Durchfallerkrankung

08. Juni 2011 07:34; Akt: 08.06.2011 11:50 Print

EU hat genug von Hickhack um EHEC

Weil immer noch nicht bekannt ist, woher das Darmbakterium EHEC stammt, liegen die Nerven blank. Deutschland wird nun aufgefordert, mit Experten aus aller Welt zusammenzuarbeiten.

Bildstrecke im Grossformat »
«Das Problem ist eigentlich nicht das Bakterium selbst, sondern ein Toxin (Giftstoff), das von ihm produziert wird», sagt Andreas Widmer, Leitender Arzt der Spitalhygiene des Universitätsspitals Basel. Laut Widmer Eine derartige Häufung der Krankheitsfälle und die teils schweren Verlaufsformen liessen allerdings darauf schliessen, dass nicht der ursprüngliche Typ des Erregers für die zahlreichen Infektionen verantwortlich gemacht werden könne. Bereits nach den ersten EHEC-Ausbrüchen in Deutschland vermuteten Experten, dass es sich es sich handle. Nachdem der Übeltäter als Serotyp 0104:H4 enttarnt wurde, verwarf man diese Hypothese aber zunächst wieder. Nach aktuellem Wissensstand ist nun doch alles ganz anders, als bisher angenommen. Während man am Uniklinikum Münster ausschliesslich die Oberflächenstruktur des EHEC-Erregers analysierte und zuordnete, gelang es deutschen und chinesischen Forschern wenig später, das Erbgut des Keims zu entschlüsseln - mit überraschendem Resultat: Bislang wurde hauptsächlich von deutschen Infektionsfällen mit dem EHEC-Erreger berichtet. Andreas Widmer: «Nein, ich persönlich rate aber dazu, in Deutschland gekauftes Obst und Gemüse nicht ungekocht oder ungeschält zu verzehren, solange die Infektionsquelle noch unklar ist.» Bei Schweizer Früchten und Gemüse besteht Widmer zufolge derzeit keine Gefahr. «Von Mensch zu Mensch wird der Erreger über eine Schmierinfektion übertragen. Da es sich um ein Darmbakterium handelt, kann es selbst durch geringe Mengen Stuhl übetragen werden», sagt Widmer. Geschätzte 20 Prozent aller Ehec-Erkrankungen werden auf diesem Wege verbreitet. «Starker, häufig auch blutiger Durchfall ist für eine EHEC-Infektion typisch», sagt Widmer. Anders als bei einer Infektion mit Salmonellen mache sich EHEC aber nicht durch Fieber bemerkbar. Treten die für EHEC typischen Beschwerden auf, rät der Professor dazu, sich umgehend in die Notfallstation eines Spitals zu begeben. Andreas Widmer: «Mit Hilfe einer Laboranalyse. Alledings ist hierfür ein spezieller Test notwendig - es muss also bereits ein dringender Verdacht vorliegen, damit dieser Test gemacht wird.» Aufgrund der zahlreichen EHEC-Fälle in Deutschland, entwickelten Forscher des Universitätsklinikums Münster einen Schnelltest. «Ganz im Gegenteil: Antibiotika führen zu einer massiven Verschlechterung des Zustands, weil durch das Abtöten der Erreger die Freisetzung von Giftstoffen angekurbelt wird», warnt Widmer. Auch von einer Selbstbehandlung mit Durchfallmedikamenten rät der Spezialist ab: «Sie fördern die Aufnahme dieser Toxine.» «Normalerweise sind schwere Verläufe eher selten. Einige der aktuellen Fälle in Deutschland verlaufen jedoch ungewöhnlich schwer», sagt der Experte. Bei einem kritischen Verlauf könne es zu einer schweren Blutgerinnungsstörung, einem sogenannten HUS (hämolytisch-urämischen Syndrom), sowie zu schweren Nierenschädigungen bis hin zu Nierenversagen kommen. Andreas Widmer: «Mit einer intravenösen Salzlösung wird die verlorengegangene Flüssigkeit ersetzt». Um Nierenschäden durch die im Organismus freigesetzten Giftstoffe zu verhindern, kann eine Dialyse (Blutwäsche) zum Einsatz kommen.» Ansonsten seien die Therapiemöglichkeiten sehr beschränkt, wie Widmer ergänzt. Andreas Widmer: «Nein, bislang steht uns keine Immunisierung zur Verfügung.»

Zum Thema
Fehler gesehen?

Im Kampf gegen die Erkrankungen im Zusammenhang mit dem Darmbakterium EHEC fordert EU-Gesundheitskommissar John Dalli die deutschen Behörden zu einer engen Zusammenarbeit mit ausländischen Experten auf. «Wir müssen auf die Erfahrung und die Expertise in ganz Europa und sogar ausserhalb Europas setzen», sagte Dalli der Zeitung «Die Welt» (Mittwochausgabe) laut Vorabbericht.

Umfrage
Fürchten Sie sich vor einer Ansteckung mit EHEC?
26 %
36 %
38 %
Insgesamt 3051 Teilnehmer

Das Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie forderte einen Regierungskoordinator zum Schutz der Bevölkerung vor Infektionsgefahren und für das Krisenmanagement beim Auftreten gefährlicher Erreger. Ein Beauftragter der deutschen Bundesregierung solle die Zusammenarbeit zwischen den Ministerien für Gesundheit, Landwirtschaft und Verbraucherschutz verbessern, sagte der Seuchenbiologe und Direktor des Instituts, Stefan Kaufmann, dem Blatt.

«Global betrachtet, fördert die Armut die Entstehung und Ausbreitung von Seuchen. Also müssen auch das deutsche Entwicklungshilfeministerium und das Auswärtige Amt in Deutschland eingebunden werden. Und natürlich auch das Forschungsministerium», fügte Kaufmann hinzu. Derzeit meldeten sich die einzelnen Minister mit den Leitern ihrer nachgeordneten Behörden zu Wort. So entstehe der Eindruck, als hechele die Politik den Ereignissen hinter. «Erst Gurken, dann Sprossen. Das verunsichert die Menschen unnötig», sagte Kaufmann.

Singhammer fordert nationale Hilfen für Gemüsebauern

Der Einzelhandel beklagte einen Umsatzrückgang. «Wir haben Umsatzeinbrüche von 30 bis 40 Prozent bei Obst und Gemüse. Auch bei anderen Lebensmitteln gehen die Umsätze deutlich zurück», sagte der Sprecher des Handelsverbands HDE, Kai Falk, der «Bild»-Zeitung (Mittwochausgabe).

Unions-Bundestagsfraktionsvize Johannes Singhammer (CSU) forderte nationale Hilfen für die Gemüsebauern zusätzlich zur Unterstützung der EU. «Wir müssen eine nationale Entschädigungsregelung für die Bauern vereinbaren», sagte Singhammer der Düsseldorfer «Rheinischen Post» (Mittwochausgabe) laut Vorabbericht. «Selbstverständlich tragen auch Gemüsebauern ein gewisses Geschäftsrisiko, aber dieser EHEC-Ausbruch war nicht vorhersehbar.»

Die EU-Kommission hatte am Dienstag auf einem Dringlichkeitstreffen der Landwirtschaftsminister zunächst 150 Millionen Euro angeboten, mit denen 30 Prozent der Einbussen erstattet werden sollten. Es ist jedoch bereits von Nachbesserungen die Rede. In Berlin wollten am Mittwoch die Gesundheits- und Verbraucherschutzminister des Bundes und der Länder über die vom EHEC-Bakterium ausgelöste Durchfallerkrankung beraten.


(ap)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Lüthi Larissa am 08.06.2011 17:13 Report Diesen Beitrag melden

    vielleicht war es ja die pharma

    Wer sagt uns, dass es nicht die Deutschen selber waren? Vielleicht ging bei einem Medikament in der Pharma etwas schief und nun suchen sie die Erreger bei Esswaren obwohl sie die Lösung schon längstens wissen!! Und das sie den Spanier kein Geld zurück geben ist so oder so eine Frechheit!!

    einklappen einklappen
  • Philipp am 08.06.2011 19:00 Report Diesen Beitrag melden

    Unnötige Panik

    Erst waren es Gurken, dann Sojasprosse. Die sollen endlich mal zugeben, dass sie keine Ahnung haben, statt unnötig Panik zu verbreiten. Wie heisst es so schön: Einfach Klappe halten, wenn man keine Ahnung hat. Weiter fällt mir auf, dass die meisten Vestorbenen über 80 und 26% laut obiger Umfrage Angsthasen sind.

  • v. vukovic am 08.06.2011 10:21 Report Diesen Beitrag melden

    Gülle über Salat

    Wikipädia: Gülle: "Für den Gemüse- und Obstbau verbietet sich die Gülledüngung grundsätzlich, da über den Tierkot gefährliche Krankheitserreger (wie z.B. EHEC-Bakterienstämme) in die Erde gelangen können..." Jemand hat möglicherweise dies nicht gewusst und Salat mit Gülle gedüngt, würde ich vermuten.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Viktor am 09.06.2011 17:23 Report Diesen Beitrag melden

    Tönt nach Biologische Waffen

    Eine bekannte Quelle, und 20% von eine alte EC, welche von Afrika stammt aber seit lange nicht mehr beobachtet worden ist, wie wenn es in einen Labor aufbwahr worden wäre. Sehr ansteckend und Antibiotika-resistent. Möglicherweise mehrere Quallen gleichzeitig. Tönt nach Biologische Terror, nicht? Wer hat Interesse, Europa zu destabilisieren?

  • Philipp am 08.06.2011 19:00 Report Diesen Beitrag melden

    Unnötige Panik

    Erst waren es Gurken, dann Sojasprosse. Die sollen endlich mal zugeben, dass sie keine Ahnung haben, statt unnötig Panik zu verbreiten. Wie heisst es so schön: Einfach Klappe halten, wenn man keine Ahnung hat. Weiter fällt mir auf, dass die meisten Vestorbenen über 80 und 26% laut obiger Umfrage Angsthasen sind.

  • Lüthi Larissa am 08.06.2011 17:13 Report Diesen Beitrag melden

    vielleicht war es ja die pharma

    Wer sagt uns, dass es nicht die Deutschen selber waren? Vielleicht ging bei einem Medikament in der Pharma etwas schief und nun suchen sie die Erreger bei Esswaren obwohl sie die Lösung schon längstens wissen!! Und das sie den Spanier kein Geld zurück geben ist so oder so eine Frechheit!!

    • Beat am 13.06.2011 21:12 Report Diesen Beitrag melden

      Tja Larissa,

      wer sagt uns dass es nicht die grossen Schweizer Pharmafirmen sind? Vielleicht verdienen sie z.Zt. zu wenig? Und das die grossen Schweizer Banken das viele illegale (Schwarz-,Blut-) Geld nicht zurückgeben, ist so oder so eine Frechheit.

    einklappen einklappen
  • eArl am 08.06.2011 11:06 Report Diesen Beitrag melden

    Ernstes Problem - planloses Handeln

    Eigentlich ists nichts zum Lachen...aber es ist so klassisch politisches Comedy was die Herren Politiker in DE abziehen. Werft doch gleich eine Münze...bei Kopf ist Merkel schuld an EHEC, bei Zahl Griechenland. Oder anders gesagt, noch mehr Blindschüsse und die ohnehin fragwürdige glaubwürdigkeit eines Datenhehlerstaates ist ganz hinüber.

    • Gabi am 08.06.2011 12:53 Report Diesen Beitrag melden

      So sind sie nun mal,

      unsere Politiker. Auch in der Schweiz ( leider )

    • Hansi am 08.06.2011 17:38 Report Diesen Beitrag melden

      @earl

      Klar, neutral im Sessel sitzen und schlaue Sprüche klopfen. Zumindest hat es noch keiner auf die Überbevölkerung oder die Muslime geschoben. Wie soll man das denn herausfinden? Ein Bakterium verfolgen funktioniert eben nur in den Medien ganz einfach.

    • TheMaker am 08.06.2011 18:39 Report Diesen Beitrag melden

      Unglaubwürdig?

      @eArl : Ich denke du solltest mal die Weltpresse etwas genauer verfolgen und nicht nur die schweizer Medien als einzige Wahrheit betrachten.

    • H. Nebüchen am 09.06.2011 04:27 Report Diesen Beitrag melden

      Geistiges Ehec

      Was, eArl, ist dir durch die Daten-CD von Peitschen-Peer entgangen? Glaub mir, wie viel es auch immer ist, deine geliebte Bank hätte nie auch nur 1 Cent davon mit dir geteilt. Und selbst wenn es zig Millionen sind, ist es nur ein Mikro-Promille der gesamten Summe, die Superreiche weltweit ihren Völkern klauen und bei uns einbunkern. Womit sie uns zu Mittätern machen. Trotzdem freust du dich gleich mal über 22 Tote. Hoffentlich windet's Ehec nicht zu uns rüber und das Letzte, was dir im Spital zulächelt, ist eine coole Krankenschwester aus DE.

    einklappen einklappen
  • Robert Aeschlimann am 08.06.2011 11:04 Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt Alternativen

    Entweder kann man kein Geflügel ,Rind oder eben Salat essen.Nun es gibt zum Glück auch Gemüse und Vitamintabletten