte für ein musikalisches Highlight in Woodstock – unter anderem mit ihrem Song «Bobby McGee». (Video: Youtube/The Duck)


Unvergessen: Jimi Hendrix' Version der amerikanischen Nationalhymne. (Video: Youtube/The Dark)


Jefferson Airplanes «White Rabbit» thematisiert die halluzinatorische Wirkung psychedelischer Drogen. (Video: Youtube/StupeurAlice)


Kultband auf Kultfestival: The Who spielen «My Generation». (Video: Youtube/WayfarerGirl)

Auch Santana begeisterte seine Fans – hier mit «Soul Sacrifice». (Video: Youtube/Nea Zixnh)

(fee/sda)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ken-Guru am 27.06.2018 21:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ausgrabungen St. Gallen

    In 50 Jahren können sie beim Open Air Sankt Gallen, Wegwerfzelte und Klappstühle ausgraben.

    einklappen einklappen
  • Fan am 27.06.2018 20:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fan

    Da wäre ich gerne dabei gewesen...aber war noch nicht geboren zu dieser Zeit. Zum Glück gibt es Schallplatten...

  • Heidi Heidnisch am 27.06.2018 21:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Folk Festival

    Erinnert mich irgendwie an den Gurten, bevor er zu einer Konsumorgie verkam, als dort oben noch Folk Festivals stattfanden...

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • raver am 28.06.2018 17:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wie 90er

    Vergleiche es mit der Techno Bewegung der 90er. war eben beides etwas neues

  • brro am 28.06.2018 13:48 Report Diesen Beitrag melden

    Woodstockologen

    Ein untrügliches Zeichen, dass schon alles abgepinselt ist und dass zu allem und jedem eine schiefe Theorie imaginiert wurde, die als wissenschaftlich verkauft wird, falls genügend Lemminge folgen. Jetzt also Woodstock. Sie werden sicher einen Holzstock finden und dann sagen, das Festival hiess damals so, wegen dieses Stockes. Dann wird es Konferenzen geben von Woodstockologen, da wir schon alle Probleme des Planeten gelöst haben. Nein, da fällt mir die Klimaerwärmung ein, das wär doch ein viiiel sinnvolleres Thema, gelle, aber da sind Physik und Chemie gefragt, zu schwierig für Lemminge.

    • Herr Paternoster Live us de Chnelle am 30.06.2018 10:34 Report Diesen Beitrag melden

      ja henau

      die QCD ( Quantenchromodynamik ) ist nicht für alle spannend, Herr Brro

    einklappen einklappen
  • sonja simmenring am 28.06.2018 12:09 Report Diesen Beitrag melden

    Schnapperchen

    Ja mit Glück findet man bestimmt noch etwas Sunshine LSD aus der Zeit!

  • Algusto am 28.06.2018 09:49 Report Diesen Beitrag melden

    Ich war 22....

    nun, ich hoffe, dass mein dort verlorenes Portemonnaie gefunden wird. Auch wenn das Geld darin inzwischen wertlos ist.

  • Baba am 28.06.2018 07:30 Report Diesen Beitrag melden

    Wieso ausgrabung?

    Wieso brauchts ausgeabungen? Es gibt dich aufzeichnungen anhand derer sollte doch ersichtlich sein wo die bühne stand usw.

    • algusto am 28.06.2018 09:49 Report Diesen Beitrag melden

      wir leben noch!

      Oder sie fragen die Besucher von damals...

    • A B C D und so am 28.06.2018 20:51 Report Diesen Beitrag melden

      Selber lesen

      Und noch zwei die den Artikel nicht lesen...

    einklappen einklappen