Ciprofloxacin

22. Oktober 2018 15:32; Akt: 22.10.2018 20:48 Print

Gängiges Antibiotikum schädigt Erbgut massiv

von F. Riebeling - Antibiotika sollen Kranke gesund machen. Doch jene aus der Gruppe der Fluorchinolone machen sie mitunter noch kränker. Nun ist klar, warum.

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Wer Antibiotika nimmt, hofft darauf, gesund zu werden. Doch manche von den zur Auswahl stehenden Präparaten haben so schwere Nebenwirkungen, dass auch die schlimmste Harnwegsentzündung ein Klacks dagegen ist. Die Beschwerden der Fluorchinolone, früher Gyrasehemmer, reichen von Sehnenentzündungen und -rissen über Gelenk-, Muskel- und Hautschmerzen ... ... Herzrhythmusstörungen, Halluzinationen, Verwirrung und epileptischen Anfällen ... ... bis hin zu schlimmen Durchfällen, Depressionen und Suizidgedanken. Die Nebenwirkungen sind teils so heftig, dass die amerikanische Zulassungsbehörde FDA 2016 eine Warnung herausgab, laut der die Medikamente unerwünschte Wirkungen haben könnten, die «zur Behinderung führen und potenziell dauerhaft» seien. 2017 leitete auch das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte ein europaweites Risikobewertungsverfahren ein. Dieses ist nun abgeschlossen, Nach Ansicht des PRAC sollen Fluorchinolon-Antibiotika in Zukunft , ... ... sofern andere Antibiotika zur Verfügung stehen: ... Bei Infektionen, die auch ohne Behandlung abklingen oder nicht schwer sind. Beispielsweise bei Entzündungen des Halses; ... ... zur Vorbeugung von Reisedurchfall (Reisediarrhö) oder ... ... wiederkehrender Infektionen der unteren Harnwege (sofern sie nicht über die Blase hinausgehen) und ... ... zur Behandlung von Patienten, bei denen vormals schwere Nebenwirkungen im Zusammenhang mit Fluorchinolonen oder Chinolonen aufgetreten sind. Ebenfalls nicht mehr zur Anwendung kommen sollen Fluorchinolone, bei leichten bis mittelschweren Infektionen wie Blasenentzündungen, chronischer Bronchitis und COPD (chronisch obstruktive Lungenkrankheit) sowie ... ... bei einer akuten bakterielle Rhinosinusitis und akuten Mittelohrentzündungen. Besonders zurückhaltend sollten Ärzte bei der Behandlung von älteren Personen, von Patienten mit Nierenfunktionsstörungen und solchen, ... ... die eine Organtransplantation hatten, sein. Auch bei Erkrankten, die Kortikosteroide einnehmen, ist Vorsicht angesagt. Sie alle weisen ein höheres Risiko für durch fluorchinolonhaltige Antibiotika verursachte Schäden an den Sehnen auf. Der Expertenausschuss empfiehlt weiter, dass Angehörige der Gesundheitsberufe die Patienten anweisen sollten, die Behandlung mit einem fluorchinolonhaltigen Antibiotikum zu beenden, wenn erste Anzeichen von Nebenwirkungen auftreten. Die Empfehlungen des PRAC liegen nun dem Ausschuss für Humanarzneimittel der Europäischen Union vor, der das endgültige Gutachten verabschieden wird. (Im Bild: der Hauptsitz der EMA in London) So gut wie sicher ist indes, wie es zu den schweren, teils irreparablen Nebenwirkungen kommt. Wie finnische Forscher im Fachjournal «Nucleic Acids Research» schreiben, schädigt Ciprofloxacin die DNA von Mitochondrien (mtDNA), den Kraftwerken der menschlichen Zellen massiv. Der beobachtete «dramatische Effekt» führt dazu, dass die Energieproduktion der Mitochondrien nachlässt.

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Ciprofloxacin aus der Gruppe der Fluorchinolone (früher Gyrasehemmer) ist eines der am häufigsten eingesetzten Breitband-Antibiotika. Es ist erste Wahl, weil es gegen ein breites Spektrum an Bakterien wirkt und damit einen erfolgreichen Ausgang der Therapie wahrscheinlich macht.

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Das Problem: Ciprofloxacin kann, ebenso wie andere Antibiotika der Gruppe, heftige und zum Teil irreparable Nebenwirkungen hervorrufen (siehe Box), wie unter anderem der Fall von M. H.* aus Solothurn zeigt, der nach der Einnahme des Präparats mit schweren gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat.

Die unerwünschten Begleiterscheinungen sind teils so heftig, dass die amerikanische Zulassungsbehörde FDA 2016 eine Warnung herausgab. Demnach kann die Einnahme von Fluorchinolon-Antibiotika unerwünschte Wirkungen haben, die «zur Behinderung führen und potenziell dauerhaft» seien.

«Dramatischer Effekt» auf das Erbgut

Forscher der University of Eastern Finland haben nun einen ersten Anhaltspunkt gefunden, woher diese Nebenwirkungen rühren könnten. Wie sie im Fachjournal «Nucleic Acids Research» berichten, schädigt das Ciprofloxacin die DNA von Mitochondrien (mtDNA), den Kraftwerken der menschlichen Zellen.

Als das Team um Anu Hangas im Labor mtDNA mit dem Breitband-Antibiotikum behandelten, beobachteten sie einen «dramatischen Effekt». Dieser führte dazu, dass die Energieproduktion der Mitochondrien nachliess, wie die Hochschule mitteilt. Aus Sicht der Forscher könnte das die Nebenwirkungen erklären.

Neue Richtlinien auf dem Weg

Neben den finnischen Forschern hat sich auch der Ausschuss der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA), der für die Bewertung von Sicherheitsfragen bei Humanarzneimitteln zuständig ist (PRAC), mit Antibiotika aus der Gruppe der Fluorchinolone befasst.

Die Verantwortlichen empfehlen, fluorchinolonhaltige Antibiotika künftig nicht mehr zur Behandlung von leichten bis mittelschweren Infektionen einzusetzen, für die auch andere Antibiotika zur Verfügung stehen (siehe Bildstrecke). Ausserdem soll verboten werden, derartige Präparate zur Vorbeugung von Reisediarrhö oder Harnwegsinfektionen zu verschreiben.

Die Empfehlungen des EMA-Ausschusses liegen nun dem Komitee für Humanarzneimittel der Europäischen Arzneimittel-Agentur vor, das das endgültige Gutachten verabschieden muss.

Betroffene sind enttäuscht

Auch wenn die nun vorliegenden PRAC-Empfehlungen zum Ausdruck bringen, dass die Antibiotikagruppe nicht ungefährlich ist, sind sie «aus Sicht vieler Betroffener eine grosse Enttäuschung», wie K.P.* sagt, der selbst an den Nebenwirkungen leidet und eine Facebook-Gruppe von Schweizer Betroffenen leitet. Die Ratschläge gehen ihm zu wenig weit.

«Eines unserer wichtigsten Anliegen war, den Einsatz von Fluorchinolonen auf schwerwiegende und lebensbedrohliche Infektionen zu beschränken», sagt P. weiter. «Sie sollen aus Sicht der Betroffenen nur als Sekundär-Antibiotika eingesetzt werden.» Also nur dann, wenn kein primäres Antibiotikum mehr helfe. Auch den fehlenden Hinweis auf die Möglichkeit einschränkender und langanhaltender Nebenwirkungen fehle.

Swissmedic ist schon weiter

Deutlich positiver sind laut P. die Massnahmen der Schweizerischen Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Arzneimittel und Medizinprodukte Swissmedic. Diese hat 2017 veranlasst, dass die Arzneimittelinformationen «neu einheitlich auf langanhaltende oder dauernd beeinträchtigende unerwünschte Wirkungen» hinweisen müssen.

Gemäss dem Amt können Fluorchinolone «weiterhin bei schweren Infektionen gemäss den Angaben der Arzneimittelinformation verabreicht werden.» Bei einfachen Infekten jedoch sei das Risiko der seltenen, aber schweren unerwünschten Wirkungen zu hoch im Vergleich zum Nutzen

Abgeschlossen ist die Bewertung der Schweizer Behörde aber noch nicht, wie Danièle Bersier sagt: «Die von der EU angestrebten weiteren Massnahmen zu Chinolonen und Fluorchinolonen werden derzeit auch von Swissmedic evaluiert.»

*Name der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Freezer79 am 22.10.2018 21:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ANTI Anti Biotika

    Antibiotika ist absolut schädlich und sollte nur im äussersten Notfall eingenommen werden.

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  • Tim am 22.10.2018 21:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Standard...

    Selbst bei einer Operation muss man unterschreiben, dass man verbluten und sterben kann. Die Liste mit den Nebenwirkungen dient nur als Schutz für die Pharmaindustrie, wenn es unerwünschte Nebenwirkungen geben würde. Andernfalls gäbe es Millionen von Klagen.

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  • Healthprofessional am 22.10.2018 20:59 Report Diesen Beitrag melden

    Volksverblödung

    Ich finde Artikel über Wirkung und Neebrnwirkungen von wichtigen Medikamenten immer sehr kritisch, das unzureichende Befolgen der Therapie kann schwere Folgrn haben. Sprechen Sie mit ihrem Arzt wenn Sie Bedenken haben!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Deter am 01.11.2018 19:23 Report Diesen Beitrag melden

    Pharmas müssen nahezu weg!

    Alles pures Gift eben. So wird mit Gift noch mehr Kohle durch mehr Gift gemacht :)

  • Robert am 27.10.2018 17:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Trauma

    Ich bekam dieses Medi, nachdem ich eine Sepsis nach einer Operation hatte. Die Nebenwirkungen waren schrecklich, Durchfall, Halluzinationen, Panikzustände u v mehr. Schlimm fand ich, dass ich mich, weil ich so schlecht dran war, nicht wehren konnte und dass die Chirurgen mich bzgl. der Nebenwirkungen nicht ernst nahmen. Fairerweise muss ich sagen, dass ich nicht weiss, ob es ein anderes wirksames Antibiotika gegeben hätte, und dass ich ohne nicht überlebt hätte. Geblieben sind Angstzustände, Herzprobleme und Magenbeschwerden/Empfindlichkeiten.

  • Gegen.. am 27.10.2018 11:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jeder..

    Jeden..Kaffe war schädlich..heute fast nicht mehr..Eier waren schädlich..heute Fast nicht mehr u.s.w....immer warten irgendwo Neider und finden Fehler .... bis wieder der noch gebildetere kommt..und beweist mit fast 100% Sicherheit das Gegenteil..(also verlasse ich mich aufs Bauchgefühl..) oder meinen Hausarzt..der auch in der Praxis Mensch bleibt..und nicht in der Geld-Maschinerie mitmacht..

  • Schoggi am 25.10.2018 07:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    gestern bekommen

    Blasenentzündung -> mit Nierenentzündung. Gerade gestern habe ich dieses Antibiotika bekommen. Als ich auf den Artikel hinwies und fragte ob was anders gäbe. Kam die Frage: wollen Sie noch Kinder. Antwort: Nein (bin 50ig). Ärztliche Antwort: Dann machts nichts wenn der dna ändert. Ich hoff mal es passiert mir nichts schlimmmeres.

    • Sara am 28.10.2018 02:39 Report Diesen Beitrag melden

      Krass

      Das ist äusserst unprofessionell von dem Arzt und zeigt wie wenig die Aerzte mit den Risiken vertraut sind. Natürlich auch eine Masche der Pharmaindustrie.

    • r.r. am 06.11.2018 10:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Sara ....

      Genau, die Hausärzte werden ja auch von der Pharmaindustrie gesponsert...

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  • Blau Bär am 24.10.2018 02:54 Report Diesen Beitrag melden

    Antibiotika als Auslöser für Adhs

    Bei mir wurde nach einer Antibiotika behandlung ADHS festgestellt. Ich bin anscheinend alergisch gegen Penizillin. Bauchkrämpfe bis zum Umfallen und Bewusstlosigkeit. Danach ca. 1/2 Jahr später die Diagnose ADHS..... leider gibt es bis dato keine Studie darüber aber es ist schon sehr spannned das kurz danach die ADHS diagnostiziert wurde. leide heute noch darunter. Zeitraum ca. 6jahre. Ich bin jetzt 32 Jahre Alt.