Gelsenkirchen

13. September 2019 10:47; Akt: 13.09.2019 11:06 Print

Rätsel um Babys mit deformierten Händen

Fälle von missgebildeten Babys wecken Erinnerungen an den Contergan-Skandal, der Tausende Kinder mit Fehlbildungen zur Folge hatte.

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Fälle von Kindern, die innerhalb eines kurzen Zeitraums mit ähnlichen Missbildungen im Sankt-Marien-Hospital in Gelsenkirchen zur Welt kamen, beschäftigen derzeit Mediziner. Die Mütter der betroffenen Kinder seien bei der Entbindung das erste Mal im Sankt-Marien-Hospital untersucht worden, hiess es. Offiziell waren dies die einzigen Fälle von Missbildungen, die der Klinik bekannt sind. Hebamme Sonja Liggett-Igelmund sagte aber zur «Bild», dass sich, nachdem sie die Fälle publik gemacht habe, innert eines Tages zwanzig Familien mit dem gleichen Schicksal bei ihr gemeldet hätten. Eine Theorie lautet, dass die Missbildungen durch den Kontakt mit Gift entstanden sind. Auch bei ähnlichen Fällen, die in Frankreich bekannt wurden, wurde vermutet, dass Pestizide für die Fehlbildungen verantwortlich sein könnten. (Symbolbild) So hatten die Mütter der betroffenen Kinder gemein, dass sie in der Nähe von Feldern lebten, auf denen Sonneblumen und ... ... Getreide angebaut werden. 2018 meldeten die französischen Medien, dass es in den letzten 15 Jahren mindestens 25 Fälle von Babys mit schweren Fehlbildungen gegeben hat. Gesundheitsministerin Agnès Buzyn versprach daraufhin eine umfassende Untersuchung. Die Fälle kamen hauptsächlich in Loire-Atlantique ... ... und Ain vor. (Bild: Google Maps) Bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren hatte das Schlafmittel Contergan zu Fehlbildungen bei Föten geführt. Das Medikament mit dem Wirkstoff Thalidomid half unter anderem gegen die typische Morgenübelkeit in der frühen Schwangerschaft und galt im Hinblick auf Nebenwirkungen als besonders sicher. Entsprechend gezielt wurde es Schwangeren empfohlen. Das 1957 lancierte Medikament war zunächst rezeptfrei. 1961 wurde es jedoch nur noch gegen Rezept abegegeben – aufgrund von möglichen Nebenwirkungen auf das Nervensystem. Durch die Einnahme von Contergan kam es zu einer Häufung von schweren Fehlbildungen oder gar dem Fehlen von Gliedmassen und Organen bei Neugeborenen. Dabei kamen weltweit etwa 5000 bis 10'000 geschädigte Kinder auf die Welt. Zudem kam es zu einer unbekannten Zahl von Totgeburten. Angesichts der extremen Häufung von Fehlbildungen wurde zunächst ein Zusammenhang mit Kernwaffentests vermutet. Das verzögerte die Aufklärung. (Im Bild: Atombombe über Hiroshima) 1961 überprüften und belegten der Hamburger Arzt Widukind Lenz und der australische Gynäkologe William McBride unabhängig voneinander den Zusammenhang zwischen Contergan und den Missbildungen. Nach einem anonymen Brief veröffentlichte die «Welt am Sonntag» einen Artikel, woraufhin Hersteller Grünenthal Contergan schliesslich aus dem Handel nahm. Die Contergan-Betroffenen leben bis heute. (Im Bild: eine Betroffene vor den Toren des Contergan-Herstellers Grünenthal.

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Im Sankt-Marien-Hospital im deutschen Gelsenkirchen kamen drei Kinder mit deformierten Händen zur Welt. Die Fehlbildungen zeigten sich darin, dass Handteller und Finger nur rudimentär angelegt waren. Bei zwei Kindern ist die linke Hand betroffen, beim anderen die rechte, wie ein Sprecher der WAZ sagte. Die Frauen seien bei der Entbindung zum ersten Mal dort untersucht worden.

Auffällig ist, dass sich die Fälle innert kurzer Zeit nacheinander ereigneten. Das Einzige, was die Familien der Kinder gemeinsam hätten, sei der Wohnort Gelsenkirchen. Die Klinik stehe nun in Kontakt mit einer Spezialistin für Embryonal-Toxikologie von der Berliner Charité. Eine Theorie lautet, dass die Missbildungen durch den Kontakt mit Gift entstanden sind.

Mehr Fälle als vermutet

Hebamme Sonja Liggett-Igelmund berichtet nun gegenüber der «Bild», dass die drei bekannten Fälle bei weitem nicht die einzigen seien. Nachdem sie die Fälle publik gemacht habe, hätten sich innert eines Tages zwanzig Familien mit dem gleichen Schicksal bei ihr gemeldet.

Die genaue Ursache der Missbildungen bleibt vorerst weiterhin ein Rätsel. Spekuliert wird unter anderem darüber, dass Gifte, die zum Spritzen der Felder in Deutschland verwendet werden, schuld sein könnten.

Erinnerungen an Contergan-Skandal

Auch in verschiedenen Regionen in Frankreich wurde in den vergangenen Jahren über Missbildungen berichtet, die bei Säuglingen aufgetreten sind. Auch da fiel der Verdacht auf Pestizide. Bis heute sind auch diese Fälle noch ungeklärt.

Andere könnten sich auch an den Contergan-Skandal aus den 1950er- und 1960er-Jahren erinnert fühlen. Damals führte das als harmlos angepriesene Beruhigungsmittel Contergan zu schweren Missbildungen bei Ungeborenen. Die Betroffenen kamen ohne Schultergelenke und Arme oder mit Fehlbildungen an Armen, Beinen, Hüftgelenken oder an den Ohren auf die Welt. Es gilt als eine der grössten Arzneimittel-Katastrophen der Welt (siehe Bildstrecke oben).

(fee/kat)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Al Lesklar am 13.09.2019 13:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    all die Chemie...

    kippt halt noch mehr Glyphosat und all möglichen Chemiedreck auf die Felder. selbst wenn eines alleine nicht schädlich sein mag - niemand kennt die Wechselwirkungen unter den Pestiziden. zwei separat ungiftige Substanzen können zusammen sehr giftig werden...

  • Cleo am 13.09.2019 15:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Allen Betroffenen viel Kraft

    Nur niemand will es wirklich wahr haben. Sehr sehr traurig für alle Betroffenen. Verbietet endlich dieses giftige Zeugs. Kein Mensch will dass essen. Ach doch, alle leisten sich lieber diverse unnütze Luxusartikel, aber beim Essen kann es ja nicht genug billig sein. Nur leider vergiftet ihr so alle und alles. Aber dass wird noch subventioniert. Denn die Schlimmsten sind ja die Raucher..... denen kann man ja immer Schuld geben... Schaut besser einmal auf unsere Lebensmittel. Danke

  • Beat Hofer am 13.09.2019 13:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ist doch klar..

    Wir wissen das Pestizide einen erwachsenen Menschen Schaden. Hat irgendwer erwartet das es bei ungeborenen Kindern anders ist, welche das Zeug durch die Mutter aufnehmen? Und wenns nicht das ist, gibt es 100 andere klare Gründe. Ich glaube fehlbildungen werden immer häufiger, je mehr wir unsere Umwelt verpesten und kaputt machen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • M.M am 13.09.2019 21:15 Report Diesen Beitrag melden

    Hätte gerne Antworten...

    Als Mutter eines betroffendn Kindes wünschte ich mir schon mehr Klarheit... Zum Glück gibts den Verein Pinocchio für Betroffene. Dort durfte ich viele wunderbare Menschen kennen lernen und sehen, dass mein Kind damit nicht alleine ist und trozdem alles ereichen kann.

  • Bartli am 13.09.2019 20:43 Report Diesen Beitrag melden

    Einmal mehr also

    Na das kann doch nicht sein, wer haftet nun? Ach ja die Gesellschaft natürlich. Arme Kinder. Werden derart Produkte nicht auch wisschenschaflich auf Unbedenklichkeit erforscht, bevor soche Produkte auf den Markt kamen? Aber Kritiker verteufeln, bis es einem selber mal einholt in irgend einer Form.

  • Anna am 13.09.2019 18:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Seltsam

    Ich verstehe etwas nicht. Wie waren die betroffenen Mütter während der Schwangerschaft medizinisch begleitet? Zu üblicher Untersuchung in der Schwangerschaft gehört Ultraschall. Normalerweise erkennt ein Arzt schon während der Schwangerschaft die meisten Missbildungen. Man kann ein Herzfehler oder eine Spina bifida erkennen und auch kann man problemlos sehen ob ein Fetus normale Glieder hat. Wer hat diese Frauen betreut?????

  • Sherlock am 13.09.2019 18:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Also langsam..

    Ok wir sollen sachlich bleiben . Was kommt da in Frage? Was alles kann teratogene Wirkung haben? Zuerst waren alle Mütter gesund und geimpft? Hatten sie vielleicht während der Schwangerschaft Rötteln oder Kontakt zu Katzen ? ( Toxoplasmose lässt grüssen). Haben sie geraucht, Alkohol getrunken, Drogen oder Medikamente oder Hormone eingenommen? Und wenn ja welche? Haben sie sich normal ernährt oder Jod , Folsäure und Cobalaminarm ? Bevor man eideutige Beweise hat sollte man sich vor voreiligen Beschuldigungen hüten und mit Hexenjagd anfangen. Einfach methodisch untersuchen.

  • Claudia am 13.09.2019 17:54 Report Diesen Beitrag melden

    viel Kraft

    Könnte es sein, das die armen Familien Handyantennen auf dem Dach haben oder in der Nähe? Da schlummert ein gefährlicher Mix in der Umwelt. Glyphosat, G5. Es gibt ja auch viele Missbildungen bei Tieren. Den Mist stoppen, welche Lobyclowns macht das??