Stigmata entzaubert

29. Oktober 2008 12:33; Akt: 29.10.2008 15:37 Print

Das Geheimnis des spontanen Blutens

Mysteriöse Blutungen aus den Augen, dem Mund oder aus den Poren - und das ohne erkennbare Verletzung? Was viele Gläubige als Wunder feiern, ist für Mediziner eine seltene Erkrankung.

Fehler gesehen?

Plötzliche Blutungen, die sich ihren Weg durch diverse Körperöffnungen bahnen, werden von Gläubigen gerne als ein Zeichen Gottes interpretiert.

Ärzte wissen dieses «Wunder» anders zu deuten: Vordergründig als Stigmata bestimmte Spontanblutungen werden durch medizinisches Fachvokabular entmystifiziert: Ob Purpura oder Gardner-Diamond-Syndrom (eine seltene Krankheit, die sich durch schmerzhafte Unterhautblutungen bemerkbar macht) - in den meisten Fällen gibt es für die seltenen Krankheiten eine wissenschaftliche Erklärung.

Auch Twinkle Dwivedi aus Lucknow in Indien verbrachte mehrere Monate damit, eine Diagnose für ihre Symptome zu bekommen. Das 13-jährige Mädchen blutet plötzlich aus dem Mund, den Ohren, den Augen, dem Haaransatz oder den Fusssohlen. Es begann im Juli 2007: Dwivedi sass gerade im Schulunterricht. Plötzlich begann sie aus dem Mund zu bluten. Fünf Tage später passierte es wieder - seit dem gehören die immer wiederkehrenden Spontanblutungen zu ihrem Alltag, manchmal bis zu zehnmal am Tag. Dieser Vorgang dauert jeweils wenige Minuten.

Seit dem Ausbruch ihrer Erkrankung sehnt sich die 13-Jährige nach einem ganz normalen Leben: Sie hat ihre Freunde verloren, die Schule ist für sie tabu und die Familie muss dafür sorgen, dass Twinkle stets beaufsichtig wird.

Der Teenager wurde von einem Arzt zum anderen gereicht - doch die Mediziner konnten die Ursache für Twinkles Leiden nicht finden. Aufgrund des hohen Blutverlusts musste das Mädchen sogar einmal in der Intensivstation eines Spitals behandelt werden. Von den behandelnden Ärzten bekamen Dwivedis bislang nur eine Erklärung: Es handle sich bei Twinkles Krankheit um eine äusserst seltene Blutungsstörung.


Plötzliches Bluten - von Gefühlen gesteuert?

Das Phänomen ist Dr. Louis Aledort, Hämatologe am Mount Sinai Hospital in New York (USA), nicht neu. Gegenenüber «ABCnews.com» bestätigte er, dass ihm schon ungefähr 20 «Spontanbluter» während seiner Tätigkeit als Arzt begegnet sind. Aledort erklärt, dass das seltene Phänomen emotionale Ursachen hat: «Spontane Blutungen unter oder in der Haut werden von Gefühlen ausgelöst.» Wie das genau funktioniert, ist immer noch unklar.

Hier setzte der Dermatologe Dr. Peter J. Koblenzer von der Temple University in Moorestown, New Jersey, an. Er unterzog einer Patientin mit starken Blutungen unter den oberen Hautschichten einem Experiment, um herauszufinden, wie stark die Psyche als Auslöser der Symptome bewertet werden muss: Koblenzer zog drei Spritzen mit dem Blut der Patientin auf. Danach erklärte er der jungen Frau, Spritze Nummer zwei enthalte ihr eigenes Blut, die anderen seien mit dem Blut anderer Patienten aufgezogen worden. «Mit Hilfe dieses Tests wollen wir herausfinden, was mit Ihnen nicht stimmt», erklärte Koblenzer der Frau und sagte ihr: «Wir glauben, dass Sie allergisch auf Ihr eigenes Blut reagieren. Dieses werden wir Ihnen nun ins Bein injizieren und dann werden Sie eine grosse Blutung entwickeln.» Der Mediziner griff zu Spritze Nummer zwei - und tatsächlich: Nachdem er Blut aus allen drei Spritzen ins Bein der Patientin injiziert hatte, entwickelte die Probandin besonders starke Blutungen unter der oberen Hautschicht - allerdings nur an der Stelle, an der Spritze Nummer zwei zum Einsatz kam.

(rre)