Michail Zobin

09. Februar 2011 17:25; Akt: 10.02.2011 09:10 Print

Der Zauberarzt, der Junkies clean macht

von Runa Reinecke - Mit nur einer Behandlung befreit der russische Arzt Michail Zobin Junkies angeblich von ihrer Drogensucht. Der St. Galler Patrick Lutz hat sich der mysteriösen Therapie unterzogen.

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Patrick Lutz während seiner Behandlung bei Dr. Zobin.
(Bild: SRF)

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Einem Inserat in einer unbedeutenden Zeitung hat Patrick Lutz vielleicht sein Leben zu verdanken. Ein winziges Stückchen Papier, dessen Beachtung so viel verändern soll, ihm nachhaltig den Schritt aus der Drogensucht ermöglicht.

St. Gallen vor rund fünf Jahren: Patrick Lutz vegetiert am Rande der Gesellschaft. Die Strasse ist zu seinem Zuhause geworden. Er dealt mit Drogen, holt sich morgens und abends jeweils eine Dosis Heroin in der Ausgabestelle ab. Patrick Lutz lebt nicht mehr, er existiert nur noch, Tag für Tag, getrieben von seiner Sucht nach dem Stoff. «Ich wollte so oft aufhören», erinnert sich der Ex-Junkie «aber es klappte nie.»

Jetzt will er es schaffen. Er wählt die Nummer, die er im Inserat findet. Die Annonce wirbt für eine unkonventionelle Methode, die den endgültigen Ausstieg aus der Drogensucht verspricht. Unzählige Entzugsversuche hat Patrick Lutz bereits hinter sich, jetzt will er raus aus der Drogensucht, endlich.

Und das – so sein Wunsch – soll ihm mit einer ominösen und zugleich undurchschaubaren Behandlungsmethode eines gewissen Dr. Zobin aus Moskau gelingen. Mit Hilfe einer Magnetstimulation und einer Injektion schafft der Moskauer Psychiater bei seinen süchtigen Patienten angeblich das, was zahllosen Therapeuten und Ärzten trotz jahrelanger Therapiebemühungen meist misslingt: Wer Zobins Praxis verlässt, ist und bleibt clean.

Kosten: Zwischen acht- und zehntausend Franken

Nach einem Beratungsgespräch und der Vereinbarung eines Termins muss Lutz wieder einen Entzug machen – Grundvoraussetzung, um sich überhaupt der Behandlung unterziehen zu dürfen. Einen Teil des Geldes für die teure Therapie – sie kostet zwischen acht- und zehntausend Franken – bringt er selbst auf. Auch eine Stiftung unterstützt ihn. Der Reise in den endgültigen Entzug steht nichts mehr im Wege. Eine Reise, die Patrick Lutz zusammen mit einem Kamerateam des SRF und Robert Hämmig, Präsident der Schweizerischen suchtmedizinischen Vereinigung, antritt.

Die Praxis von Dr. Zobin, einem ehemaligen Militärpsychiater, liegt etwa eine Autostunde ausserhalb von Moskau. Umsäumt von Stacheldraht, führt der Weg über ein Militärgelände in die Behandlungsräumlichkeiten des Arztes. Es folgt ein Beratungsgespräch mit Michail Zobin. Lutz unterschreibt ein Papier, das den Mediziner von jeglicher Haftung entbindet.

«Ich kann das nicht in Worte fassen»

Am nächsten Tag ist es so weit: Am Kopf des Patienten werden Teile angebracht, die entfernt an Elektroden erinnern. Verbunden sind sie mit einem nicht zu identifizierenden Gerät. Mit Hilfe einer Magnetstimulation will der Psychiater auf die Rezeptoren im Gehirn einwirken, um sie für die nachfolgende Injektion vorzubereiten. Die Spritze zeigt Wirkung: «Mein Körper fühlte sich heiss an, als ich es fast nicht mehr aushielt, begann für mich ein unglaublicher Trip», erklärt Lutz das Geschehene gegenüber 20 Minuten Online und ergänzt: «Ich hatte das Gefühl, über meinem eigenen Körper zu schweben. Das war alles so unglaublich, dass ich es nicht in Wort fassen kann.»

Am nächsten Tag muss sich Lutz einem weiteren Test unterziehen. Er soll angeblich zeigen, ob die Therapie angeschlagen hat. Dazu injiziert Zobin seinem Patienten ein Opiat. Opiate wie Opium sowie das entfernt verwandte Heroin werden aus Schlafmohn gewonnen. «Ich bekam Atemnot und hatte das Gefühl gelähmt zu sein – trotzdem war ich bei vollem Bewusstsein», schildert Lutz das Erlebnis. Sieben Minuten lang wird er beatmet, dann ist alles vorbei. Nach einer Viertelstunde ist das Opiat im Körper abgebaut – für Zobin ist der Beweis erbracht: Patrick Lutz ist «geheilt» und kann wenige Tage die Rückreise in die Schweiz antreten. Heroin und andere Opiate sind für ihn ab sofort tabu - die Einnahme könnte ihn das Leben kosten.

Die geheimen Praktiken des Michail Z.

Was Patrick Lutz in Zobins Praxis erlebt hat, ist und bleibt ein Mysterium. Der Psychiater will nicht verraten, was er mit seinen Gerätschaften und Injektionen tatsächlich bei seinen Patienten bewirkt. Über das geheimnisvolle Verfahren gibt es weder Studien, noch Publikationen in einem medizinischen Fachmagazin. Nicht zuletzt deshalb zeigt sich der bei Lutz’ Behandlung anwesende Schweizer Arzt Robert Hämmig skeptisch: «Empfehlen kann man eine Methode nur dann, wenn es aussagekräftige Studien gibt».

Fünf Jahre nach seinem Entzugstrip ist Patrick Lutz immer noch clean. Er musste zwischenzeitlich eine Lohnpfändung hinnehmen, geriet vorübergehend in die Alkoholsucht, liess sich dagegen erneut von Dr. Zobin in Russland behandeln. Trotz des Rückschlags hat er gelernt zu kämpfen: «Nach der Sucht hören die Probleme nicht auf, sie werden dann erst richtig wahrgenommen», sagt er. Heute arbeitet er als Schafhüter und Schlosser in St. Gallen und baut sich gerade sein Zuhause selbst – schon bald will er in seinen Bauwagen einziehen. Das Verlangen nach Heroin oder Alkohol kennt er heute nicht mehr.

Dem SRF-Redaktor Mani Koller gelang es zum ersten Mal überhaupt, eine Behandlung des russischen Arztes Michail Zobin zu filmen. Was sich in der russischen Praxis abspielte und wie Patrick Lutz heute sein Leben meistert, zeigt SF-Reporter heute um 22:20 Uhr auf SF 1.