«The Berlin Patient»

15. Dezember 2010 12:48; Akt: 15.12.2010 14:05 Print

Er besiegte HIV

Über den ersten Mann, der von HIV geheilt wurde, war bislang nur wenig bekannt. Jetzt, zwei Jahre nach der Sensation, wagt sich der 44-Jährige an die Öffentlichkeit.

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1981: In den USA, vor allem in Kalifornien und New York, sterben immer mehr junge Männer an einer mysteriösen Krankheit, die das Immunsystem der Kranken ausschaltet. Am 5. Juni äusserst sich erstmals die US-Gesundheitsbehörde CDC über die auffällige Zunahme einer seltenen Krebsform und einer ungewöhnlichen Form von Lungenentzündung bei jungen Homosexuellen. 1982: Die erworbene Immunschwächekrankheit wird AIDS - Acquired Immunodeficiency Syndrome - genannt. 1983 identifizieren der Amerikaner Robert Gallo und der Franzose Luc Montagnier das Virus, das die Krankheit auslöst. 1985: In Atlanta findet die erste Welt-Aids-Konferenz statt. Im Oktober stirbt als erster Prominenter der US-Schauspieler Rock Hudson an den Folgen der Immunschwäche. Durch seinen Tod wird die breite Öffentlichkeit auf Aids aufmerksam. 1986: Aus Afrika werden die ersten Aids-Fälle gemeldet. 1988: Die WHO führt den 1. Dezember als Welt-Aids-Tag ein. 1991: Die «Rote Schleife» wird internationales Symbol für den Kampf gegen Aids. Im November stirbt der Leadsänger der Popgruppe Queen, Freddie Mercury, an Aids. 1993: Das Modehaus Benetton thematisiert AIDS in einer Werbekampagne. 1993: Philadelphia ist der erste grosse Hollywoodfilm, welcher sich kritisch mit dem gesellschaftlichen Umgang mit AIDS-Erkrankten und Homosexuellen in den USA auseinandersetzt. Im Jahre 1995 kommen so genannte Protease-Hemmer als neues Aids-Medikament auf den Markt. Nach Angaben der UNAIDS im Dezember 2005 sind über 40 Millionen Menschen auf der Welt mit dem HI-Virus infiziert - ein neuer Höchststand. 2000: Die israelische Sängerin Ofra Haza verstirbt an der Krankheit.

AIDS: Chronologie einer Seuche.

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Es war die medizinische Sensation des Jahres 2008: Ärzten der Berliner Charité gelang es, einen Mann von seiner HIV-Infektion zu befreien. Das Ereignis, gefeiert unter dem Namen «The Berlin Patient», löste einen gewaltigen Medienrummel aus. Der damals 42-jährige Patient wollte anonym bleiben – bis jetzt: Vor wenigen Tagen zeigt der Geheilte der Öffentlichkeit im «Stern» sein Gesicht: Timothy Ray Brown heisst der lebende Beweis dafür, dass sich eine bestehende Infektion mit dem tödlichen HI-Virus besiegen lässt. Zumindest ist der Erreger im Blut nicht mehr nachweisbar.

Dabei liegt dem medizinischen Durchbruch ursprünglich ein schwerer Schicksalsschlag zugrunde. Der seit 1995 HIV-positive Brown erkrankt im Sommer 2006 an Leukämie (Blutkrebs). Da eine Chemotherapie nicht anschlägt, regt Gero Hütter, Browns behandelnder Arzt, ein revolutionäres Experiment an: Schon bald suchen Mediziner einen Stammzellen-Spender, der ein HIV-resistentes Gen in sich trägt.

Wenig später ist ein passender Spender gefunden und Brown wird therapiert. Mit Erfolg, wie sich herausstellt: Der Patient gilt als geheilt – Krebs und HIV sind verschwunden, zumindest vorübergehend, denn die Leukämie schlägt erneut zu: Wieder muss Brown an den Chemotherapie-Tropf, unterzieht sich einer weiteren Stammzellen-Injektion. Als sein Gehirn durch die Behandlung angegriffen wird, kann er nicht mehr sprechen oder gehen, er wirkt apathisch. In der Reha erholt er sich in kleinen Schritten. Heute kann er wieder einigermassen sprechen und laufen.

Brown bleibt ein Einzelfall

Hütter konnte bis heute keinem weiteren Infizierten helfen: Potentielle Spender, die das HIV-resistente Gen tragen, sind rar. So wird «The Berlin Patient» vorerst der einzige Mensch weltweit bleiben, bei dem eine Infektion mit dem tödlichen Virus mit Stammzellen reversibel gemacht werden konnte.

(rre)