Radioaktiviät

31. März 2011 15:05; Akt: 31.03.2011 15:57 Print

Neue Arzneien gegen Strahlenkrankheit

von Lauran Neergaard, dapd - Für Strahlenopfer, wie den Arbeitern, die derzeit im havarierten AKW in Fukushima tätig sind, stehen bislang nur wenige Arzneien zur Verfügung. In naher Zukunft könnte sich das aber ändern.

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Ist der gesamte Körper über einen kurzen Zeitraum einer Dosis von bis zu einem Sievert ausgesetzt (mit dieser Einheit wird die Menge der Strahlung gemessen, die auf den Körper einwirkt), treten keine Symptome auf. Allerdings steigt das Risiko einer Krebserkrankung laut «Goruma» um rund 7,5 Prozent. Ab einer Dosis von einem bis zu zwei Sievert (kurze Exposition) tritt der sogenannte «Strahlenkater» ein. Zu den Symptome gehören Müdigkeit, Erbrechen und (blutiger) Durchfall. Nach vier bis sechs Wochen sterben rund zehn Prozent der Kontaminierten. Das Krebsrisiko erhöht sich ebenfalls auf über zehn Prozent. Bei zwei bis drei Sievert spricht man von einer schweren Strahlenkrankheit. Die blutbildenden Zellen im Knochenmark und die Zellen des Magen-Darm-Traktes werden geschädigt. Unter anderem kann es zu Haarausfall kommen. «Goruma» zufolge überleben 40 Prozent der Betroffenen die nächsten vier bis sechs Wochen nach der Strahlenexposition nicht. Die Überlebenden müssen mit einem erhöhten Krebsrisiko von über 15 Prozent rechnen. Eine Kontamination von drei bis vier Sievert hat eine sehr schwere Strahlenkrankheit zur Folge. Die Symptome sind mit der schweren Strahlenkrankheit vergleichbar, zeigen sich aber in intensivierter Ausprägung - der Betoffene muss intensivmedizinisch behandelt werden. Rund die Hälfte der Kontaminierten überlebt die folgenden vier bis sechs Wochen nicht. Das Krebsrisiko ist um bis zu 20 Prozent erhöht. Bei der extrem schweren Strahlenkrankheit, die nach einer Exposition von vier bis sechs Sievert besteht, kommt es zu schlimmen Blutungen. Das Allgemeinbefinden des Betroffenen ist äusserst schlecht. Besteht eine Kontamination durch rund sechs Sievert, bleibt eine Überlebenswahrscheinlichkeit von nur zehn Prozent. Die Strahlendosis ab sechs Sievert ist hundertprozentig tödlich. Die Zellen im Magen-Darm-Trakt und im Knochenmark sind zerstört, der Erkrankte stirbt innerhalb der nächsten vier Wochen unter furchtbaren Umständen. Ab einer Belastung von 50 Sievert tritt der Tod bereits nach wenigen Stunden ein.

Wann ist man verstrahlt? Ab welcher Konzentration ist Radioaktivität spürbar? Diese und weitere Fragen beantwortet die Bildstrecken oben.

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Im Zuge des Atomunglücks in Japan ist wieder ins Bewusstsein gerückt, wie schwierig die Behandlung von Strahlenschäden bei Menschen ist. Erst in der vergangenen Woche wurden zwei Arbeiter aus dem havarierten Kernkraftwerk Fukushima mit radioaktiven Verbrennungen ins Krankenhaus eingeliefert. Bislang gibt es nur wenige Methoden zur Behandlung solcher Strahlenschäden. Allerdings arbeiten Forscher an neuen Medikamenten und Methoden, die schon bald einsatzbereit sein könnten.

Vor allem die Zufuhr von Flüssigkeit, Bluttransfusionen und die Verabreichung von Antibiotika können unmittelbar helfen, wenn jemand einer starken radioaktiven Strahlung ausgesetzt war. Die rechtzeitige Einnahme von Kaliumjodid kann die Einlagerung radioaktiven Jods in der Schilddrüse verhindern. Auch gibt es einige Verfahren, die dem Körper helfen, radioaktive Elemente wie etwa Cäsium auszuscheiden.

Zu den Massnahmen, die als Nächstes einsatzbereit sein können, gehören Schnelltests, die anhand eines Blutstropfens die radioaktive Belastung eines Körpers feststellen können. Denn «bevor man mit der Behandlung von Menschen beginnt, muss man wissen, welche radiologische Dosis sie abbekommen haben», sagt der Arzt David Brenner, Direktor der radiologischen Forschungsabteilung der US-Universität Columbia. «Falls man sich irrt, kann man mehr schaden als nutzen.»

Symptome nicht immer eindeutig

Die Symptome der Strahlenkrankheit sind nicht immer eindeutig. Frühere Katastrophen haben gezeigt, dass Betroffene allein durch den Stress der Situation ähnliche Symptome aufweisen können wie Strahlenkranke; Übelkeit und Durchfall etwa. Geigerzähler können nur eine radiologische Kontamination der Kleidung und der Haut feststellen, nicht aber, welcher Strahlenbelastung der Körper von innen durch die Aufnahme radiologisch aktiver Substanzen ausgesetzt ist, sagt Brenner.

Deshalb hat sein Team einen Automaten entwickelt, der anhand der DNA-Schäden in Blutzellen eine Einschätzung der radioaktiven Belastung eines Patienten vornimmt. Dazu wird nur ein Blutstropfen von einer Person benötigt, der dann getestet wird. Zwar fehle der Maschine noch die behördliche Zulassung, doch im Labor sei sie bereits einsatzbereit, sagt Brenner.

Teil der Herausforderung bei der Behandlung von Strahlenverletzungen ist die Bandbreite der Symptome. Sie können von Verbrennungen über Schäden am Knochenmark und am Darm, Lungenschäden bis zum erhöhten Krebsrisiko reichen.

Knochenmark und Darm besonders empfindlich

Das Knochenmark und der Verdauungstrakt reagieren besonders empfindlich auf radioaktive Strahlung. Auf eigentlich reparable Zellschäden überreagieren sie mit zellularem Selbstmord, sagt der Arzt Andrei Gudkov vom Russell Park Krebsinstitut in Buffalo im US-Staat New York. Sein Team hat auf der Grundlage eines Proteins eines natürlich im Darm vorkommenden Bakteriums ein Mittel entwickelt, das die Zerstörung der Zellen bremst und die Regeneration der verbliebenen Zellen fördert.

Bei Tests an Affen stieg die Überlebensrate der Tiere in den ersten 48 Stunden nach der Verstrahlung dramatisch an. Tests an 150 gesunden Menschen legen bislang nahe, dass die Nebenwirkungen sich auf grippeähnliche Symptome beschränkten. Weitere, für die Zulassung als Medikament nötige Tests werden derzeit durchgeführt.

Immunsystem stärkende Krebsmedikamente als Hoffnungsträger

Die aber wohl am ehesten verfügbaren Medikamente seien wohl das Immunsystem stärkende Krebsmedikamente, sagt Robin Robinson, Chef des Biomedizinischen Forschungsinstituts BARDA, das im Auftrag der US-Regierung Erfolg versprechende Projekte fördert. Noch in diesem Jahr will sein Institut dafür sorgen, dass sie auf ihre Wirksamkeit bei Strahlenerkrankung getestet werden.

«Es wird keine einfache Lösung für irgendeines dieser Probleme geben», mahnt dagegen Nelson Chao, Arzt an der Duke Universität im US-Staat North Carolina. «Es werden eine Menge kleiner Schritte nötig sein, um die Fülle toxischer Wirkungen von Radioaktivität zu bekämpfen», sagt der Radiologe.