Drastischer Rückgang

25. Juli 2017 20:21; Akt: 25.07.2017 21:10 Print

Europa rutscht in die Sperma-Krise

Forscher stellen einen bedenklichen Rückgang der Anzahl Spermien fest. Vor allem Männer aus westlichen Ländern sind betroffen.

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Bald vom Aussterben bedroht? Spermien unter dem Mikroskop. (Archiv) (Bild: Keystone/Journal of Science/AP)

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Steckt die moderne Welt in einer «Spermienkrise»? Forscher zählen bei Männern immer weniger Spermien. Direkte Rückschlüsse auf die Fruchtbarkeit erlaubt das zwar nicht. Möglicherweise ist der Schwund aber nur die Spitze eines Eisbergs gesundheitlicher Probleme.

Die Zahl der Spermien von Männern aus Europa und anderen Regionen geht immer weiter zurück. Zwischen 1973 und 2011 sei die Spermienanzahl pro Milliliter Sperma bei Männern aus westlichen Ländern um 52,4 Prozent gesunken, berichten Forscher im Fachmagazin «Human Reproduction Update». Bei der Gesamtzahl der Spermien pro Samenerguss betrage der Rückgang sogar 59,3 Prozent.

Offener Punkt: Fruchtbarkeit

«Angesichts der Bedeutung der Spermien für die männliche Fruchtbarkeit und die menschliche Gesundheit ist diese Studie ein dringender Weckruf für Forscher und Gesundheitsbehörden auf der ganzen Welt», sagt Studienleiter Hagai Levine von der Hebrew University in Jerusalem.

«Spermienfunktionalität wie Beweglichkeit, aber auch morphologische Veränderungen wurden in dieser Analyse nicht berücksichtigt», gibt Artur Mayerhofer vom Biomedizinischen Zentrum der Ludwig-Maximilians-Universität München zu den Ergebnissen zu bedenken. «Ob sich aus den Daten daher ableiten lässt, dass Männer somit wirklich unfruchtbarer geworden sind, bleibt offen», so die Einschätzung des Forschers, der nicht an der Analyse beteiligt war.

Bedenkliche Trends

Die sinkende Spermienzahl sei aber womöglich nur die Spitze des Eisbergs, so Mayerhofer. Bedenklich sei der Trend, auf den die Arbeit hinweise: eine Zunahme von Hodentumoren, Kryptorchismus (Bauchhoden) und anderen Problemen sowie einen Zusammenhang mit allgemeiner Morbidität und Mortalität.

Die Wissenschaftler um Levine hatten zunächst 7518 Studien mit Daten zur Spermienanzahl in zwei Datenbanken gesichtet. Dann schlossen sie anhand eines strikten Auswahlkatalogs zahlreiche Studien aus, beispielsweise solche, die bei Männern durchgeführt wurden, die zeugungsunfähig waren oder chronische Erkrankungen hatten. Am Ende werteten die Wissenschaftler 244 Spermienzählungen aus 185 Studien aus, die an knapp 43'000 Männern durchgeführt worden waren.

Rückgang bei westlichen Männern

Wichtige Unterscheidungsmerkmale waren, ob die Männer bereits ein Kind gezeugt hatten (also nachweislich fruchtbar waren) oder ob dies nicht erhoben worden war. Ausserdem gliederten Levine und Kollegen die Teilnehmer in zwei Weltregionen: die Länder mit westlichem Lebensstil (Europa, Nordamerika, Australien und Neuseeland) und die übrige Welt, vor allem Asien, Afrika und Südamerika. Aus der übrigen Welt stammten nur 28 Prozent der untersuchten Spermienzählungen. Die Forscher rechneten nach eigenen Angaben mögliche andere Einflussfaktoren aus den Werten heraus.

Im statistischen Mittel ging die Spermienanzahl pro Milliliter bei westlichen Männern von 1973 bis 2011 jährlich um 1,4 Prozent zurück, bei der Gesamtzahl pro Spermaprobe sogar um 1,6 Prozent. Diese Zahlen beziehen sich auf die Gruppe derjenigen, bei denen nicht festgestellt wurde, ob sie zeugungsfähig sind. Bei den Männern mit Kindern betrug der jährliche Rückgang bei der Anzahl pro Milliliter und der Gesamtzahl jeweils etwa 0,8 Prozent. In den übrigen Weltregionen war kein statistisch bedeutsamer Trend zu erkennen.

Noch weit entfernt von Untergrenze

«Diese eindeutige Studie zeigt zum ersten Mal, dass dieser Rückgang stark und anhaltend ist», erklärt Ko-Autorin Shanna Swan von der Icahn School of Medicine am Mount Sinai in New York. Swan hatte im Jahr 2000 eine ähnliche, aber weniger umfangreiche Studie veröffentlicht. Es müsse untersucht werden, wodurch es zu diesem anhaltenden Rückgang komme, um Gegenmassnahmen ergreifen zu können, schreiben die Forscher.

Die Untersuchung liefere eine gute Diskussionsgrundlage, sagt Stefan Schlatt vom Universitätsklinikum Münster, der nicht an der Studie beteiligt war. Die aufgezeigte Tendenz sei allerdings nur ansatzweise bedenklich: «Wenn man sich die konkreten Zahlen ansieht, liegen sie immer noch weit über den Werten, die die Weltgesundheitsorganisation als Untergrenze der Zeugungsfähigkeit angibt.»

Qualität sinkt mit dem Alter

So beträgt in der Studie im Jahr 2011 die Spermiengesamtzahl westlicher Männern ohne Fruchtbarkeitsnachweis 137,5 Millionen, als Untergrenze des Normalen sieht die Weltgesundheitsorganisation 39 Millionen an.

Die Spermienanzahl sei zwar massgeblich bei der Beurteilung der Zeugungsfähigkeit. Allerdings spiele auch eine Rolle, wie beweglich die Spermien sind und ob sie vielleicht missgebildet sind – dies sei in der Studie nicht betrachtet worden.

Als Ursachen für die Abnahme der Spermienanzahl stehen laut Schlatt zahlreiche Gründe in Verdacht: von der zu warmen Windel bei Säuglingen über Aspirin bis zum Handy in der Hosentasche. Der Mediziner selbst sieht einen wichtigen Grund abnehmender Zeugungsfähigkeit darin, dass Männer immer älter würden, wenn sie eine Familie gründen: Die Spermienqualität sinkt mit steigendem Alter. Deshalb müsse bei einem Kinderwunsch immer häufiger mit künstlicher Befruchtung nachgeholfen werden.

(chi/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dagobert am 25.07.2017 20:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Pestizide und Hormonaktive Substanzen

    Kein Wunder bei all den Pestiziden und Hormonen im Trinkwasser...

  • Rösli Tell dazu am 25.07.2017 20:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    weniger wäre viel besser!

    nun hätten wir endlich die Möglichkeit die Weltbevölkerung um einige Promille zu reduzieren. Schon geht das Geschrei wegen ein bisschen Unfruchtbarkeit wieder los. Was wollt Ihr denn Alle auf dieser Welt ?

  • Spazza am 25.07.2017 21:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Normaler Zerfall

    Mikroplastik im Trinkwasser (auch in der Schweiz schon normaler Alltag), Kunststoffe aller Art mit giftigen Inhaltstoffen für den täglichen Gebrauch, Elektrosmog, Feinstaub, Umwelteinflüsse, usw. tragen massiv zur Unfruchtbarkeit bei. Tun will aber niemand etwas. Jeder fliegt oder fährt wieder in die Ferien, lebt ungesund und kauft Plastiartikel bis zum geht nicht mehr und trägt munter weiter zum Ende bei.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Arnold Robertsons am 25.07.2017 21:05 Report Diesen Beitrag melden

    Nur ein Denkanstoss

    Da fragt man sich, wie sinnvoll die Studien sind, wenn das Alter nicht berücksichtigt wird. Weiter muss die Anzahl der Spermien kein wirkliches Qualitätskriterium sein. Evt. müsste man hier mal epigenetische Überlegungen einfliessen lassen. Ein Baum den man zurückschneidet schlägt viele neue Triebe aus, weil er sich bedroht fühlt und kompensieren muss. Ist hier vielleicht ähnlich. Ein Mann der in sicherem und gesundem westlichen Umfeld aufwächst, hat weniger biologischen Druck Triebe zu schlagen. Vielleicht ist alles halb so wild und wir haben definitiven keinen Geburtenrückgang

  • Spazza am 25.07.2017 21:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Normaler Zerfall

    Mikroplastik im Trinkwasser (auch in der Schweiz schon normaler Alltag), Kunststoffe aller Art mit giftigen Inhaltstoffen für den täglichen Gebrauch, Elektrosmog, Feinstaub, Umwelteinflüsse, usw. tragen massiv zur Unfruchtbarkeit bei. Tun will aber niemand etwas. Jeder fliegt oder fährt wieder in die Ferien, lebt ungesund und kauft Plastiartikel bis zum geht nicht mehr und trägt munter weiter zum Ende bei.

  • Mann am 25.07.2017 21:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tipp an die Männer:

    Behaltet euer Handy nicht ständig in euren Hosentaschen.

  • Jakob am 25.07.2017 20:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein Problem

    Es ist kein Problem wenn die westlichen Männer weniger Spermien haben. Die Geburten sind in dieser Spezies schon lange rückläufig. Dafür haben südliche Männer überschüssig Spermien genau so wie sich das die Regierungen in Europa vorstellen. Im Notfall helfen diese auch den westlichen Frauen aus.

  • Marko 32 sein Sohn am 25.07.2017 20:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gift

    Das liegt am Gift das man massenweise in unser Essen pumpt.