Medizingeschichte

03. Mai 2013 13:06; Akt: 03.05.2013 14:58 Print

Leichenteile wurden zu begehrter Arznei

von Claudia Hoffmann - Makabre Praxis: Körperteile von Hingerichteten wurden noch bis vor 250 Jahren zu Arzneimitteln verarbeitet und in Apotheken verkauft – auch in der Schweiz.

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Aus den Körpern von Hingerichteten wurde gelegentlich Fett entnommen und als Arznei verkauft. (Bild: Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (DIPF)/Pharmazie-Historisches Museum der Universität Basel)

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Salbe aus Menschenfett macht steife Gelenke geschmeidig, Pulver aus Schädelknochen hilft gegen Kopfweh und Epilepsie, und der Verzehr von einbalsamiertem Menschenfleisch verlängert das Leben: Das glaubte zumindest die Bevölkerung in der Schweiz bis ins 18. Jahrhundert. Deshalb führten Apotheken in ihrem Sortiment auch Arzneimittel aus menschlichen Körperteilen. «Diese Mittel waren sehr begehrt und dementsprechend teuer», sagt die Historikerin Janine Kopp von der Uni Luzern.

Sie hat im Rahmen ihrer Doktorarbeit unter anderem historische Arzneibücher und andere alte Schriften durchforstet. Das Ergebnis: Die Körperteile stammten in der Regel von Verurteilten, die öffentlich hingerichtet wurden. Apothekern war es gelegentlich erlaubt, sich unter Aufsicht der Obrigkeit an den Leichen zu bedienen und diese zu Arzneimitteln zu verarbeiten. «Die medizinische Versorgung war sehr schlecht», sagt die Historikerin. Weil es noch keine industriell hergestellten Medikamente gab, war man auf natürliche Arzneistoffe angewiesen, die unter anderem von Tieren stammten. Dabei galt der Mensch als oberstes Tier, so Kopp. Deshalb glaubte man, dass die aus ihm gewonnene Medizin besonders grosse Heilkräfte besitze. «Was heute wie Quacksalberei erscheint, entsprach der damaligen medizinischen Lehre.»

Auch wenn diese längst der Vergangenheit angehört: Menschliche Körperteile zu medizinischen Zwecken zu verwenden sei nicht so abwegig, wie es auf den ersten Blick erscheinen möge, sagt Janine Kopp. «Schliesslich stammt auch ein transplantiertes Herz von einem toten Menschen.»