Schluss mit Schlafstress

03. März 2012 15:33; Akt: 03.03.2012 15:34 Print

Du sollst nicht durchschlafen

von Philipp Dahm - Das Ideal vom achtstündigen Schlaf ist eine Erfindung der Neuzeit – eine gefährliche. Unsere Vorfahren konntens besser, sie schliefen in zwei Phasen. Dazwischen: Beten, Schwatzen, Rauchen und Sex.

Im Januar 2012 erschien der Film «The City Dark», der sich mit «Lichtverschmutzung» beschäftigt. Quelle: YouTube
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Wer gesund schlafen will, träumt nur von einem: acht Stunden schlummern am Stück. Wird die Nachtruhe unterbrochen, bedeutet das Stress. Schnell wieder einnicken, heisst dann die Devise, denn der Arbeitsalltag ist nur noch wenige Stunden entfernt.

Immer mehr Betroffene greifen darum zu Schlaftabletten, obwohl diese laut einer neuen Studie das Leben verkürzen – und meistens gar nicht wirken: «Nur bei 20 Prozent der Patienten erreichen wir mit Tabletten wirklich einen Wohlfühlschlaf, bei mehr als 70 Prozent bleibt er gestört», so Schlafforscher Ingo Fietze in der «Süddeutschen Zeitung».

Das «Hühnerhormon» zum «besten Zeugungszeitpunkt»

Die gängige Meinung vom idealen Schlaf ist eine Mär. Den Grossteil der Menschheitsgeschichte haben wir in Phasen geschlafen. Der Psychologe Thomas Wehr wies das Anfang der 90er-Jahre in einem Experiment nach: Er liess eine Gruppe über einen Monat 14 Stunden täglich im Dunkeln. Nach vier Wochen entwickelten die Probanden einen neuen Schlafrythmus: Sie schliefen drei bis fünf Stunden, wachten für ein bis zwei Stunden auf und sanken dann für drei bis vier Stunden wieder dahin.

Eigentlich ist diese Erkenntnis so alt wie die westliche Welt. Homer erwähnte den so genannten «ersten Schlaf» schon im 8. Jahrhundert vor Christus in seiner «Odyssee». In Antike und Mittelalter galt das Erwachen nach dem ersten Nickerchen als normal. Im Körper steigt beim Wach-Intermezzo der Prolactin-Pegel: Das Hormon sorgt bei brütenden Hühnern dafür, dass sie ruhig auf ihren Eiern sitzen bleiben. Weil sich damals nur Reiche Kerzen leisten konnten, vertrieben sich unsere Vorfahren die Zeit zwischen den Schlafphasen mit Beten, Schwatzen, Rauchen - oder Sex. «Nach dem ersten Schlaf haben Sie mehr Vergnügen», empfahl der französische Arzt Laurent Joubert (1529 bis 1583) Paaren mit Kinderwunsch. Dann könne man es «besser machen» und habe Erfolg, wenn man «sofort danach» schlafen gehe.

Die Droge Licht

Schlafforscher Wehr bemerkte, dass der Schlaf-Unterbruch dem Zustand der Meditation nicht unähnlich ist und häufig nach starken REM-Phasen erfolgt, in denen Menschen träumen. Die Wachphase wurde früher genutzt, diese Träume zu verarbeiten, die zehn Prozent unserer Lebenszeit einnehmen. 100 000 bis 200 000 Träume erleben wir in dieser Spanne im Schnitt.

Das Phänomen, das im 17. Jahrhundert das Ende des gesunden Zwei-Phasen-Schlafes einläutete, erscheint heute banal: künstliche Beleuchtung. Sie hat physische Auswirkungen auf unseren Körper. «Jedes Mal, wenn wir ein Licht anmachen, nehmen wir unbeabsichtigt eine Droge, die beeinflusst, wie wir schlafen», erklärt der Chrono-Biologe Carl Czeisler mit Blick auf Veränderungen bei der Temperatur und beim Schlafhormon Melatonin.

Ab 1667 begannen Städte wie Paris und Lille, die Strassen mit Kerzen zu erhellen. 1669 führte Amsterdam Öllampen ein. Eine Gaslampe scheint zwölfmal heller als eine Kerze, eine Glühbirne 100-mal mehr: Die Illumination der Nacht hat die Zeiten ausgedehnt, in der soziales Prestige oder Einkommen erarbeitet werden. Aktivitäten wurden in die Nacht verlegt: Theater und Kaffeehäuser und nicht zuletzt die Reformation veränderten die Lebensgewohnheiten weiter. Seit dem Kirchenstreit mussten Gottesdienste teilweise nachts und heimlich abgehalten werden.

«Viele Leute wachen nachts auf und kriegen Panik»

Die Industrialisierung ist der letzte Schritt – da wurde der zweiteilige Schlaf definitiv komprimiert. Dass die gute alte Angewohnheit in Vergessenheit geraten ist, wird heute zum Problem. «Viele Leute wachen nachts auf und kriegen Panik», sagt Neuro-Forscher Russell Foster von der Universität Oxford, der BBC. Schlaf-Psychologe Gregg Jacobs ergänzt: «Für die meiste Zeit der Evolution haben wir auf eine bestimmte Art geschlafen. Es ist ein normaler Teil der menschlichen Physiologie, nachts aufzuwachen.»

Wie irr unser Glaube ist, wir müssten acht Stunden durchschlafen, zeigt auch der Blick in andere Kulturen: Carol Worthman von der Emory University in Atlanta hat bei afrikanischen Völkern, aber auch in Pakistan und Indonesien Mehrphasen-Schläfer gefunden. Auch Tiere weisen diese Muster auf, die in der Natur einen klaren Vorteil haben: «Als wir exponiert in der offenen Savanne gelebt haben, hätte uns fester Schlaf angreifbar für Räuber gemacht», erinnert die Anthropologin.


Weiterführende Literatur: Craig Koslofsky: «Evening's Empire: A History of the Night in Early Modern Europe» (2011), Roger Ekirch. «At Day's Close: Night in Times Past» (2005), Carol Worthman: «The Head Trip: Adventures on the Wheel of Consciousness» (2007)