Die Fakten

06. Mai 2019 20:44; Akt: 06.05.2019 20:44 Print

Die Pest, eine durch und durch moderne Krankheit

von Fee Riebeling - Die pestbedingten Todesfälle aus der Mongolei schüren Angst. Und sie zeigen: Der Schwarze Tod ist Teil unseres Lebens.

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Die Pest ist auch heute noch nicht besiegt, wie aktuell das Beispiel aus der Mongolei zeigt. Insgesamt 1000 bis 3000 Fälle pro Jahr registriert die WHO. Die meisten Pest-Fälle werden in Asien und Afrika verzeichnet. Insbesondere wegen der dichten Besiedlung in den Städten, des schwachen Gesundheitssystems und der hygienischen Bedingungen besteht dort laut WHO das Risiko einer schnellen Ausbreitung. Die Seuche wird in der Regel durch Flöhe auf Nagetiere übertragen. Das Problem: Viele Flöhe sind mittlerweile resistent gegen ein bisher hilfreiches Insektizid. Verursacht wird die Pest von einem Bakterium namens Yersinia pestis. Entdeckt hat den Erreger der Schweizer Alexandre Yersin, der auch einen Impfstoff entwickelte - allerdings erst Ende des 19. Jahrhunderts. Insgesamt vier unterschiedliche Pestformen gibt es. Die am häufigsten vorkommende ist die Beulenpest, deren Name von den schmerzhaften, bis zu zehn Zentimeter grossen Beulen am Hals, in den Achseln und den Leisten stammt. Im 17. Jahrhundert trugen Pestärzte bei ihren Besuchen am Krankenbett spezielle Schutzkleidung wie die Schnabelmaske. In deren Spitze setzte man einen mit duftenden Essenzen getränkten Schwamm, der die Atemluft mit dem aromatischen Geruch von Zimt und Nelken veredelte. Dies tat man, weil man dachte, die Krankheit würde durch den sogenannten Pesthauch verbreitet und man müsste ihm etwas entgegensetzen. Da durch die Pest angeblich die Säfte des Körpers in Unordnung geraten waren, behandelte man die Kranken nicht nur mit diätetischen Massnahmen, sondern auch mit Abführen und Aderlassen. Letzteres, um das «Pestgift» vom Herzen abzuhalten. Auch in der Schweiz war die Pest ein Thema, wie die Darstellung der Beulenpest in der Toggenburgbibel aus dem Jahr 1411 zeigt. Die Tödlichkeit der Krankheit wird in diesem Bild aus Marseille (1720) deutlich. Auch erkennbar: Dass die Gesunden mit langen Stöcken versuchten, sich die Kranken vom Leib zu halten. Bis heute erinnern imposante Pestsäulen an die Zeit der Pest - unter anderem im österreichischen Linz. Oftmals wurden sie als Dank für das Erlöschen der Krankheit gespendet. Doch noch immer kommt es zu Ausbrüchen. Eine grössere Pestepidemie ereignete sich 1994 im indischen Surat. Die WHO zählte 6344 vermutete und 234 erwiesene Pestfälle mit 56 Toten. Auch in der Demokratischen Republik Kongo breitet sich die Pest immer wieder aus. 2005 war es die Lungenpest. Sie brachte 64 Menschen den Tod. 2006 wurden rund 100 Tote gemeldet.

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Viele halten die Pest für ausgerottet und denken bei ihr ans Mittelalter. Damals löschte die Seuche rund ein Drittel der Bevölkerung Europas aus und brachte knapp 30 Millionen Menschen den Tod. Auch heute infizieren sich immer wieder Menschen mit dem Erreger, wie derzeit in der Mongolei. Solche Vorkommnisse zeigen: Die Pest ist immer noch da und noch immer nicht unter Kontrolle. Das sind die wichtigsten Fakten:

Was ist die Pest?

Die Pest ist eine akute und hochgradig ansteckende Infektionskrankheit, die durch das Bakterium Yersinia pestis ausgelöst wird und – ja nach Form – mit schweren Symptomen einhergeht.

Welche Formen gibt es?

Man unterscheidet vier Formen: Die Beulenpest wird durch infizierte Tierflöhe ausgelöst. Die Inkubationszeit liegt bei wenigen Stunden bis sieben Tagen. Die Symptome sind Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Benommenheit, später Bewusstseinsstörungen. Der Name stammt von den Beulen am Hals, in den Achseln und den Leisten (Durchmesser bis zu zehn Zentimetern); sie sind aufgrund von Blutungen in den Lymphknoten blau-schwarz gefärbt.

Die Lungenpest ist noch nicht völlig verstanden, da sie relativ selten vorkommt. Sie verläuft heftiger als die Beulenpest, weil die Abwehrbarrieren der Lymphknoten durch direkte Infektion der Lunge umgangen werden. Symptome sind Atemnot, Husten, Blaufärbung der Lippen und schwarz-blutiger Auswurf. Daraus entsteht ein Lungenödem mit Kreislaufversagen, das unbehandelt nach zwei bis fünf Tagen zum Tod führt.

Weiter gibt es noch die Pestsepsis. Sie tritt auf, wenn Bakterien in die Blutbahn geraten. Dies kann durch Infektion von aussen (zum Beispiel offene Wunden) geschehen, aber auch durch Platzen der Pestbeulen nach innen. Die Folgen sind hohes Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen und Unwohlsein, später Schock, Haut- und Organblutungen. Pestsepsis ist unbehandelt praktisch immer tödlich.

Die Abortive Pest ist die harmloseste Variante der Pest. Sie äussert sich meist nur in leichtem Fieber und leichter Schwellung der Lymphknoten. Nach überstandener Infektion werden Antikörper gebildet, die eine langanhaltende Immunität gegen alle Formen der Krankheit gewährleisten.

Wieso setzen die Erreger dem Menschen so zu?

Dass Yersinia pestis solch verheerende Folgen haben kann, liegt an einem Mechanismus, mit dem es effizient das Immunsystem des Menschen austrickst: Wenn es von den weissen Blutkörperchen angegriffen und aufgefressen wird, teilt es sich einfach weiter, und vermehrt sich so auch innerhalb der Abwehrzellen – ohne Behandlung so stark, dass die körpereigene Abwehr ihrer nicht mehr Herr wird.

Welche Gebiete sind besonders gefährdet?

Pro Jahr registriert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1000 bis 3000 Pest-Fälle. Dies vor allem in Asien und Afrika. Aber auch in Amerika tritt die Pest vereinzelt auf.

Warum wurde die Pest noch nicht ausgerottet?

Obwohl die Anzahl der Fälle beim Menschen verhältnismässig gering ist und die Behandlung mit Antibiotika meist anschlägt, warnten Forscher bereits vor einigen Jahren davor, die Bedrohung durch das Bakterium zu unterschätzen. Weil sich die Krankheit in Tierpopulationen permanent fortpflanzt, ist sie praktisch nicht auszurotten. Hinzu kommt, dass die Erreger Resistenzen gegen die eingesetzten Antibiotika entwickeln. So war 1995 auf Madagaskar erstmalig ein Erregerstamm aufgetaucht, gegen den acht verschiedene Antibiotika nichts mehr ausrichten konnten.

Wer ist besonders gefährdet?

Der Pest-Erreger wird unter anderem von Murmeltieren, Ratten, Eichhörnchen oder infizierten Flöhen auf den Menschen übertragen. Deshalb laufen besonders Personen, die im Wald arbeiten, Gefahr, sich zu infizieren. Doch auch Besucher der von Pest betroffenen Gebiete sind gefährdet. Weil es bei der Lungenpest auch möglich ist, sich bei anderen Menschen anzustecken, gehören auch die Kontaktpersonen von Betroffenen zur Risikogruppe.

Kann man sich gegen die Pest impfen lassen?

Für einige Pest-Formen gibt es eine Schutzimpfung. Allerdings ist diese nur für wenige Monate wirksam. Zudem hat sie starke Nebenwirkungen und ist daher nur bedingt zu empfehlen.

Wie kann man sich dennoch vor einer Ansteckung schützen?

Wer weiss, dass er sich in einem betroffenen Gebiet befindet, sollte sich von freilebenden Tieren fernhalten und seine felligen Haustiere regelmässig gegen Flöhe behandeln. Grundsätzlich sollte man sich von toten Tieren fernhalten und die gängigen Hygienemassnahmen einhalten.

Dieser Artikel erschien in einer früheren Form im August 2015.