Universität Basel

28. März 2011 22:07; Akt: 28.03.2011 22:08 Print

Mit Stresshormon gegen die Höhenangst

Eine Verhaltenstherapie kann Höhenangstpatienten helfen. Noch wirksamer ist die Behandlung mit der zusätzlichen Gabe von Cortisol, wie Basler Forscher jetzt herausgefunden haben.

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Sie wollen einen Bekannten mit einer Jethro-Tull-CD beglücken? Tun Sie es nicht, wenn es sich beim Betreffenden um einen Aulophobiker handelt: Diese Spezies fürchtet sich vor Flötenklängen jeglicher Art. Eine Phobie, die möglicherweise durch eine traumatisierende Erfahrung während des Flötenunterrichts in der Kindheit ausgelöst wurde. Entspannt ins Bett fallen und ruhig einschlafen? Beim Clinophobiker funktioniert das nicht. Ihn ergreift Panik, wenn er ans «ins Bett gehen» denkt. Die Wurzel des Übels findet sich auch hier - wie so oft - in der Kindheit. Einzeln findet er sie abstossend, gebüschelt gar haarsträubend. Der Chaetophobiker ekelt und fürchtet sich ausserordentlich vor Haaren, die an Kleidern hängen bleiben oder auf dem Boden herumliegen. Für den Apotemnophobiker ist es der Schreckensmoment: Er kann den Anblick von Menschen mit Amputationen nicht ertragen, egal, wie freundlich und sympathisch sie auch sein mögen. Mit dieser kleinen, weissen Knolle schlägt man ihn garantiert in die Flucht: Denn wenn der Alliumphobiker Knoblauch sieht, geschweige denn riecht, sucht er das Weite. Bei einer besonders stark ausgeprägten Form dieser Erkrankung reicht sogar der Anblick einer Knoblauchzehe aus, um beim Gegenüber einen Brechreiz zu provozieren. Mit einem Geniophobiker zu einem «Meet & Greet» mit Michael Schumacher? Vergessen Sie es! Menschen mit Geniophobie fürchten sich vor Personen mit einem ausgeprägten Kinn. Den Text des «Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetzes» kennt der Hippopotomonstrosesquippedaliophobiker ganz bestimmt nicht. Er ängstigt sich vor langen Wörtern. Am Fusse des neuseeländischen Bergs Taumatawhakatangihangakoauauotamateaturipukakapikimaungahoronukupokaiwhenuakitanatahu wird er wohl niemals seine Ferien verbringen. Alles Gute kommt von oben - nicht für den Ouranophobiker: Die Tatsache, das man nach seinem Dasein auf Erden «in den Himmel kommt», machte ihn längst zum Atheisten: Er bekommt Panik, wenn er seinen Blick gen Himmel richtet. Und jetzt ein ganz heisser Tipp für Singlefrauen um die 40: Angeln Sie sich einen Parthenophobiker. Er leidet unter der schreckliche Angst davor, mit einer Jungfrau anzubändeln und umgeht die «Gefahr», in dem er sich an sexuell erfahrenere Damen hält. Aulophobie, Parthenophobie - schlimm? Nicht, wenn man Panophobiker ist: Dann hat man Angst vor allem und jedem. Damit ist die Panophobie die mit Abstand schlimmste existierende Angststörung überhaupt.

Die Höhenangst ist eine weit verbreitete Phobie. Es gibt aber auch skurrile Ausprägungen, wie die Bildstrecke oben zeigt.

Fehler gesehen?

Betroffene, denen im Zuge einer Verhaltenstherapie auch Cortisol verabreicht wird, bekommen ihre Ängste besser in den Griff als solche, die nur die Therapie erhalten. Das zeigt eine Studie der Universität Basel.

Menschen mit Höhenangst oder einer anderen Phobie reagieren auf an sich harmlose Reize, wie etwa den Anblick einer Spinne oder die Fahrt in einem gläsernen Lift, mit Gefühlen extremer Angst und Beklemmung. Sie haben ein sogenanntes Angstgedächtnis gebildet, das unausweichlich aktiviert wird, sobald der angstauslösende Reiz auftritt.

Solche Angststörungen werden oft mit einer Konfrontationstherapie behandelt, die das Angstgedächtnis überlagern soll. Die Betroffenen werden dazu von einem Therapeuten in sicherer Umgebung immer wieder mit dem angstauslösenden Reiz konfrontiert - bis die Angst schwindet und mit einer neuen Reaktion auf die vermeintliche Bedrohung überlagert und ausgelöscht werden kann.

Virtuelle Liftfahrt

Ein internationales Forschungsteam um Dominique de Quervain von der Universität Basel wollte nun herausfinden, ob Stresshormone die Resultate einer solchen Therapie bei Menschen mit Höhenangst verbessern können. Frühere Studie hatten gezeigt, dass Stresshormone wie Cortisol Lern- und Gedächtnisvorgänge im Hirn beeinflussen.

Die Forscher untersuchten 40 Menschen mit nachgewiesener Höhenangst, wie sie im Fachmagazin «PNAS» berichten. Alle Probanden fuhren in einem gläsernen Lift ein Gebäude hinauf - allerdings nur virtuell. In Wirklichkeit standen sie auf einer Holzplattform, die Fahrt im Fahrstuhl wurde ihnen über einen Kopfmonitor vorgegaukelt.

Kurz vor den jeweils drei Sessionen dieser Konfrontationstherapie bekam die Hälfte der Probanden Cortisol verabreicht, die andere Hälfte ein Scheinmedikament (Placebo). Ein paar Tage nach der letzten Therapiebehandlung wiederholten die Forscher den Versuch.

Nachhaltiger Erfolg

Es zeigte sich, dass die Cortisol-Probanden nach der Therapie beim Liftfahren deutlich weniger Angst verspürten als die Kontrollprobanden. Auch ein standardisierter Fragebogen, den die Probanden ausfüllten, wies darauf hin, dass die Höhenangst in der Cortisol-Gruppe stärker nachgelassen hatte.

Des Weiteren stieg die Hautleitfähigkeit der Probanden - ein weiteres Mass für die Angst - in den angstauslösenden Situationen weniger stark an. Wie die Forscher weiter berichten, hielt der Erfolg der medikamentösen Therapie an: Noch einen Monat nach dem ersten Experiment reagierten die Probanden gelassener auf eine neuerliche Liftfahrt.

Auch gegen Angst vor Spinnen

Die Forscher vermuten, dass Cortisol das Auslöschen von bösen Erinnerungen auf zwei Arten erleichtert: Erstens scheint es das Abrufen der Ängste zu erschweren, und zweitens ist bekannt, dass Stresshormone dabei helfen, neue Informationen besser im Gedächtnis zu konsolidieren.

Laut den Basler Wissenschaftlern könnten solche Hormone auch bei anderen Angststörungen eine gute Ergänzung sein zur Verhaltenstherapie. In früheren Studien fanden sie zum Beispiel, dass Stresshormone bei Sozialphobikern die Angst in sozialen Stresssituationen linderte und Spinnenphobikern die Angst vor Spinnen etwas nahm.

(sda)