Strahlung

16. März 2011 16:28; Akt: 17.03.2011 14:24 Print

Radioaktiv kontaminiert – und jetzt?

von Runa Reinecke - Wie lässt sich ein «verstrahlter» Mensch behandeln? Warum dürfen Jodtabletten nicht unkontrolliert eingenommen werden? 20 Minuten Online bekam von Experten Antworten auf die wichtigsten Fragen.

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Welche Massnahmen müssen bei einer starken radioaktiven Kontamination zuerst erfolgen? Der Medizinphysiker Michael Fix vom Inselspital Bern: «Wichtig ist zunächst der Abstand zur radioaktiven Quelle. Danach muss der Betroffene sofort die Kleidung ablegen und lauwarm duschen». Diverse Experten warnen davor, beim Duschen Shampoo oder Duschgel zu benutzen. Auch das Reiben der Haut sollte vermieden werden. Auf diese Weise könnten radioaktive Partikel über die Haut in den Organismus transportiert werden. Besonders den Arbeitern, die in unmittelbarer Nähe der Reaktoren von Fukushima tätig sind, droht grösste Gefahr: «Ab 500 Millisievert pro Stunde haben wir es mit einer hoch dosierten Exposition zu tun», sagt Angelika Claussen. Claussen ist Medizinerin, Psychotherapeutin und ehemalige Vorsitzende der Ärzteorganisation IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung eines Atomkrieges). Sie setzt sich seit vielen Jahren mit den Auswirkungen radioaktiver Strahlung durch Kernkraftwerke auseinander. Für die Expertin ist klar: «Eine derartige Menge kann zu einer Schädigung des Blutbildes und des zentralen Nervensystems führen». Auch vom Menschen aufgenommene radioaktive Stoffe können für die Umwelt problematisch sein. Während radioaktiv verseuchte Nahrung so lange im Organismus strahlt, bis sie ausgeschieden wurde, wird radioaktives Jod über die Luft eingeatmet und in der Schilddrüse gespeichert. Während das dort eingelagerte radioaktive Jod eine Halbwertzeit von nur etwa acht Tagen hat (die Krebsgefahr besteht trotzdem weiter), können andere Nuklide, wie Michael Fix weiss, deutlich länger strahlen. Gefahr geht von den in Knochen oder Organen eingelagerten Stoffen wie Strontium oder Cäsium aus. Je nach Dosis der Strahlung und der Expositionsdauer kann auch die nähere Umgebung in Mitleidenschaft gezogen werden. Ärzte, die einen massiv Kontaminierten medizinisch versorgen, sollten aus diesem Grund unbedingt Schutzkleidung tragen. Gemäss dem Medizinphysiker sind ausserdem eine konsequente Überwachung der Strahlung über ein Personendosimeter und eine kurze Expositionszeit wichtig. Claussen zufolge sind derzeit insbesondere Schwangere in Japan gefährdet: «Das ungeborene Kind muss unbedingt geschützt werden. Am besten, man evakuiert Schwangere in weite Entfernung zur Strahlenquelle», rät die Ärztin. Welchen Einfluss Radioaktivität auf Schwangere haben kann, zeigte das Beispiel Tschernobyl. Kurz nach der Katastrophe stieg die Zahl der Missbildungen und Erkrankungen von Neugeborenen deutlich an. Kurz nachdem der erste Störfall in Fukushima bekannt wurde, rieten Ärzte der Bevölkerung in Japan zu einer sogenannten «Jodblockade». Die Einnahme grösserer Mengen von stabilem Jod soll die Schilddrüse vor der Aufnahme von radioaktivem Jod aus der Luft schützen. Aufgrund der Distanz zu Japan ist für uns die Einnahme von Jod in hohen Dosen aber überflüssig. Sie kann uns sogar gesundheitlichen Schaden zufügen: Hochdosiertes Jod erhöht das Risiko einer schwerwiegenden Schilddrüsenerkrankung und darf deshalb nur im Ernstfall (unter behördlicher Anleitung) eingenommen werden. Auch Jahre nach der Exposition gegenüber starker radioaktiver Strahlung besteht für die Betroffenen ein erhöhtes Krebsrisiko. Eine regelmässige medizinische Kontrolle hilft, Frühstadien von Krebserkrankungen zu erkennen und rechtzeitig zu behandeln. Auch eine gesunde Ernährung wirkt unter Umständen prophylaktisch: «Das in Äpfeln vorkommende Pektin kann dabei helfen, bestimmte radioaktive Stoffe schneller auszuscheiden», weiss Claussen. Allerdings müsse, so die Ärztin, eine weitere Aufnahme von radioaktiven Stoffen (beispielsweise durch Nahrung) vermieden werden. Jede Strahlenart hat eine andere Reichweite und wirkt individuell auf die Umwelt. Alpha-Strahlung hat zwar gemäss dem Medizinphysiker Michael Fix eine geringe Reichweite, dafür schade sie dem Organismus aber ganz besonders. Mit Äpfeln gegen radioaktive Strahlung? Klingt irgendwie verrückt, offenbar aber nicht verrückt genug, denn das deutsche Bundesumweltministerium gab diesbezüglich eine Studie beim Forschungszentrum Jülich und den Strahleninstituten Belgrad/Minsk in Auftrag. (Zitat): ... «(...) Das ist eine signifikante Beschleunigung der natürlichen Cäsiumausscheidung und würde bei kontinuierlicher Fortsetzung der Pektingabe eine entsprechende Reduktion der internen Dosis bewirken. (...) Die Untersuchung der Nebenwirkungen hat keine negativen Effekte gezeigt. Insbesondere wurde keine ungünstige Veränderung des Zink-, Kupfer-, Eisen- und Kaliumgehaltes des Körpers beobachtet.» Tönt vielversprechend – doch es gibt auch . Droht uns zukünftig Gefahr durch verstrahlte japanische Lebensmittel, wie zum Beispiel der Soja-Sauce? «Noch ist es zu früh, hier eine Aussage zu machen», sagt Claussen. In naher Zukunft wäre es aber durchaus sinnvoll, aus Japan kommende Lebensmittel auf ihre radioaktive Belastung zu kontrollieren, so die Expertin. «Zunächst ist es aber wichtig, den Japanern zu helfen und sie mit unbelasteten Lebensmitteln zu versorgen», findet die Expertin. Wurde ein Mensch einer grossen Strahlendosis ausgesetzt, muss er intensivmedizinisch versorgt werden: «Hier müssen die jeweilig auftretenden Symptome behandelt werden. Da das Immunsystem stark geschwächt ist, muss der Organismus selbst vor sonst harmlosen Infekten - zum Beispiel durch eine keimfreie Isolation - geschützt werden.»

Was kann man für einen stark radioaktiv Kontaminierten tun? Die Antworten zu dieser und weiteren Fragen finden Sie in der Bildstrecke.

Zum Thema
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Das Eintreten des Horrorszenarios zeichnete sich bereits vor mehreren Tagen ab. Die Situation im japanischen Atomkraftwerk Fukushima gerät ausser Kontrolle. Die Welt sieht zu, wie eine ganze Nation den Super-GAU fürchtet. Über die näheren Umstände und über die Vorgänge, die sich um die Reaktoren des AKW abspielen, ist nur wenig bekannt, denn die Versorgung mit Informationen ist unzureichend – zum Teil sogar widersprüchlich.

In der Nacht auf Mittwoch soll die Strahlenbelastung in unmittelbarer Nähe des Atomkraftwerks auf zeitweise bis zu 1000 Millisievert pro Stunde angestiegen sein. Wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in einem heute veröffentlichten Communiqué bekannt gab, führt eine Dosis von 1000 Millisievert (mSv) nach heutigen Erkenntnissen «zu einer Erhöhung des Krebsrisikos von zirka 5 Prozent».

Sofortige und langfristige Folgen

Leider ist davon auszugehen, dass die Menschen, die im Kernkraftwerk selbst tätig sind, einer deutlich höheren Strahlen-Dosis ausgesetzt sind. Doch nicht nur auf Art und Intensität kommt es laut dem Medizinphysiker Michael Fix vom Berner Inselspital an. Auch die Dauer der Exposition spiele im Umgang mit Radioaktivität ein grosse Rolle: Je stärker die Kontamination, desto schwerwiegender sind die unmittelbaren bis langfristigen Folgen für den Betroffen. Ab einer Dosis zwischen 1000 und 2000 Millisievert können, wie es auf Goruma.de heisst, Symptome wie Müdigkeit, Erbrechen und (blutiger) Durchfall auftreten. Ungefähr zehn Prozent aller Strahlenopfer sterben innerhalb der folgenden vier bis sechs Wochen. Wer die Vergiftung überlebt, muss mit einem um 10 Prozent erhöhten Krebsrisiko leben.

Der Medizinerin Angelika Claussen zufolge steht bei einer starken Kontaminierung die Intensivversorgung im Vordergrund: «Hier müssen die jeweilig auftretenden Symptome behandelt werden», erzählt die Ärztin, Psychotherapeutin und ehemalige Vorsitzende der Ärzteorganisation IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung eines Atomkrieges), die sich seit vielen Jahren mit den Auswirkungen radioaktiver Strahlung durch Kernkraftwerke auseinandersetzt. Gegenüber 20 Minuten Online stellt Claussen klar, wie schwierig sich die Akutversorgung eines Strahlenopfers darstellt: «Da das Immunsystem stark geschwächt ist, muss der Organismus selbst vor harmlosen Infekten geschützt werden.»
Dazu muss der Patient isoliert werden, damit er nicht oder kaum mit krankmachenden Keimen oder Viren in Kontakt kommt.

Je schlimmer die Kontamination, desto geringer die Überlebenschance

Bereits ab einer Kontamination mit der drei- bis vierfachen Dosis, wie sie ausserhalb des AKW in Fukushima gemessen wurde, besteht nur noch eine 50-prozentige Überlebenschance. Wer der Strahlung ausgesetzt ist, erleidet wenig später schwere, unter anderem sichtbare, Schädigungen: Hautzellen können sich nicht mehr teilen, die Zellen sterben ab. Erkennbar ist das durch dunkle Verfärbungen auf der Haut (Nekrose). Auch andere Organe, wie etwa der Magen-Darm-Trakt, sind unmittelbar von der Strahlenkrankheit betroffen.

Besonders tückisch sind die langfristigen Folgen einer Strahlenexposition: Je nach Art der Strahlung, der Expositionsdauer und der Intensität kann sie das Erbgut schädigen oder Krebs verursachen. Während sich viele Nuklide, wie die radioaktiven Stoffe auch genannt werden, in den Knochen oder Organen anreichern und dort teilweise bis zu mehreren Jahrzehnten strahlen können (zum Beispiel Strontium und Cäsium), reichert sich das über die Luft eingeatmete Jod in der Schilddrüse an. Um die Aufnahme von radioaktivem Jod zu verhindern, raten Experten zu einer Jodblockade durch Einnahme des hochdosierten Spurenelements. Das durch Tabletten aufgenommene Jod sättigt die Schilddrüse und verhindert dadurch die Aufnahme von radioaktivem Jod. So lässt sich zumindest die Entstehung von Schilddrüsenkrebs verhindern (wie 20 Minuten Online bereits am Montagmorgen berichtete).

Jodtabletten? Vorsicht!

Wichtig ist, dass die Aufnahme des stabilen Spurenelements vor der Strahlenexposition erfolgt. Da uns die in Fukushima ausgetretene Radioaktivität nicht in gesundheits-gefährdendem Ausmass erreichen kann, ist eine Jodblockade für die Schweizer Bevölkerung völlig unnötig. Unter Umständen kann die unkontrollierte Einnahme von höheren Joddosen sogar gefährlich werden: Auf die Einnahme dieses Spurenelements – so weit es nicht wegen eines Schilddrüsenleidens vom Arzt verschrieben worden ist – sollte man unbedingt verzichten. Vor der unkontrollierten Einnahme wird sogar ausdrücklich gewarnt, weil es dadurch zu langfristigen Schädigungen der Schilddrüse kommen kann.

Können wir selbst «verstrahlt» werden, wenn wir mit einem kontaminierten Menschen über längere Zeit Umgang pflegen? Warum darf man die Haut nach der Strahlenexposition beim Duschen nicht abrubbeln und was können Äpfel angeblich gegen Radioaktivität ausrichten? Die Antworten auf diese und weitere Fragen finden Sie in der Bildstrecke oben.