Migräne-Operation

07. August 2008 12:09; Akt: 07.08.2008 12:09 Print

Mit einem Schnitt ist alles weg?

von Runa Reinecke - Eine noch relativ junge Operationsmethode lässt besonders geplagte Migräne-Patienten hoffen. Das Verfahren soll in den kommenden Monaten zum ersten Mal in der Schweiz durchgeführt werden.

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Alles begann mit einem Zufall: Immer wieder berichteten Patienten in den USA, die sich aus ästhetischen Gründen den Corrugatur-Muskel wegoperieren liessen (dieser Gesichtsmuskel bildet durch Anspannung die sogenannte Zornesfalte) von einer höchst erfreulichen «Nebenwirkung»: Einige der Operierten wurden durch den Eingriff nicht nur von der hässlichen, senkrechten Einkerbung zwischen den Augenbrauen, sondern auch von ihrer Migräne befreit. «Dieser besondere Nebeneffekt ist mir und meinen amerikanischen Kollegen zwischen 1999 und 2000 häufiger aufgefallen», erklärt der deutsche Chirurg Dr. med. Thomas Muehlberger, der in den USA studierte und bis vor drei Jahren dort arbeitete. Seit etwa fünf Jahren wird die Operation, die einem gewissen Teil der Migräne-Patienten eine Besserung, im besten Falle sogar ein komplettes Verschwinden ihres Leidens ermöglichen soll, in den USA durchgeführt.

Muehlberger, ein plastischer Chirurg, der erst seit drei Jahren wieder in seiner Heimat praktiziert, gehörte in Deutschland zu den Pionieren der Migräne-Operation. Nun soll der Eingriff auch in einer Zürcher Niederlassung durchgeführt werden.

Doch längst nicht jeder Patient kommt für das Verfahren in Frage. Oft sind es Menschen, denen weder Medikamente noch alternative Heilmethoden eine Besserung ihrer regelmässig auftretenden Migräne-Attacken versprechen. Ob eine Operation Sinn macht, wird während eines Gesprächs mit dem Arzt und im nächsten Schritt über eine vorhergehende Botox-Behandlung abgeklärt. «Durch die Botox-Injektionen wird der Muskel lahmgelegt - so lässt sich die Entfernung der Muskelpartie simulieren», erklärt der Mediziner. Im Anschluss an diese Behandlung muss der Patient genau darüber Buch führen, ob und welche Art von Kopfschmerzen auftreten. Acht Wochen und einige Patientengespräche später wird dann entschieden, ob die Operation durchgeführt wird. «Führt die Botox-Behandlung nicht zu einer Besserung, ist die Operation sinnlos», erklärt Muehlberger, der schon mehr als 300 Patienten operiert hat. Einem Erfahrungswert nach kommen letztlich nur rund 50 Prozent der getesteten Patienten für den Eingriff in Frage.

Die Operation selbst dauert - so der Chirurg - nicht länger als eine Stunde. Um langfristig Taubheitssymptome auf der Stirn des Operierten zu vermeiden, werden nur rund 70 Prozent des Muskels entfernt: «Der Schnittverlauf liegt in der Lidfalte, die dadurch entstehende Narbe ist deshalb sehr unauffällig und nur bei geschlossenen Augen überhaupt sichtbar». Nach der Operation lässt sich der Muskel, der die sogenannte Zornesfalte bildet, nicht mehr bewegen - für viele Patienten eine wünschenswerte Begleiterscheinung.
Dr. Thomas Muehlberger wird den ersten Eingriff dieser Art frühestens in zwei bis drei Monaten in Zürich durchführen.

Die noch verhältnismässig neue Methode ist bei vielen Medizinern umstritten. «Migräne ist nicht eine Angelegenheit eines einzelnen Muskels oder eines einzelnen Nervs, sondern ein komplexer Stoffwechselvorgang im Gehirn. Deshalb kann dieser Eingriff nicht dauerhaft von Nutzen sein», meint Dr. med. Christian Meyer, Neurologe und Kopfschmerz-Spezialist aus Baden zur Migräne-Operation.

Ob sich der Eingriff tatsächlich bei Schweizer Migräne-Patienten bewährt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Hinzu kommt, dass Betroffene für die Behandlung tief in die Tasche greifen müssen: Die rund 6000 Franken für Abklärung und Operation muss der Patient selbst tragen. Ob und wann die Schweizer Krankenkassen die Kosten für das Verfahren übernehmen werden, ist laut Muehlberger noch unklar.