EHEC-Erreger

05. Juni 2011 18:11; Akt: 08.06.2011 11:30 Print

Neue mögliche Quelle des Übels eruiert

Neue Spur bei der Suche nach dem Infektionsherd des EHEC-Bakteriums: Ursache für die Erkrankungen könnten Soja- oder andere Sprossen sein. Der Erreger ist allerdings noch nicht im Labor nachgewiesen worden.

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«Das Problem ist eigentlich nicht das Bakterium selbst, sondern ein Toxin (Giftstoff), das von ihm produziert wird», sagt Andreas Widmer, Leitender Arzt der Spitalhygiene des Universitätsspitals Basel. Laut Widmer Eine derartige Häufung der Krankheitsfälle und die teils schweren Verlaufsformen liessen allerdings darauf schliessen, dass nicht der ursprüngliche Typ des Erregers für die zahlreichen Infektionen verantwortlich gemacht werden könne. Bereits nach den ersten EHEC-Ausbrüchen in Deutschland vermuteten Experten, dass es sich es sich handle. Nachdem der Übeltäter als Serotyp 0104:H4 enttarnt wurde, verwarf man diese Hypothese aber zunächst wieder. Nach aktuellem Wissensstand ist nun doch alles ganz anders, als bisher angenommen. Während man am Uniklinikum Münster ausschliesslich die Oberflächenstruktur des EHEC-Erregers analysierte und zuordnete, gelang es deutschen und chinesischen Forschern wenig später, das Erbgut des Keims zu entschlüsseln - mit überraschendem Resultat: Bislang wurde hauptsächlich von deutschen Infektionsfällen mit dem EHEC-Erreger berichtet. Andreas Widmer: «Nein, ich persönlich rate aber dazu, in Deutschland gekauftes Obst und Gemüse nicht ungekocht oder ungeschält zu verzehren, solange die Infektionsquelle noch unklar ist.» Bei Schweizer Früchten und Gemüse besteht Widmer zufolge derzeit keine Gefahr. «Von Mensch zu Mensch wird der Erreger über eine Schmierinfektion übertragen. Da es sich um ein Darmbakterium handelt, kann es selbst durch geringe Mengen Stuhl übetragen werden», sagt Widmer. Geschätzte 20 Prozent aller Ehec-Erkrankungen werden auf diesem Wege verbreitet. «Starker, häufig auch blutiger Durchfall ist für eine EHEC-Infektion typisch», sagt Widmer. Anders als bei einer Infektion mit Salmonellen mache sich EHEC aber nicht durch Fieber bemerkbar. Treten die für EHEC typischen Beschwerden auf, rät der Professor dazu, sich umgehend in die Notfallstation eines Spitals zu begeben. Andreas Widmer: «Mit Hilfe einer Laboranalyse. Alledings ist hierfür ein spezieller Test notwendig - es muss also bereits ein dringender Verdacht vorliegen, damit dieser Test gemacht wird.» Aufgrund der zahlreichen EHEC-Fälle in Deutschland, entwickelten Forscher des Universitätsklinikums Münster einen Schnelltest. «Ganz im Gegenteil: Antibiotika führen zu einer massiven Verschlechterung des Zustands, weil durch das Abtöten der Erreger die Freisetzung von Giftstoffen angekurbelt wird», warnt Widmer. Auch von einer Selbstbehandlung mit Durchfallmedikamenten rät der Spezialist ab: «Sie fördern die Aufnahme dieser Toxine.» «Normalerweise sind schwere Verläufe eher selten. Einige der aktuellen Fälle in Deutschland verlaufen jedoch ungewöhnlich schwer», sagt der Experte. Bei einem kritischen Verlauf könne es zu einer schweren Blutgerinnungsstörung, einem sogenannten HUS (hämolytisch-urämischen Syndrom), sowie zu schweren Nierenschädigungen bis hin zu Nierenversagen kommen. Andreas Widmer: «Mit einer intravenösen Salzlösung wird die verlorengegangene Flüssigkeit ersetzt». Um Nierenschäden durch die im Organismus freigesetzten Giftstoffe zu verhindern, kann eine Dialyse (Blutwäsche) zum Einsatz kommen.» Ansonsten seien die Therapiemöglichkeiten sehr beschränkt, wie Widmer ergänzt. Andreas Widmer: «Nein, bislang steht uns keine Immunisierung zur Verfügung.»

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Sojasprossen könnten die Ursache der schweren EHEC-Erkrankungen sein. Das gab Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) bekannt. Bei epidemiologischen Auswertungen sei ein Zusammenhang zwischen den Erkrankungen und in Niedersachsen produzierten Sprossen festgestellt worden. Diese seien aus verschiedenen Saatgutmischungen hergestellt worden. Bislang ist der EHEC-Erreger in Sprossen allerdings noch nicht labortechnisch nachgewiesen. Ein Ergebnis werde für Montagvormittag erwartet, sagte Lindemann.

Verursacher soll ein Betrieb aus dem Kreis Uelzen sein. «Die Indizienlage ist jedoch so eindeutig, dass das Ministerium empfiehlt, derzeit auf den Verzehr von Sprossen zu verzichten», hiess es in einer Mitteilung. Definitive Aussagen könnten bis Montagmittag möglich sein, sagte Lindemann.

«Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die mit dem EHEC-Erreger kontaminierte Ware bereits vollständig verarbeitet und verkauft wurde», hiess es. Lindemann sagte, eine Mitarbeiterin aus dem betroffenen Betrieb sei nachweislich an EHEC erkrankt. «Das ist für uns die plausibelste Erkrankungsursache», sagte der Minister.

18 Sprossenmischungen unter Verdacht

Bei den betroffenen Sprossen handelt es sich um solche, die aus verschiedenen Saatgutmischungen hergestellt wurden. «Die Sprossen wurden direkt oder über Zwischenhändler an Einrichtungen in Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Hessen und Niedersachsen geliefert.»

Ingesamt stünden 18 Sprossenmischungen unter Verdacht. Unter anderem handelt es sich um Bohnenkeimlinge, Brokkolisprossen, Erbsen- und Kichererbsensprossen, Knoblauchsprossen, Linsensprossen, Mungobohnenkeimlinge, Radieschen- und Rettichsprossen.

Sprossen als Salatzutat und zum rohen Verzehr vorgesehen

Dem Vernehmen nach soll das Ministerium ein niedersächsisches Unternehmen, das aus Mungo- oder Sojabohnen Sprossen heranzieht, als Verursacher der Erkrankungswelle im Visier haben. Lindemann bestätigte, dass einige davon aus dem Ausland stammen würden, sagte allerdings nicht aus welchem Land. Lindemann warnte vor dem Verzehr der Sprossen.

Die Sprossen würden als Salatzutat vertrieben und seien zum rohen Verzehr vorgesehen, verlautete aus Regierungskreisen. Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums in Berlin sagte auf dapd-Anfrage, man wolle die labortechnische Untersuchung der Sprossen abwarten, bevor man weitere Schritte unternehme.

Das Robert-Koch-Institut bestätigt die Spur noch nicht

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Reinhard Burger, betonte, eine konkrete Ursache lasse sich noch nicht eingrenzen. Man gehe mehreren heissen Spuren nach, erklärte er beim Besuch des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Dass Sprossen Infektionsquelle sind, wollte Burger nicht bestätigen und verwies auf derzeit nicht vorhandene belastbare Befunde.

Burger gab die Zahl der Todesfälle, die mit EHEC in Verbindung gebracht werden, mit 21 an. Bundesweit seien inzwischen mehr als 1500 EHEC-Fälle sowie mehr als 620 Erkrankungen am Hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) gemeldet worden.

Engpässe bei Patientenversorgung

Gesundheitsminister Bahr besuchte gemeinsam mit Burger das Hamburger Universitätsklinikum, um sich vor Ort einen Überblick über die Versorgung der EHEC-Patienten verschaffen. Kritik am Krisenmanagement wies der FDP-Politiker zurück. «Ich habe miterlebt, wie die Mitarbeiter in den Behörden mit Hochdruck daran gearbeitet und auch frühzeitig die Bürger mit Transparenz informiert haben», sagte Bahr.

Die Opposition hatte die Einrichtung eines Krisenstabes gefordert und die Bundesregierung kritisiert. Im Zusammenhang mit der EHEC-Erkrankungswelle ist am Mittwoch ein Treffen der Gesundheits- und Verbraucherschutzminister von Bund und Ländern geplant.

Bahr hatte in der «Bild am Sonntag» von einzelnen Engpässen bei der Patientenversorgung gesprochen. «Wir haben bei der Krankenversorgung eine angespannte Lage.» Man könne dies aber bewältigen, indem fehlende Kapazitäten - etwa in den Städten Hamburg und Bremen - durch freie Plätze in den umliegenden Krankenhäusern ausgeglichen würden.

Bei der Suche nach dem Verbreitungsweg des EHEC-Erregers rückte unterdessen ein Restaurant in Lübeck ins Visier der Behörden. Dort haben sich offenbar mehrere Gäste infiziert, eine Frau starb. Zu den Betroffenen zählen Teilnehmerinnen eines Treffens der Deutschen Steuergewerkschaft, wie deren Vorsitzender Dieter Ondracek sagte.

Oder sind doch die Biogasanlagen schuld?

Im Lauf des Sonntags waren bei der Suche nach der Herkunft des gefährlichen EHEC-Erregers Biogasanlagen ins Blickfeld gerückt: Veterinär- und Labormediziner halten es für möglich, dass der Keim dort herkommt, wie die «Welt am Sonntag» und das ARD-Magazin «Report Mainz» berichteten. Die Biogasbranche wies dies zurück. Auch das Bundesverbraucherschutzministerium sprach auf dapd-Anfrage von «purer Spekulation».

In den Gärbehältern dieser Anlagen entständen Bakterien, die es zuvor nicht gegeben habe, wird Bernd Schottdorf, der Gründer von Schottdorf MVZ, dem grössten privaten Medizinlabor Europas, in der «WamS» zitiert. «Sie kreuzen sich und verschmelzen miteinander - was da genau passiert, ist weitgehend unerforscht.» Diese noch nie da gewesene Mischung aus Krankheitserregern werde dann als Düngemittel auf die Äcker gebracht. Es sei deshalb dringend nötig, die Biogasanlagen in Deutschland schnell auf mögliche Krankheitserreger zu untersuchen, forderte er.

«Report Mainz» zitiert den stellvertretenden Abteilungsleiter Düngemittelüberwachung bei der Agentur für Gesundheit und Nahrungsmittelsicherheit (AGES) in Wien, Erwin Pfundtner: «Unter den organischen Düngemitteln haben Gärreste sicher das höchste Belastungsrisiko mit EHEC-Keimen. Wenn belastete Gärreste unsachgemäss ausgebracht werden, dann kann das eine grosse Gefahr für den Menschen darstellen.»

Fachverband Biogas weist Zusammenhang mit EHEC zurück

In Österreich sei es gesetzlich vorgeschrieben, dass Gärreste bei unangekündigten Kontrollen stichprobenartig auf EHEC-Keime untersucht würden, berichtete das ARD-Magazin. «Für uns war wichtig: Wenn Gärreste als Düngemittel in Verkehr gebracht werden dürfen, dass wir dann auch geeignete Massnahmen haben, die sicherstellen, dass keine Gefahr für Tier, Mensch und Pflanzen entstehen, auch in Zusammenhang mit pathogenen Keimen wie EHEC», sagte Pfundtner.

Der Fachverband Biogas wies einen Zusammenhang zwischen EHEC und Biogasanlagen zurück. Die Vermutung, mit EHEC kontaminierte Gülle sei auf Gemüsefeldern ausgebracht worden und Ursache der aktuellen Epidemie, entbehre jedem fachlichen Sachverstand. «Abgesehen davon, dass Gärprodukte aus Biogasanlagen in der Regel ohnehin nicht im Gemüseanbau verwendet werden, ist eine Anwendung kurz vor der Ernte widersinnig, da die Pflanze zu diesem Zeitpunkt keine Nährstoffe mehr benötigt», heisst es in einer Erklärung des Verbandes aus der vergangenen Woche.

Gedüngt werde vor oder kurz nach der Aussaat, aber nicht kurz vor der Ernte. Etwaige Erreger seien ausserdem nach einer Hygienisierung, bei der das Gärsubstrat mindestens ein Stunde lang auf 70 Grad erhitzt werde, mit Sicherheit inaktiviert.

(sda/ap)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Monique am 07.06.2011 00:25 Report Diesen Beitrag melden

    Was dahinter steckt werden wir

    erst in 50-60 Jahren erfahren. Bis anhin versucht man der Bevölkerung mit allerlei Vermutungen den Anschein zu geben, die Regierungen suchen eifrig nach der Ursache dieser Epidemie, die Farmakonzerne nutzen die Gwelegenheit neue Impfstoffe auf den Markt zu bringen und die Bauer und der Grosshandel zur Ruin getrieben. Tatsache ist, dass diese Epidemie eine von viele Ursachen haben kann, aber dafür wird man schon jeden Tag einen neuen Sündenbock finden, so pro forma...

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  • Reto Hofstetter am 05.06.2011 20:17 Report Diesen Beitrag melden

    Aufhören mit Mutmassungen

    Hört auf mit Mutmassungen, ihr treibt langsam jede und jeden in den Ruin. Der Schaden ist jetzt schon immens mit "es könnte" und geholfen hat es bisher niemandem. Den Toten und der Wirtschaft nicht.

  • L. C. am 05.06.2011 18:50 Report Diesen Beitrag melden

    Wie wäre es mit "Wir wissen es nicht"...

    ...anstatt immer wieder neu zu Spekulieren und die Gemüsebauer in den Ruin zu treiben?! So eine Scheisse habe ich noch nie erlebt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Monique am 07.06.2011 00:25 Report Diesen Beitrag melden

    Was dahinter steckt werden wir

    erst in 50-60 Jahren erfahren. Bis anhin versucht man der Bevölkerung mit allerlei Vermutungen den Anschein zu geben, die Regierungen suchen eifrig nach der Ursache dieser Epidemie, die Farmakonzerne nutzen die Gwelegenheit neue Impfstoffe auf den Markt zu bringen und die Bauer und der Grosshandel zur Ruin getrieben. Tatsache ist, dass diese Epidemie eine von viele Ursachen haben kann, aber dafür wird man schon jeden Tag einen neuen Sündenbock finden, so pro forma...

    • M. Pirisch am 07.06.2011 02:12 Report Diesen Beitrag melden

      Wieso in 50-60 Jahren?

      Meistens kommt doch nie etwas raus.

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  • Gutzi am 06.06.2011 10:32 Report Diesen Beitrag melden

    Seit wann vertragen

    wir im Westen Sojabohnen? Oder vertragen die Asiaten plötzlich Lactose? ES SIND KEINE SOJABOHNEN, SONDERN MUNGOBOHNEN.

  • Anna am 06.06.2011 06:22 Report Diesen Beitrag melden

    Regel

    wie sagt man immer wenn wir in drittweltländer fahren: koch es, schäl es oder vergiss es, müssen wir in der zukunft es auch bei uns so halten????

  • M. Pirisch am 06.06.2011 01:49 Report Diesen Beitrag melden

    Habe auch schon festgestellt

    das bei matschigem Salat u.ä., sprich, bei nicht mehr frischem Gemüse, dringend vom Verzehr abzuraten ist, weil Gefahr von heftigem Durchfall besteht. Sojakeime verfallen ja besonders schnell. Mit anderen Worten: Ehec jederzeit im eigenen Kühlschrank herstellbar? Den Zusammenhang mit Biogas check ich gar nicht. Da müssten ja wenn schon Arbeiter einer Gasanlage betroffen sein. Das organische Material wird ja zu Gas. Wie soll man sonst an Bakterien kommen? Verantwortungslos, wie zurzeit zum Halali auf spanische Gurken, Restaurants etc. geblasen wird, ohne dass jemand Genaueres weiss.

  • Marc Schmid am 06.06.2011 00:59 Report Diesen Beitrag melden

    Intressant..

    Gurken, Tomaten, Salat.. Jetzt die Sprossen.. Was nehmen wir als nächstes? Ich wär für Äpfel.. Genua, lieber noch die Früchte drannehmen, Da leiden nur wenige Bauern drunter.. Ja Äpfel.. Das wärs doch, oder?