Hochstaplerin

03. Februar 2011 13:25; Akt: 03.02.2011 13:32 Print

Schein-Ärztin in der Notaufnahme

Dutzende von Patienten liessen sich in einem Spital in Valencia von einer Hochstaplerin behandeln. Trotzdem war es nicht das fehlende Fachwissen der «Ärztin», das den Schwindel ans Licht brachte.

Bildstrecke im Grossformat »
Wayne Simmons (62) trat jahrelang im TV-Sender Fox News als Terror-Experte auf. Dabei war er kein ehemaliger CIA-Agent, wie er angab. Simmons arbeitete unter anderem als Türsteher und Buchmacher. Hochstapler-Geschichten wie diese gibt es viele ... Der 16-jährige Christoph Julius Caesar aus Sachsen-Anhalt legte alle rein: Als «Deutschlands jüngster Unternehmer» entwarf Caesar Marketingkampagnen für Firmen und Parteien. Seit Oktober 2011 ermittelte die Staatsanwaltschaft wegen Urkundenfälschung, Vorenthaltung und Veruntreuung von Arbeitsentgelt sowie Steuervergehen. In New York treibt im Januar 2011 eine gewisse «Lady» Catarina Pietra Toumei (links) ihr Unwesen: Als angebliches Mitglied der Familie Guggenheim suchte sie Investoren für ihre «Stiftung». Matteo Schaub alias «Max le suisse» betrügt in Frankreich seit Jahren gutgläubige Anhalter um kleine bis mittlere Geldbeträge. Doch er ist ein derart sympathischer Kerl, dass ihm nicht alle böse sind. William H. narrte alle - bis er im Dezember 2010 aufflog: Der angebliche Kardiologe hatte Professuren und Beraterposten inne, und er gab damit an, für die besten medizinischen Unternehmen zu arbeiten. In Wahrheit aber war H. kein Herzspezialist, nicht einmal einfacher Arzt. Doch nicht nur H. gab an, etwas zu sein, was er nicht war ... Im Laufe der Geschichte gab es Dutzende von Hochstaplern, deren Abenteuer die Literatur oder die Filmindustrie inspirierten ... Alessandro Graf von Cagliostro war ein italienischer Alchemist und Hochstapler. Zwischen 1771 und 1798 reiste er durch Europa und verkaufte Liebestränke, Jugendelixiere und Schönheitsmixturen und erzielte hohe Profite aus seinem Handel. 1789 wurde er von der Inquisition verhaftet, der Häresie angeklagt und zu lebenslanger Haft verurteilt. Er starb im Gefängnis von San Marino, wobei unklar ist, ob er von einem Gefängniswärter erdrosselt wurde oder an Syphilis starb. Friedrich Wilhelm Voigt, «der Hauptmann von Köpenick», war ein aus Ostpreussen stammender Schuhmacher. Im Oktober 1906 verkleidete er sich als Hauptmann und unterstellte die Schwimmschulwache von Plötzensee seinem Kommando. Er besetzte mit ihnen das Rathaus von Köpenick, verhaftete den Bürgermeister und beschlagnahmte die Stadtkasse. Zehn Tage später wurde er verhaftet, doch der Kaiser Wilhelm II. begnadigte ihn. Der berühmte deutsche Schriftsteller Karl May, der hier als Old Shatterhand posiert, wurde in jungen Jahren wegen Amtsanmassung verurteilt. Er hatte sich als Geheimpolizist ausgegeben. Später pflegte er eifrig die Legende, er habe die Abenteuer von Old Shatterhand tatsächlich selbst erlebt. Der gebürtige Schotte Gregor MacGregor war zunächst ein Heerführer in den südamerikanischen Befreiungskriegen. Später erfand er als «Gregor I.», «Fürst von Poyais», ein südamerikanisches Land, gelegen an der Moskitoküste in Nicaragua. In Grossbritannien verkaufte er Grundbesitz und Ämter des fiktiven Landes. Als Auswanderer an der Moskitoküste strandeten und umkamen, flog der Bluff auf. Joshua Norton war ein konkursiter Geschäftsmann, der sich 1859 selber zum Kaiser der Vereinigten Staaten und Schutzherrn von Mexiko ernannte. «Norton I.» war in San Francisco wegen seiner Skurrilität sehr beliebt. Er ist die Vorlage für den Kaiser in dem Lucky-Luke-Comic «Der Kaiser von Amerika». Emil Blumenau wird 1918 entlarvt: Der 19-jährige Schifferknecht hatte sich als Fliegeroffizier Graf Bodo von Blumenau ausgegeben, von seinen Luftkämpfen im Krieg erzählt und sich Kredite in Hotels, Schmuck und Wertsachen erschwindelt. Harry Domela, auch als «Der falsche Prinz» bekannt, war ein baltendeutscher Hochstapler, Autor und Spanienkämpfer. Domela legte sich 1929, um seine Chancen zu verbessern, den Namen «von Liven» zu. Er wurde u.a. für den Hohenzollern-Prinzen Wilhelm, den ältesten Sohn des ehemaligen deutschen Kronprinzen, gehalten und stieg in der Gesellschaft Thüringens in schwindelerregende Höhen auf. Frank William Abagnale, Jr. ist als Hochstapler und Scheckbetrüger gegen Ende der 1960er- und Anfang der 1970er- Jahre bekannt geworden. Als Hochstapler versuchte er sich unter anderem erfolgreich als Kopilot, Arzt und Rechtsanwalt. Sein Leben wurde 2002 unter dem Titel «Catch Me If You Can» von Steven Spielberg verfilmt. Die Rolle Abagnales spielte Leonardo DiCaprio. An Abagnale erinnert der Fall eines 17-jährigen Briten, der 2009 unter dem Pseudonym «Adam Tait» vorgab, eine Airline aufzubauen. Gert Postel ist ein deutscher Hochstapler, der vor allem durch seine mehrfachen Anstellungen als falscher Arzt Berühmtheit erlangte und dabei mit seinen vorgetäuschten psychatrischen Fachkenntnissen die deutsche Ärzteschaft blossstellte. «Binjamin Wilkomirski», eigentlich Bruno Grosjean oder Dössekker, veröffentlichte 1995 seine Autobiographie «Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948». Die Publikation erzählt in der Ich-Form über seine Kindheit im Konzentrationslager. 1999 wurde der Historiker Stefan Mächler für eine umfassende Abklärung engagiert. Sein Rapport machte definitiv klar, dass die angebliche Autobiographie tatsächlich in allen wesentlichen Punkten den historischen Fakten widersprach. Der angebliche Clark Rockefeller täuschte jahrelang die New Yorker High Society. Am 27. Juli 2008 kidnappte er seine Tochter auf offener Strasse. Bei den Ermittlungen fanden die Behörden keinerlei Unterlagen über diesen «Rockefeller». Untersuchungen zeigten, dass es sich dabei um den 1961 in Oberbayern geborenen Christian Gerhartsreiter handelte. 1978 kam er als Gaststudent zu einer Familie in Connecticut und änderte den Namen zuerst auf Chichester, später auf Crowe. Der 23-jährige Amerikaner Adam Wheeler fälschte seine Abschlüsse und Diplome, um an der Harvard University studieren zu können. Auch kam er in den Genuss von Stipendien in Höhe von 45000 Dollar. Drei Jahre lang kam er damit durch. Im Mai 2010 muss er sich vor Gericht verantworten. Volker Eckel, der sich auch Mohamed Al Faisal nennt, gab sich als investitionsfreudiger arabischer Scheich aus und narrte so unter anderem auch den Grasshoppers Fussballklub.

Alles nur gelogen: das sind die gerissensten Hochstapler der Neuzeit.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Dutzende Patienten vertrauten ihrem Wissen, ihrer Fachkenntnis. Doch die Frau, in deren Obhut sich viele ahnungslose Patienten begaben, war eine Betrügerin. Fünf Monate lang behandelte die falsche Ärztin Patienten in einem Spital in Valencia. Ausgerechnet dort, wo es oft um Leben und Tod ging – in der Notaufnahme.
Das Brisante: weder den Ärzten, dem Pflegepersonal noch den Patienten fiel auf, dass es sich bei der vermeintlichen Medizinerin um eine Hochstaplerin handelte. Dies, obwohl die Frau über keinerlei medizinisches Fachwissen verfügte.

Der Schwindel flog laut der spanischen Zeitung «El País» erst auf, als Mitarbeiter der Personalabteilung des Spitals über Unstimmigkeiten in den Zulassungsdokumenten (Approbation) der falschen Ärztin stolperten. Der Aufforderung der Personalabteilung, das Original der Zulassung nachzureichen, kam die Betrügerin nicht nach.

Gefährliches Halbwissen im Operationssaal

Da die Ermittlungen noch andauern, sind bisher keine weiteren Einzelheiten zu dem Fall bekannt. Mit ihren verwerflichen und zugleich gefährlichen Machenschaften ist die spanische Pseudo-Ärztin nicht alleine: Jahrelang gab sich der Amerikaner William H. als Herzspezialist aus. Der falsche Professor wusste mit seinem Engagement gekonnt zu beeindrucken - seine Kollegen brachten ihm stets Wertschätzung entgegen, zumindest so lange, bis der selbsternannte Gott in Weiss enttarnt wurde.

Die Stippvisite an einer medizinischen Fakultät reichte offenbar aus, damit sich H. ein Basiswissen über das Legen von Herzkathetern und Prozeduren bei Notoperationen aneignen konnte.

Weitere spektakuläre Hochstapler-Fälle der jüngeren Geschichte finden Sie in der Bildstrecke oben.


(rre)