«Implant-Files»

26. November 2018 02:49; Akt: 26.11.2018 10:37 Print

Mandarinennetz als Vaginalnetz zugelassen

Aufgrund lascher Zulassungsbestimmungen kommt es zu immer mehr Todesfällen durch medizinische Implantate. Das deckt ein internationales Rechercheteam auf.

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In weiten Teilen der Welt werden immer mehr Menschen durch Implantate verletzt oder getötet. Dies förderte eine internationale Recherche ans Tageslicht. Angestossen wurden die Recherchen durch die niederländische Journalistin Jet Schouten. Sie nahm ein einfaches Mandarinennetz und gab es als Vaginalnetz aus – ein Medizinprodukt, das Frauen mit Beckenbodenbeschwerden implantiert wird. Von drei Prüfstellen wurde ihr ohne weitere Probleme eine Zulassung in Aussicht gestellt.

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Produktbezogene Ursachen

Die laschen Bedingungen bleiben nicht folgenlos: Allein in Deutschland seien im vergangenen Jahr 14'034 Mal Verletzungen, Todesfälle und andere Probleme im Zusammenhang mit Medizinprodukten wie künstlichen Hüft- oder Kniegelenken, Brustimplantaten oder Insulinpumpen gemeldet worden, berichteten am Sonntag die Sender NDR und WDR sowie die «Süddeutsche Zeitung».

Die drei Medien haben gemeinsam mit dem internationalen Konsortium für Investigativen Journalisten (ICIJ) zahlreiche Unterlagen zu dem Thema, die sogenannten Implant Files, ausgewertet. Mehr als 250 Journalisten von 59 Medien aus 36 Ländern arbeiteten dabei zusammen. In der Schweiz seien Recherchedesk und das Datenteam von Tamedia involviert.

Das deutsche Gesundheitsministerium bestätigte laut NDR, dass das zuständige deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) einen Anstieg von Fällen registriert habe, bei denen eine «produktbezogene Ursache» vorgelegen habe. Das Ministerium betonte dem Bericht zufolge jedoch, dass nicht bei jedem dieser Vorkommnisse der Tod oder eine schwerwiegende Verschlechterung des Gesundheitszustandes des Betroffenen eingetreten sei.

Die Dunkelziffer dürfte laut den Recherchen von NDR, WDR und SZ noch «erheblich höher» sein, da Hersteller, Ärzte und Spitäler den Behörden nur wenige Fälle meldeten, obwohl sie dazu verpflichtet seien. Als Beispiel wurden Brustimplantate genannt: So seien 2017 in deutschen Kliniken 3170 Implantate allein wegen schmerzhafter Vernarbungen des Gewebes rund um die Silikonkissen herausoperiert worden. Gemeldet worden seien aber nur 141 Fälle.

Weiter hiess es in dem Bericht, die Behörden überliessen es den Herstellern in der Regel selbst, fehlerhafte Produkte zurückzurufen oder Sicherheitswarnungen auszusprechen. Seit 2010 hätten die Hersteller dies pro Jahr rund tausend Mal getan, die Behörden hätten im gleichen Zeitraum offenbar nur sechs Mal einen Rückruf angeordnet.

Kaum klinische Daten

Unter Berufung auf interne Unterlagen des Gesundheitsministeriums berichteten NDR, WDR und SZ, dass in Deutschland regelmässig Produkte implantiert würden, die kaum getestet worden seien. Lediglich für eines von zehn Medizinprodukten der höchsten Risikostufe gebe es nach Einschätzung des Ministeriums klinische Daten.

Schäden durch Medizinprodukte würden allerdings selten publik, da die Hersteller Entschädigungszahlungen an Verschwiegenheitsverpflichtungen der Betroffenen knüpften, heisst es in dem Bericht. In den vergangenen zehn Jahren mussten Medizinprodukthersteller demnach ausserdem mehr als 1,6 Milliarden Dollar zahlen, um Korruptions- und Betrugsvorwürfe beizulegen, wie aus Daten der US-Börsenaufsicht SEC und des US-Justizministeriums hervorgehe.

Das Geschäft mit künstlichen Gelenken, Schrittmachern, Hörgeräten oder anderen Medizinprodukten sei laut Gesundheitsministerium mittlerweile auf einen Umfang von umgerechnet rund 300 Milliarden Franken weltweit gewachsen, heisst in dem Bericht. Allein deutsche Unternehmen setzten etwa 30 Milliarden Euro mit diesen Produkten um. Das deutsche BfArM wisse zwar, welche Produkte in den vergangenen Jahren zu den meisten Todesfällen und Verletzungen geführt hätten. Sowohl die Aufsichtsbehörde als auch das deutsche Gesundheitsministerium verweigerten aber Auskunft darüber, weil es sich um vertraulich Informationen handele.

(chk/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Forex11 am 26.11.2018 06:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unfassbares Zitat:

    "Das deutsche BfArM wisse zwar, welche Produkte in den vergangenen Jahren zu den meisten Todesfällen und Verletzungen geführt hätten. Sowohl die Aufsichtsbehörde als auch das deutsche Gesundheitsministerium verweigerten aber Auskunft darüber, weil es sich um vertraulich Informationen handele." Man lasse es sich auf der Zunge zergehen! Obwohl der Staat genau weiss, welche Produkte TÖDLICH sind, wertet er Datenschutz und wirtschaftliche Interessen höher als Menschenleben. Man müsste ihn verklagen und die entsprechenden Mitglieder hart bestrafen! Unfassbar so was!! :-(

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  • cyberstad am 26.11.2018 07:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Knie, Hüften, Brüste

    Trotz ein paar statistischen Ausreissern sind Hüft- und Kniegelenksimplantate als medizinischer Fortschritt zu betrachten. Bei Silikonimplantaten für Brustvergrösserungen bin ich mir nicht ganz sicher.

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  • Skepticus am 26.11.2018 07:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fehlende Info

    Der Öffentlichkeit werden also die relevanten Informationen vorenthalten um sich eine eigene Meinung bilden zu können. Evtl. würden es sich etliche Leute zweimal überlegen, bevor sie sich bspw einer Brust-OP unterziehen würden.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • S.h am 26.11.2018 14:29 Report Diesen Beitrag melden

    Pharma

    Heutzutage kann man den ärzten nicht mehr trauen...wenn ärzte mit den pharmaunternehmen verträge haben und sich so eine goldene nase verdienen...wie soll man sich da mit gutem wissen und vertrauen unters messer legen...habe die nicht alle mal einen eid geschworen...traurig...

  • Eva S. am 26.11.2018 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    Unbedingt anschauen

    Schaut euch alle die Doku ,Das Geschäft mit der Gesundheit an bei Netflix. Sehr sehr eindrücklich!

  • Daniel Weyandt am 26.11.2018 13:16 Report Diesen Beitrag melden

    Artikel zu aufgeregt und durcheinander

    Das mit dem Kartoffel-Vaginalnetz ist gar nicht so abwegig. Letztes Jahr (?) gab es im NEJM eine Untersuchung wonach Plastik-Moskitonetz für Narbenbruch-Operationen genauso gut war, wie das 1000x teurere "medizinische" Plastiknetz. Dass man als Arzt tatsächlich nicht sicher sagen kann, welches künstliche Kniegelenk zB für einen Patienten denn nun das beste ist, liegt daran, dass versäumt wird, neue Verfahren und Implantate solange nur innerhalb von kontrollierten Studien zu bezahlen, bis man sich sicher sein darf. Hier wären Ministerien, Krankenkassen und Ärzte gefordert.

  • Rolf am 26.11.2018 12:06 Report Diesen Beitrag melden

    @Forex11

    Ist von deutschen Behörden denn etwas anderes zu erwarten?

  • Lagomio am 26.11.2018 12:01 Report Diesen Beitrag melden

    Implantate oder...

    ...unsägliche Schmerzen in den Hüften und Knien. Wer solche Schmerzen hat, ist bereit ein Implantat zu setzen. Für viele Menschen bedeutet dies eine unbeschwertere und bessere Lebensqualität. Eine Unverträglichkeit kann es durchaus immer geben, jeder Mensch reagiert anders. Aber eines ist mehr als sicher, früher oder später müssen alle Menschen sterben. Im übrigen scheint dieser Bericht wieder viele Leute zu verängstigen, was absolut nicht nötig ist.