Keine Forschung

12. September 2019 21:46; Akt: 12.09.2019 23:05 Print

Bei Antibiotika bahnt sich eine Katastrophe an

Eine Welt ohne Antibiotika rückt immer näher. Neue Wirkstoffe werden kaum erforscht – weil es nicht profitabel ist.

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In Europa sterben jedes Jahr etwa 33'000 Menschen aufgrund einer Infektion mit resistenten Bakterien. Zu diesem Schluss kommen Forscher des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC). Nach einer anderen Berechnung von Autoren des sogenannten O'Neill-Reports (2016) könnten es 2050 schon 10 Millionen Tote sein. Auch die Recherchen des Norddeutschen Rundfunks verheissen nichts Gutes. Demnach steigen nämlich immer mehr Pharmaunternehmen aus der Antibiotikaforschung aus. Nach AstraZeneca und den Branchengiganten Novartis und Sanofi gab jetzt auch ... ... der weltweit grösste Gesundheitskonzern Johnson & Johnson bekannt, «keine weiteren Antibiotika in der Entwicklung» zu haben. Dies «weil es zu wenig lukrativ ist», sagt Andreas Kronenberg vom Institut für Infektionskrankheiten der Universität Bern und Leiter des Schweizerischen Zentrums für Antibiotikaresistenzen. Der Verdienst von einer Pharmafirma hänge davon ab, wie oft ein Medikament verkauft werde. Schliesslich koste die Entwicklung hunderte Millionen Dollar, ohne dass ein Gewinn sicher sei. Ausserdem lasse sich zurzeit mit Antibiotika deutlich weniger Geld verdienen als mit Krebsmedikamenten oder solchen gegen chronische Erkrankungen. Noch ist deswegen aber keine Panik angesagt. Immerhin arbeiten gemäss NDR derzeit mit MSD, GlaxoSmithKline, Otsuka und der Roche-Tochter Genentech noch vier der 25 weltgrössten Pharmaunternehmen an der Entwicklung neuer Antibiotika. Doch die müssen sich laut Peter Beyer von der WHO ranhalten. Denn Antibiotikaresistenzen seien eines «der Probleme des Jahrhunderts». Die Dringlichkeit hat man auch bei Roche erkannt. Nachdem man die Antibiotika-Forschung Ende de1990er zunächst reduziert hätte, habe man diese in den letzten Jahren wieder deutlich intensiviert, so Roche-Sprecher Karsten Kleine. «Die Situation hat sich durch Resistenzbildung dramatisch verändert.» Wie sich resistente Keime ausbreiten, haben US-Forscher bereits vor einiger Zeit untersucht. Die Analyse wurde im damals neu eröffneten Center for Care and Discovery der Universität Chicago durchgeführt. Dort fanden die Forscher ideale Bedingungen für ihre Arbeit vor: Sie konnten schon zwei Monate vor Aufnahme des Spitalbetriebs mit ihren Untersuchungen beginnen. Insgesamt nahmen sie während zwölf Monaten mehr als 10'000 Proben. Die Forscher machten Abstriche von den Händen, aus der Nase sowie den Achseln der Patienten, ebenso von den Oberflächen, welche sie wahrscheinlich berührt hatten. Hinzu kamen Proben vom Boden der Zimmer und den Luftfiltern. Auch das Pflegepersonal wurde untersucht. Dabei stellten die Forscher fest, dass sich unmittelbar nach Beginn des Klinikalltags Mikroben wie ... ... Corynebakterien, ... ... Staphylokokken und ... ... Streptokokken ausbreiteten. Die Aufnahme jedes neuen Patienten veränderte zudem die Zusammensetzung der Bakterien in seinem Zimmer. Die Forscher nahmen 92 Patienten genauer unter die Lupe, die über längere Zeit in dem Spital waren. Bei ihnen wurden potenziell schädliche Bakterien gefunden, die mit der Zeit Gene entwickelten, welche Resistenzen gegen Antibiotika fördern und Infektionen begünstigen können. Vor allem Staphylococcus aureus ist in seiner multiresistenten Form als Spitalkeim MRSA bekannt und gefürchtet: Während er für gesunde Menschen ungefährlich ist, ist er für etwa 30 Prozent aller Spitalinfektionen verantwortlich.

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Antibiotikaresistenzen nehmen weltweit zu. Damit wächst die Gefahr, an einst problemlos behandelbaren Infektionen oder kleinen Verletzungen zu sterben. Europaweit sterben jährlich etwa 33'000 Menschen an resistenten Keimen. Laut einem wegweisenden Bericht von 2016 könnten es 2050 schon 10 Millionen Tote im Jahr sein. Bereits 2014 warnte die Weltgesundheitsorganisation WHO vor einer Post-Antibiotika-Ära.

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Diese ist gemäss Recherchen des Norddeutschen Rundfunks NDR offenbar näher als gedacht. Denn immer mehr Pharmafirmen steigen aus der Antibiotikaforschung aus – obwohl der Internationale Pharmaverband (IFPMA) erst 2016 eine Industrie-Allianz gegründet hat, um geschlossen die Resistenzen anzugehen.

Rund 100 Pharmakonzerne, darunter die grössten der Welt, verpflichteten sich damals, die Forschung in diesem Bereich voranzutreiben.

Zu wenig lukrativ

Doch laut NDR ist das Gegenteil der Fall: Fast die Hälfte der Firmen, die sich der Allianz angeschlossen und zu neuen Antibiotika geforscht hatten, hat sich zwischenzeitlich von dem Thema abgewendet. Nach Astra-Zeneca und den Branchengiganten Novartis und Sanofi gab jetzt auch der weltweit grösste Gesundheitskonzern Johnson & Johnson bekannt, «keine weiteren Antibiotika in der Entwicklung» zu haben, so der NDR.

Dies «weil es zu wenig lukrativ ist», so Andreas Kronenberg vom Institut für Infektionskrankheiten der Universität Bern und Leiter des Schweizerischen Zentrums für Antibiotikaresistenzen. Der Verdienst einer Pharmafirma hänge davon ab, wie oft ein Medikament verkauft werde. Schliesslich koste die Entwicklung Hunderte Millionen Dollar, ohne dass ein Gewinn sicher wäre. Ausserdem lasse sich zurzeit mit Antibiotika deutlich weniger Geld verdienen als mit Krebsmedikamenten oder solchen gegen chronische Erkrankungen.

Auf Nachfrage von 20 Minuten bestätigt Novartis-Sprecher Satoshi Sugimoto, im Jahr 2018 die «Forschung im Bereich antibakterieller und antiviraler Wirkstoffe eingestellt» zu haben. Man habe die Entwicklung neuer Antibiotika an andere Unternehmen abgegeben.

Kleinen geht das Geld aus

Auch kleinere Unternehmen haben die Forschung zu neuen Antibiotika an den Nagel gehängt beziehungsweise an den Nagel hängen müssen. Vielen sei schlichtweg das Geld ausgegangen, so der NDR. Andere hätten dagegen damit zu kämpfen, dass sich Investoren zurückzögen. Auch für diese sei das Geschäft mit neuen Antibiotika zu wenig profitabel.

Noch ist deswegen aber keine Panik angesagt. Immerhin arbeiten gemäss NDR derzeit mit MSD, GlaxoSmithKline, Otsuka und der Roche-Tochter Genentech noch vier der 25 weltgrössten Pharmaunternehmen an der Entwicklung neuer Antibiotika.

Doch die müssen sich laut Peter Beyer von der WHO ranhalten. Denn Antibiotikaresistenzen seien eines «der Probleme des Jahrhunderts». Die Dringlichkeit hat man auch bei Roche erkannt. Nachdem man die Antibiotika-Forschung Ende des letzten Jahrtausends zunächst reduziert gehabt habe, habe man diese in den letzten Jahren wieder deutlich intensiviert, so Roche-Sprecher Karsten Kleine zu 20 Minuten. «Die Situation hat sich durch Resistenzbildung dramatisch verändert.»

(fee)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Anti Bazillus am 12.09.2019 21:53 Report Diesen Beitrag melden

    Kein problem

    Sobald, dass die Leute reihenweise auf der Strasse umkippen, wird die Forschung wieder hochgefahren .. weils dann wieder lukrativ wird... do you understand ?

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  • Büüsi am 12.09.2019 22:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einfache Lösung

    Wenn die Leute wieder alle an, zur Zeit noch, harmlosen Infekten sterben, können sie ja dann die Krebsforschung einstellen, da eh keiner solange lebt um an Krebs zu sterben....

  • EBAF am 12.09.2019 21:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die unermessliche Ignoranz..

    ..und Beratungsresistenz gewisser Menschen kommt uns eher früher als später teuer zu stehen..

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Overloaded am 14.09.2019 00:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aktion/Reaktion=Profit

    Pharma stellt seit Ewigkeiten gegemitteln für bestimmt im Labor gezüchtete Viren. Krankheit verbreiten und abkassieren und zwar ganz fett in die Kasse. So vieles wurde in Labors erschfen, dass die Kontrolle schneller verloren gehen kann. Hoffe das diese nur nicht muss, bleibt alle gesund.

  • D.B. am 14.09.2019 00:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Markt

    So viel zum Thema "der Markt regelt das". Die ist perverser Kapitalismus in Reinkultur. Aber wenigstens hilft der Mangel an neuen Medis gegen das Bevölkerungswachstum.

  • Perikles am 13.09.2019 23:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vielleicht

    Tja, vielleicht wären die Verantwortlichen für den Forschungsabbruch irgendwann froh sie hätten selbst ein wirksames Antibiotika...

  • H, Meier am 13.09.2019 22:19 Report Diesen Beitrag melden

    Der Beweis

    Im Gesundheitswesen gehts NUR um die Kohle. Helfen? Das ist nur das Wort für Kohle. Nicht heilen, nur am leben erhalten, damit noch mehr gezockt werden kann.

  • Dr. Acula am 13.09.2019 21:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Phagen

    Wieso spricht hier eigentlich niemand über Phagen? Wissen Leute überhaupt was das ist?

    • Für Dr.acula am 13.09.2019 21:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Dr. Acula

      Phagen habe jetzt ernome beteutung für uns.

    • Virus am 13.09.2019 23:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Dr. Acula

      Manche Leute wissen es. Aber ich verstehe etwas nicht. Hier laufen Leute Amok wenn sie nur schon GenSoja oder Gen Mais hören. Und Phagen bedeutet Gentechnologie die hier überwiegend abgelehnt wird. Deshalb vergiss deine Phagen.

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