Quacksalberei

24. Oktober 2009 08:18; Akt: 31.03.2013 20:42 Print

Regividerm: Rosa Creme ohne Wunderwirkung

von Runa Reinecke - Jahrelang soll die Markteinführung einer wirksamen Salbe gegen Neurodermitis erfolgreich von der Pharmaindustrie abgeschmettert worden sein. Nun verdichten sich Hinweise darauf, dass eine ausgefuchste PR-Masche hinter der vermeintlichen Verhinderung des Produkts steckt.

Fehler gesehen?

Wer an Psoriasis - auch Schuppenflechte genannt - oder Neurodermitis leidet, wünscht sich nichts sehnlicher, als den quälenden Juckreiz auf der Haut endlich loszuwerden. Umso unglaublicher war dann das, was die ARD in der Dokumentation «Heilung unerwünscht - wie Pharmakonzerne ein Medikament verhindern» aufdeckte. Eine einfache Salbe namens Regividerm, zu deren Ingredienzien Vitamin B 12 und Avocadoöl gehören, könne den Patienten tatsächlich helfen. Doch die Markteinführung des Präparats würde bereits seit Jahren durch die Pharmaindustrie erfolgreich verhindert - so hiess es. Eine klassische David-gegen-Goliath-Situation.

«Der Karton für die Verpackung war schon gedruckt»

WDR-Redaktor Klaus Martens stellte in seiner Dokumentation, die am vergangenen Montag in der ARD ausgestrahlt wurde, heraus, dass die Salbe nebenwirkungsfrei sei. Die Pharmaindustrie habe sich geweigert, die Creme auf den Markt zu bringen, damit keine Konkurrenz zu eigenen, nicht-nebenwirkungsfreien Präparaten geschaffen werde. Ausschnitte aus der Dokumentation - auf die übrigens bald ein Buch mit selbigem Titel von Autor Martens folgen wird - wurden am Mittwoch auch in der ARD-Diskussionsrunde «Hart aber Fair» gezeigt.

Ein echter Aufreger. Doch nach ersten medialen Unkenrufen mehren sich nun Hinweise darauf, dass hinter der Geschichte des bösen Goliath, der dem Naturheil-David die chemische Keule überzieht, eine kerngesunde PR-Strategie stecken könnte. Denn für die verhinderte Salbe war plötzlich - genauer gesagt unmittelbar nach Ausstrahlung der Sendung «Hart aber Fair» - ein Vertrieb gefunden. Prof. Beda Stadler, Immunologe an der Universität Bern, verrät gegenüber 20 Minuten Online: «Schon am Donnerstag nach Erstausstrahlung der Dokumentation war der gedruckte Karton für das Mittel auf der Seite des Herstellers zu finden.» Zufall? Die Rechte an Regividerm sollen schon im September an das Schweizer Pharmaunternehmen Mavena Health Care, respektive Salt of Life International, übergegangen sein. Bei der Salt of Life International AG - der Vertriebsfirma von Regividerm - nimmt man von dem Vorwurf, es hätte Verbindungen zwischen der Entstehung der Dokumentation und dem Markteintritt des Produkts gegeben, Abstand: «Der Film war schon abgedreht, als wir den Vertrieb übernommen haben», sagt Dr. Hans-Joachim Zeisler, Delegierter des Verwaltungsrates, auf Anfrage von 20 Minuten Online.

«15 Millionen waren zu wenig»

Stadler war auch als Experte bei «Hart aber Fair» geladen. In der Sendung wurde ein Ausschnitt aus dem besagten Dokumentarfilm gezeigt: Zu sehen war ein leidender kleiner Junge mit starker Neurodermitis, nahezu komplett in Bandagen eingewickelt. «Hätten das Kamerateam und der Regisseur dem Kind die blöde Salbe angestrichen, dann wäre es ja anscheinend jetzt wieder gesund. Wenn man hier so tut, als würde ein blödes Avocadoöl mit Vitaminen drin eine schwere Krankheit vom Erdboden verschwinden lassen, dann ist das Betrug», kommentierte der Immunologe den Bericht. Später sprach er hinter den Kulissen Dokumentarfilmer und Buchautor Martens auf das Patent für Regividerm an: «Nach der Sendung zeigte sich Herr Martens mir gegenüber ziemlich verschnupft. Auf meine Frage hin, ob es denn eigentlich schon ein Patent für Regividerm gäbe, antwortete er, dass man es schon für 15 Millionen Euro an die Industrie hätte verkaufen können, doch den beiden Entwicklern der Salbe sei das zu wenig gewesen.» Für eine Stellungnahme konnte 20 Minuten Online Klaus Martens nicht erreichen.

Was dem einen zu wenig, war anderen offensichtlich zu viel des Guten:
Aufgrund der mehrfachen Lobpreisungen von Regividerm in einer eigentlich werbefreien Sendung schneit dem Westdeutschen Rundfunk eine Programmbeschwerde ins Haus. Vorwurf: Schleichwerbung. Die betreffenden Dokumente liegen 20 Minuten Online vor.

«Creme so gut wie jedes Konkurrenzprodukt»

Die Neurodermitis-Patienten dürfte die Diskussion um Schleichwerbung wenig kratzen. Hauptsache, Regividerm wirkt. Doch eine Studie, die diesen Umstand bestätigt, stehe laut Stadler noch aus: «Wenn man von aktuellen Studienergebnissen ausgeht, wirkt die Creme so gut wie das getestete Konkurrenzprodukt. Bloss nach acht Wochen Testphase wurde mit einer 0,05-prozentigen statistischen Signifikanz eine Wirkung von Regividerm nachgewiesen.» Keine Evidenz also, dass die Creme wirklich besser ist als eine Standard-Salbe? Zeisler kontert: «Wenn die Aussage stimmen würde, dass Regividerm nur eine Wirksamkeit von 0,05 Prozent hätte, würde auch das Vergleichspräparat nur eine Wirkung von 0,05 Prozent aufweisen. Dies steht im Widerspruch mit dem im Test gegenübergestellten Vitamin-D3-Produkt.»

Ob Widerspruch oder nicht: Fakt ist, dass für viele Neurodermitis- und Psoriasis-Kranke ausschliesslich das nebenwirkungsbehaftete Kortison Mittel der Wahl bleibt. Auf eine Vergleichsstudie von Regividerm und Kortison dürften wir also gespannt sein - doch die wird es mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nie geben.