Chinesische Designerbabys

30. November 2018 16:19; Akt: 30.11.2018 16:19 Print

Darum sind die Gen-Experimente so verwerflich

von Fee Riebeling - Die Nachricht, dass erstmals genmanipulierte Babys zur Welt gekommen sind, klingt nach Sensation, ist laut Experten aber eine Katastrophe.

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«Unverantwortlich» und «ein Super-GAU für die Wissenschaft» – so lauten die ersten Reaktionen auf die Meldung chinesischer Forscher, unter deren Einwirken die ersten Genom-editierten Babys zur Welt gekommen sein sollen. Wie Forschungsleiter He Jiankui von der Universität Schenzen in einem Youtube-Video erklärt, wurden die beiden Babys durch klassische IVF gezeugt. Direkt nachdem das Sperma des Vaters die Eizellen erreicht hatte, entfernte ein Embryologe ... ... mithilfe der Genschere Crispr/Cas9 «die molekulare Eintrittspforte, durch die HI-Viren Menschen infizieren können». Das Problem aus Sicht von Kritikern: Die Neben- und Spätfolgen für die Zwillingsmädchen seien noch unabsehbar und schwer zu kontrollieren. «Wir wissen nicht, ob es noch unentdeckte, nicht zielgerichtete Veränderungen an anderer Stelle im Erbgut dieser Babys gibt oder was es bedeutet, dass nicht alle Zellen im Körper die gleichen Modifikationen haben», sagt Martin Jinek von der Uni Zürich, der an der Entwicklung der Genschere Crispr massgeblich beteiligt war. «Ich hoffe wirklich das Beste – es kann auch schrecklich schief gegangen sein.» He habe ausserdem Jahrzehnte an Sicherheitsforschung übergangen: «Die Technik ist zwar ausgereift, aber niemand weiss, welche Langzeitfolgen die Anwendung bei menschlichen Embryonen hat», so Jinek. Weiterer Kritikpunkt: He hat «die DNA der Babys so verändert, dass die Modifikationen – die gewollten und gegebenenfalls unabsichtlich herbeigeführten – an die nächste Generation vererbt werden können. Mit unklaren Folgen», sagt Nikola Biller-Andorno, Leiterin des Instituts für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte der Universität Zürich. Doch auch die Befruchtungsmethode selbst kann offenbar schwerwiegende Folgen für den so gezeugten Nachwuchs haben. Zu diesem Schluss kamen im September 2018 Forscher des Berner Inselspitals. Demnach können nach künstlicher Befruchtung geborene Kinder als Teenager ein höheres Risiko für Bluthochdruck und damit ein gesteigertes Risiko für Schlaganfälle und Herzerkrankungen entwickeln. Welche Rolle dabei das Einfrieren überzähliger Embryos sowie das Kultivieren in einer Nährlösung im Brutschrank spielt, ist noch unklar. Zudem weisen die Forscher darauf hin, dass es noch weitere Studien braucht, ... ... weil die aktuelle nur relativ wenige Teilnehmer berücksichtigte, die zudem alle einem einzigen Kinderwunschzentrum entstammten. Daher seien die Ergebnisse erst mal mit Vorsicht zu geniessen. Sie war das erste künstlich erzeugte Baby: Louise Joy Brown kurz nach ihrer Geburt am 25. Juli 1978 im Oldham General Hospital in Manchester, England. Louise Brown mit 10 Jahren, am 21. Mai 1989, in Cambridge. Die Britin an ihrem 25. Geburtstag vor der Fruchtbarkeitsklinik, deren Ärzte sie ihr Leben verdankt. Und ein gemeinsames Bild mit dem ersten männlichen Retortenbaby, Alastair Macdonald, im Jahr 2003. Louise Browns erster Schrei am 25. Juli 1978: Mehr als acht Millionen Babys sind seit ihrer Geburt vor rund 40 Jahren nach einer Fruchtbarkeitsbehandlung zur Welt gekommen. «Superbabe» Louise: Die Geburt des ersten «Retortenbabys» war eine medizinische Sensation. In den Medien wurde weltweit über Louise berichtet. In den Folgejahren kam es laut «Life»-Magazine zum Boom der «Test-Tube Babys», zu Deutsch: Babys aus dem Reagenzglas. Am häufigsten wird inzwischen die Intrazytoplasmatische Spermien-Injektion angewendet. Die ICSI kommt bei Fruchtbarkeitsproblemen des Mannes zum Einsatz, etwa bei zu wenigen oder schlecht beweglichen Spermien. Ein Monitor zeigt im Kinderwunschzentrum Magdeburg in Deutschland eine solche Spermieninjektion Entwickelt wurde die Methode vom Medizin-Pionier Robert Edwards, der dafür 2010 den Nobelpreis erhielt. 2013 verstarb Edwards. Hier ist er 2008 gemeinsam mit Louise Brown, deren Sohn Cameron und ihrer Mutter Lesley zu sehen.

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Die Kunde, dass der chinesische Forscher He Jiankui die ersten gentechnisch veränderten Babys erschaffen hatte, sorgte für einen riesigen Aufschrei. Kritiker sprachen von «GAU», «Wahnsinn», «unverantwortlichen Menschenversuchen» oder dass die «Büchse der Pandora» geöffnet worden sei.

Die Hochschule von He Jiankui gab an, sie hätte nichts von dem Vorhaben gewusst, und nahm sein Profil vom Netz. Sein Handeln sei eine «ernsthafte Verletzung akademischer Ethik und Normen». Das chinesische Wissenschaftsministerium hat die sofortige Einstellung der Forschungen veranlasst. Schon am Mittwoch hatte He angekündigt, die Experimente vorerst auszusetzen.

Woher kommt die grosse Empörung?
Es stösst sauer auf, dass weder Hes Hochschule noch das Spital Kenntnis von seinem Tun hatten. Laut «China Daily» hat He auch keine Genehmigung der Behörden eingeholt. Das Versäumnis kritisieren Experten wie Robin Lovell-Badge vom Londoner Francis Crick Institute als intransparent.

Zudem wird Hes Tempo kritisiert. Laut Wolfram Henn von der Universität des Saarlandes wurden – sollten die Behauptungen stimmen – «Jahrzehnte an Sicherheitsforschung einfach übergangen». Das sieht auch Martin Jinek von der Universität Zürich so, der an der Entwicklung der Genschere Crispr/Cas9 beteiligt war (siehe Box): «Die Technik ist zwar ausgereift, aber niemand weiss, welche Langzeitfolgen die Anwendung bei menschlichen Embryonen hat.»

Weiter monieren die Experten, dass He eine heikle Grenze überschritten hat: «Die DNA der Zwillinge wurde so verändert, dass die Modifikationen – die gewollten und gegebenenfalls unabsichtlich herbeigeführten – an die nächste Generation vererbt werden können – mit unklaren Folgen», sagt Nikola Biller-Andorno, Leiterin des Instituts für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte der Universität Zürich. Ihr Kollege Jinek ergänzt: «Das ist wirklich etwas, das nicht getan werden sollte.»

Warum gelten die Experimente als «unethisch»?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Hier wurden zwei Kinder ungefragt instrumentalisiert, wie Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, zu «Deutschlandfunk Kultur» sagte. Man hat die Babys einem unkalkulierbaren und dazu unnötigen Risiko ausgesetzt.

Unklar ist weiter, wie der Forscher die Familien rekrutiert hat. Es gibt Hinweise, dass er den Paaren nicht die ganze Wahrheit erzählt haben soll. So soll auf den Einverständniserklärungen lediglich von einer HIV-Impfung die Rede gewesen sein. Zudem soll den Probanden eine kostenlose Kinderwunschbehandlung versprochen worden sein. «Sollte das stimmen, wäre das verwerflich», so Biller-Andorno.

Kritisiert wird auch, dass He nicht einen defekten Embryo repariert, sondern einen potenziell gesunden zu optimieren versuchte. «Er hat ein Gen ausgeschaltet, das die meisten Menschen besitzen», erklärt die UZH-Ethikerin. Zwar sind jene, die es nicht haben, eher HIV-resistent. Allerdings, so Biller-Andorno, seien Menschen ohne dieses Gen «anfälliger gegenüber anderen Infektionskrankheiten wie dem West-Nil-Virus».

Stimmen Hes Behauptungen überhaupt?
Sicher sagen kann das niemand, der nicht an den Experimenten beteiligt war. Belege gibt es nicht. Allerdings trauen viele Forscher He diese Leistung zu – auch Jinek: «Ausgehend von dem, was er an einer Konferenz in Hongkong präsentiert hat, halte ich Hes Behauptungen für realistisch.» Doch um sicher zu sein, braucht es DNA-Tests. Auf diese wartet auch Biller-Andorno. Denn es «hat schon öfters derartige Ankündigungen gegeben, die sich dann als unwahr erwiesen haben».

Was wird mit den gentechnisch veränderten Kindern?
Schwer zu sagen. «Wir wissen nicht, ob es noch unentdeckte, nicht zielgerichtete Veränderungen an anderer Stelle im Genom dieser Babys gibt oder was es bedeutet, dass nicht alle Zellen im Körper die gleichen Modifikationen haben», sagt Jinek. «Ich hoffe wirklich das Beste – es kann auch schrecklich schiefgegangen sein.»

Kann so etwas auch in der Schweiz geschehen?
Nein, diese Art der Forschung ist hierzulande verboten, genauso wie in all jenen Ländern, die die Bioethikkonvention des Europarats ratifiziert haben.

Was muss passieren, damit so etwas in dieser Form nicht wieder vorkommt?
Direkt nach der Bekanntgabe Hes kamen erste Forderungen nach einer Überwachungsinstanz auf. Dabrock beispielsweise regte die Schaffung einer Behörde «analog zur Internationalen Atomenergie-Behörde» an.

Ob das der richtige Weg wäre, bezweifelt Biller-Andorno. Ihr zufolge funktioniere die interne Kontrolle in der Wissenschaft «gar nicht so schlecht», wie der weltweite Aufschrei zeige. Jetzt ginge es darum, sich auf globale Mindeststandards zu einigen. Laut Jinek müssten diese lauten, keine Genomeditierung in der menschlichen Fortpflanzung vorzunehmen, weil die Veränderungen dann vererbt werden können.

Die ursprüngliche Ankündigung Hes, die für den Aufschrei sorgte. (Video: Youtube/ The He Lab)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Simba74 am 30.11.2018 16:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ich behaupte

    dass es Untergrund längst solche Experimente gibt. Und das auch in vielen Ländern.

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  • Realist am 30.11.2018 16:27 Report Diesen Beitrag melden

    Ja und? War abzusehen.

    Es war abzusehen das ein Forscher früher oder später nicht widerstehen kann. Die Folgen werden gleich sein wie bei den Nahrungsmitteln. Es werden viele kleine Probleme auf tauchen die in der summe schlimmer sind als das Ursprungsproblem. Man gann aber nichts dagegen machen. Es ist eine Form der Pest einfach an unser Zeitalter angepasst. Wird schon schiefgehen.

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  • Rosalinda S. am 30.11.2018 16:36 Report Diesen Beitrag melden

    Kranker Ehrgeiz

    Was machbar ist wird früher oder später immer gemacht, Ethik hin oder her , der Ehrgeiz und Streben nach Ruhm der Forscher sind nicht zähmbar, es sei denn die Gesellschaft setze endlich Grenzen und sehr hohe Strafen für Sog. Forscher und Industrien, die sich nicht daran halten.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Freidenkender Mensch am 01.12.2018 20:54 Report Diesen Beitrag melden

    Realist und Freidenker!

    Sollen die Chinesen das doch machen, schlussendlich sind das Embryos umd irgendwann wachsen Menschen daraus. Aaaaaber 90% der Menschen müssen ja wiedermal bestimmen was 10% der Menschheit machen darf und ethisch ist

  • Fida am 01.12.2018 18:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Abwägen und nachdenken

    Ihm zu Gute halten muss man, dass er etwas Gutes mit schlechten Mitteln wollte. In Amerika kann man das Ganze schon auf Bestellung bekommen (habe das gelesen ), Also blaue Augen oder IQ Modifikationen. Da ist mir dieser Forscher, der eine Krankheit eliminieren wollte, definitiv lieber! Es ist sehr einfach, ethisch und moralisch "konform" zu sein, wenn es uns nicht betrifft. Aber wehe, es trifft unser Kind!!!

  • Avenarius am 01.12.2018 14:07 Report Diesen Beitrag melden

    Ab ins nächste Jahrtausend

    Klar ist das ein Fortschritt. Nun kommt es wie immer, bei allen Innovationen. Es wird Gutes & Böses geben. Hoffentlich überwiegen auch da die klugen Menschen.

  • Teutates am 01.12.2018 11:27 Report Diesen Beitrag melden

    Welche Instanz legt eigentlich fest,

    was ethisch ist oder nicht? Gut oder böse? Wer sagt, was Böse ist? Wer regiert die Welt und eure Gehirne? Nachdenken, Leute, nachdenken!

    • mix am 01.12.2018 20:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Teutates

      Die Welt wird von denen mit der grössten Macht regiert. Derjenige der mit viel Geld noch viel mehr machen kann.!! Hat die grösste Macht.

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  • Typhoeus am 01.12.2018 08:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Zauberlehrling

    Genmanipulationen werden fortgesetzt, wenn nicht in unserem Land, dann in anderen Ländern.