Psychische Besonderheiten

22. Oktober 2008 16:01; Akt: 03.11.2010 12:19 Print

Ihr grösster Wunsch: Eine Amputation

Körperlich fehlt ihnen nichts - trotzdem fühlen sich BIID-Betroffene nur im Rollstuhl und mit zurückgebundenen Beinen oder Armen richtig wohl. Denn sie wünschen sich nichts sehnlicher als eine Behinderung.

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«Hallo, ich bin Melanie. Am liebsten gebe ich vor, eine Beinamputation gehabt zu haben und sitze besonders gerne im Rollstuhl.» Was wie ein derber Scherz klingt, ist für die 27-jährige Melanie sowie die anderen Pretenders, die sich auf der Website «premiumpretenders.com» präsentieren, das Lebenselixier. Pretenders haben den Drang, sich wie ein Mensch mit Handicap zu fühlen - obwohl sie keine körperlichen Behinderungen haben. Viele leben ihren Drang nur im Geheimen aus - ein Austausch unter Gleichgesinnten findet hauptsächlich im Internet statt.

Querschnittgelähmt: Ein lang ersehnter Traum

Doch für viele Betroffene gehen die blossen Phantasien nicht weit genug. Auf die Frage hin, ob er sich absichtlich das Rückenmark während eines chirurgischen Eingriffs durchtrennen lassen würde, antwortet Karsten S., Pretender aus Frankfurt in einem Interview gegenüber «Spiegel Online»: «Ja, absolut ja.» Allerdings müsste dem jungen Mann zuvor garantiert werden, dass er nach dem Eingriff weder an Impotenz noch an Inkontinenz leiden würde.

In Europa sind Amputationen oder provozierte Querschnittlähmungen verboten. Doch dies war - zumindest bis vor wenigen Jahren - nicht überall der Fall: Im Jahr 2000 geriet der Arzt Robert Smith in die Schlagzeilen, weil er in Schottland bei zwei gesunden Männern auf deren Wunsch Beinamputationen vorgenommen hatte.

Für Menschen mit Body Integrity Identity Disorder (BIID), wie das Syndrom von Experten genannt wird, kann die Sehnsucht nach einer Behinderung so gross werden, dass sie sich absichtlich durch einen vorbeirasenden Zug oder mit Hilfe einer Motorsäge verstümmeln.

Lassen sich derartige Selbstverstümmelungen verhindern? Aglaja Stirn von der Klinik für psychosomatische Medizin in Frankfurt ist laut «Spiegel online» dieser Überzeugung. Ihre Untersuchungen zeigten, dass eine Psychotherapie den Amputationswunsch zumindest «massiv verringern» könne.

rre