Kopfverletzung

04. Dezember 2019 18:08; Akt: 04.12.2019 18:08 Print

«Nein, Dr. Knarf fehlt kein Stück vom Gehirn»

von J.-C. Gerber - Der Insta-Auftritt von Dr. Knarf sorgte für viel Aufmerksamkeit. 20 Minuten hat bei einem Spezialisten nachgefragt, weshalb der Schädel des Rappers so deformiert ist.

«Ich bin noch am Leben»: Rapper Dr. Knarf in einer Videobotschaft an seine Fans. (Video: Dr. Knarf (HKC) via Facebook)
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Vor knapp drei Jahren flog das Drogenlabor des deutschen Gangsta-Rappers Dr. Knarf in die Luft. Nun hat er sich in einem Instagram-Video erstmals wieder gemeldet. Besonders die Form seines Kopfes hat dabei zu reden gegeben.

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Der Rapper, der mit bürgerlichem Namen Niko Brenner heisst, erklärte im Video, dass ihm nach vier Schlaganfällen ein Teil der Schädeldecke habe herausgenommen werden müssen. «Daher sieht mein Kopf auch so sympathisch aus», so Brenner. Was das bedeutet, erklärt Prof. Luca Regli, der Direktor der Klinik für Neurochirurgie am Universitätsspital Zürich.

Herr Prof. Regli, beim Betrachten des Videos von Rapper Dr. Knarf stellte sich dem Laien angesichts der Delle in seinem Kopf unweigerlich die Frage: Fehlt ihm ein Stück seines Gehirns?
Luca Regli: Nein, ihm fehlt kein Stück des Gehirns. Dr. Knarf hat während seines dreimonatigen Komas nach seinem Unfall nach eigenen Angaben vier Schlaganfälle erlitten. Nach einem Schlaganfall, wie auch nach einem Schädel-Hirn-Trauma oder einer Hirnblutung, kann das Hirn sehr stark anschwellen. Es braucht mehr Platz. Der Schädel als starrer Behälter des Gehirns bietet diesen Platz aber nicht. Ohne Eingriff drohen schwere Schäden bis hin zum Hirntod.

Wie kann der Patient in einem solchen Fall gerettet werden?
Indem die Ärzte ihm ein Stück seiner Schädeldecke wegsägen, also eine Hemikraniektomie durchführen. Dadurch kann das Gehirn nach aussen schwellen und erhält so mehr Platz für die Dauer der Schwellung.

Muss eine solche Hemikraniektomie oft durchgeführt werden?
Ja, das ist eine Operation, die wir regelmässig machen. Es ist bei einem Anschwellen des Gehirns eine lebensrettende Operation, zu der es keine Alternativen gibt. Auf unserer Abteilung am Universitätsspital Zürich finden Sie meistens einen Patienten, dem ein Teil seiner Schädeldecke entfernt werden musste.

Um auf Dr. Knarf zurückzukommen, wie hat das Gehirn noch Platz, obwohl das Volumen seines Kopfes ja offensichtlich reduziert ist?
Das Gehirn schwillt ja nach einiger Zeit wieder ab. Es erhält seine ursprüngliche Grösse zurück. Es ist danach nicht kleiner. Das Gehirn füllt aber den Schädel nicht vollständig aus. Da bei Dr. Knarf die Schädeldecke nicht wiedereingesetzt wurde, drückt der atmosphärische Druck die betroffene Stelle ein. Das Gehirn ist nicht so im Kopf aufgehängt wie sonst. Würde er einen Handstand machen, würde sich die Delle aufgrund der Schwerkraft ausstülpen.

Der Unfall und das Koma von Dr. Knarf liegen nun drei Jahre zurück. Weshalb wurde bei ihm die Schädeldecke nicht wieder eingesetzt?
Das kann ich nicht sagen, da ich den Fall nicht im Detail kenne. Möglicherweise kam es zu einer Infektion. Wir setzen im Normalfall die Schädeldecke, sobald die Schwellung weg ist, so schnell als möglich wieder ein. Durchschnittlich ist das nach sechs bis acht Wochen der Fall. Der Schädel erfüllt dann wieder seine Schutzfunktion und die Lage des Gehirns im Schädel normalisiert sich, was der Heilung zuträglich ist. Dadurch können die Ausfälle, die eine Verletzung des Gehirns mit sich bringt, abgemildert werden.

Wie sicher ist man im Alltag, wenn ein Stück der Schädeldecke fehlt?
Das Gehirn ist sicher nicht optimal geschützt. Unsere Patienten tragen in der Wartezeit, bevor die Schädeldecke wieder eingesetzt wird, zum Schutz Sporthelme, ähnlich wie sie Boxer tragen. Das ist besonders wichtig, weil sich die Patienten nach einer Hirnverletzung oft in der Rehabilitationsphase befinden und das Sturzrisiko erhöht ist.