Gentherapie

10. Februar 2011 19:38; Akt: 10.02.2011 19:48 Print

Gene reparieren, Krankheiten heilen

von Simon Degelo - Die Entschlüsselung der menschlichen DNA liess Mediziner auf neue Therapien hoffen: Durch Einpflanzen eines gesunden Gens müsste man Erbkrankheiten doch heilen können. Heute ist klar: Ganz so einfach ist es nicht.

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Das Kind erhält eine Gentherapie, damit es die sterile Umgebung verlassen kann. (Archivbild/Key)

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Einen ersten grossen Erfolg konnte die Gentherapie bereits Anfang des Jahrtausends feiern: Sie wurde bei Kindern eingesetzt, die an Schwerem Kombiniertem Immundefekt litten. Diese Erbkrankheit legt das Abwehrsystem lahm. Patienten können nur überleben, wenn man sie sofort nach der Geburt von jeglichen Krankheitserregern abschirmt. Acht der neun Kinder, welche an einem Pariser Spital die Gentherapie erhielten, wurden geheilt. Doch einige Jahre später erkrankten vier von ihnen an Leukämie, verursacht durch die Behandlung. Eines starb.

Diese Gefahr will Reinhard Seger bannen. Der Immunologe vom Kinderspital Zürich hat gemeinsam mit Partnern aus Frankfurt eine verbesserte Methode entwickelt. «Dadurch wird das Risiko von Leukämie um den Faktor Hundert reduziert», sagt er. Nach erfolgreichen Tests wollen die Forscher noch in diesem Jahr die Zulassung beantragen.

Das Potenzial der Gentherapie ist trotzdem beschränkt: «Sie kommt bisher nur für Krankheiten in Frage, die durch ein einzelnes defektes Gen verursacht werden», sagt Seger. Zwar gibt es viele solcher Krankheiten, doch die sind sehr selten. Erkrankungen wie Krebs hingegen, die schweizweit jährlich 35 000 Menschen trifft, kann Gentherapie wohl auch in Zukunft nicht heilen. Trotzdem profitieren Krebspatienten von der Erforschung der DNA. So weiss man heute beispielsweise, dass die Gene bei Krebs oft gar nicht defekt sind, sondern lediglich durch eine chemische Veränderung – die sogenannte Methylierung – stillgelegt werden. Aufgrund dieser Erkenntnis entstanden bereits erste Medikamente wie Azacitidin, welches die Methylierung verhindert und so gegen bestimmte Formen von Leukämie wirkt.

Angst vor Durchleuchtung

Mit der Entschlüsselung unseres Erbguts war der gesamte genetische Code des Menschen bekannt. Die Wissenschaftler begannen in diesem «Buch des Lebens» zu lesen. Laufend sorgten neu entdeckte Gene für Schlagzeilen: das «Intelligenz-Gen», das «Aggressions-Gen» und sogar ein «Schwulen-Gen», das für Homosexualität verantwortlich sein sollte.

Mit dem Wissen wuchs die Angst, Arbeitgeber und Versicherungen könnten sich für die Information interessieren, die in unserer DNA steckt: Welche Stellenbewerberin ist die intelligenteste? Welcher Versicherte hat das geringste Risiko, krank zu werden?

Eine solche Durchleuchtung des Erbgutes ist in der Schweiz seit 2007 per Gesetz verboten. Genetische Untersuchungen sind lediglich für medizinische Zwecke erlaubt – und das auch nur mit Zustimmung der betroffenen Person.

Das Gesetz verbietet selbst der Polizei, aus DNA-Spuren auf äussere Merkmale eines Gesuchten zu schliessen. Nicht so in Holland. Aber dort zeigen sich auch die Grenzen der Methode: Allein um die Augenfarbe zu bestimmen, sind Informationen von insgesamt sechs Gen-Abschnitten nötig. Und selbst damit beträgt die Trefferquote bloss 90 Prozent.

Eigenschaften wie die Intelligenz verhalten sich noch viel komplexer: Die Wissenschaft geht davon aus, dass tausende von Genen dazu beitragen. Zusammen erklären sie jedoch nur die Hälfte der Unterschiede zwischen den Menschen. Den Rest machen äussere Einflüsse aus.