Ritalin und Co.

02. März 2011 16:53; Akt: 02.03.2011 16:53 Print

Das brave Kind auf Rezept

von Runa Reinecke - Hugh Kelley leidet unter ADHS, Autismus und einer bipolaren Störung. Den schwierigen Alltag meistert der Zehnjährige durch die Einnahme von Psychopharmaka.

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Hugh Kelley: Sein Alltag wird durch Medikamente bestimmt.
(Bild: SRF)

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Hugh Kelley ist erst zehn. Für sein Alter überzeugt der Bub mit Ausdruck, das Vokabular wählt er mit Bedacht: «Wenn ich das Asperger-Syndrom nicht hätte, wäre ich nicht so klug, wie ich bin», analysiert er trocken. Das Asperger-Syndrom, eine autistische Störung, ist nicht Hughs einziges Problem: Der Junge aus den USA leidet ausserdem an ADHS (Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätsyndrom) und einer bipolaren Störung (manische Depression).

Wie viele andere Kinder in den USA schluckt Hugh Pillen gegen die Symptome seiner Krankheiten. Mit seinem Schicksal ist der Bub alles andere als alleine. Schätzungen zufolge nehmen in den Vereinigten Staaten zwischen sechs und acht Millionen Kinder regelmässig das ADHS-Medikament Ritalin ein - Nebenwirkungen wie Appetitlosigkeit, Schwindel und Übelkeit inklusive. Viele der Kinder tun dies offenbar grundlos: In den USA – so ergab eine im letzten Jahr veröffentlichte Studie der Universität Michigan – leben fast eine Million Kinder mit der Fehldiagnose ADHS.

Nicht jedes lebhafte Kind hat ADHS

Das wiederum führt dazu, dass viele Buben und Mädchen Medikamente, insbesondere Amphetamine wie das umstrittene Ritalin einnehmen, obwohl sie es gar nicht bräuchten. Bei Kindern ohne ADHS kann der in Ritalin enthaltene Wirkstoff Methylphenidat statt zu beruhigen, aufputschend wirken. Ritalin nimmt Einfluss auf die Impulskontrolle der Kinder, die unter dem ADHS - auch Zappelphilipp-Syndrom genannt - leiden. Viele von ihnen sind unkonzentriert, leicht ablenkbar, äusserst lebhaft und fallen häufig durch störendes Verhalten gegenüber anderen auf. Dabei leidet das Umfeld und nicht zuletzt die betroffenen Kinder selbst. Viele von ihnen leben trotz eines hohen IQs isoliert, werden von Gleichaltrigen gemobbt oder gemieden.

Auch in der Schweiz kommt Ritalin immer häufiger zum Einsatz:
Einer Erhebung des Zürcher Regierungsrates zufolge standen 2008 ganze 3,13 Prozent aller 14-Jährigen im Kanton Zürich unter Ritalin-Einfluss. Damit habe sich der Konsum der Arznei in dieser Altersklasse um 1,74 Prozent seit dem Jahr 2005 gesteigert.

Medikamentenforschung steckt buchstäblich in den Kinderschuhen

Da Erkenntnisse über Langzeitfolgen von Medikamenten wie Psychopharmaka in der Regel nur für Erwachsene vorliegen, ist unklar, wie sich die dauerhafte Einnahme bestimmter Wirkstoffe langfristig bei Kindern auswirkt. Erst seit dem Jahr 2007 gibt es eine EU-Verordnung zur Erforschung kindgerechter Arzneien.

Die dadurch gewonnenen Erkenntnisse könnten auch Hugh helfen, dem Protagonisten der Dokumentation «Braves Kind auf Rezept» von Louis Theroux (siehe TV-Tipp). Der Journalist begleitete Hugh und seine Familie während eines Aufenthalts in einer Spezialklinik der Universität von Pittsburgh im US-Bundesstaat Pennsylvania. Dort wird der Zehnjährige gegen Hyperaktivität und andere auffällige Verhaltensweisen behandelt. Auch den schwierigen Alltag der Familie durfte Theroux miterleben und für seinen Film dokumentieren.