Hörbehinderung

30. September 2010 23:49; Akt: 30.09.2010 23:50 Print

Skype verständlicher als das Telefon

von Simon Koechlin, SDA - Schwerhörigen fällt es bedeutend leichter, mit Internet-Telefondiensten wie Skype oder Google talk zu kommunizieren. Grund dafür ist einer Berner Studie zufolge die Frequenzbandbreite.

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Schwerhörigen wird die Kommunikation mittels Internet-Telefondiensten erleichtert.
(Bild: Colourbox)

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Ein Telefongespräch zu führen ist für Hörbehinderte oft schwierig. Studien zeigen, dass rund 30 Prozent aller Hörgeräte- und Hörprothesenträger selbst mit Hilfe von Verstärkern nicht mehr telefonieren können. Gerade ältere Menschen verlieren aber ohne das Telefon wichtige soziale Kontakte und vereinsamen.

Nun hat eine Forschergruppe an der Hals-, Nasen- und Ohrenklinik des Berner Inselspitals unter der Leitung von Pascal Senn und Georgios Mantokoudis herausgefunden, dass das Internet Hörbehinderten Telefongespräche erleichtern könnte.

Skypen nach Griechenland

Am Ursprung der Entdeckung stand der Zufall: Georgios Mantokoudis habe mit seiner Grossmutter in Griechenland über Jahre nicht mehr telefonieren können, weil sie zu schlecht höre, sagte Senn auf Anfrage.

Als Mantokoudis einmal mit einer Cousine in Griechenland über Skype gesprochen habe, sei die Grossmutter in den Raum gekommen - und habe das Gespräch verstanden. Diese Beobachtung veranlasste den Forscher, der Sache auf den Grund zu gehen. Tatsächlich fand er eine mögliche Erklärung für das bislang unbeschriebene Phänomen.

Herkömmliche Telefone senden in einer Frequenzbandbreite von 300 bis 3400 Hertz. Wenn aber Menschen Konsonanten wie F, C, S oder T aussprechen, liegt ein grosser Teil der Energie des Sprachsignals oberhalb dieses Spektrums. Das Telefon überträgt diese hohen Frequenzen nicht, was die Sprachinformation etwas unklarer macht.

Aufschlussreiche Hörtests

Für normal Hörende ist dies kein Problem. Hörbehinderte aber verstehen unter Umständen deswegen ihre Gesprächspartner am Telefon nicht mehr. Die Internettelefonie dagegen überträgt in höchster Qualität breitbandig, von 200 bis 8500 Hertz - und Mantokoudis erkannte, dass dies das bessere Verständnis seiner Grossmutter erklären könnte.

In einer Studie testeten die Berner Forscher ihre Hypothese mit 21 hörbehinderten Menschen. Elf von ihnen trugen ein so genanntes Cochlea-Implantat, eine Hörprothese, die tauben Menschen eingesetzt wird. Die zehn anderen waren mittelgradig schwerhörig und hatten ein Hörgerät. Als Kontrolle dienten zehn normal Hörende.

Mit Hilfe eines Computerprogramms simulierten die Forscher Telefon- und Internettelefonqualität und spielten den Probanden einsilbige Wörter und ganze Sätze vor, wie sie im Fachmagazin «Otology & Neurotology» berichten. Beim Worttest variierten sie zudem die Lautstärke, beim Satztest bauten sie verschiedene Rauschlevel ein.

Internet-Telefonie fördern

Es zeigte sich, dass die Internettelefonqualität für alle Gruppen - auch für normal Hörende - besser verständlich war. Bei jenen Testbedingungen, die nicht entweder für alle zu schwierig oder zu leicht waren, konnten die Probanden im Durchschnitt 15 Prozent mehr Wörter und 25 Prozent mehr Sätze korrekt nachsprechen.

Das seien wesentliche Verbesserungen, sagte Senn. Zwar habe die Studie unter idealen Laborbedingungen stattgefunden. Doch ein Test mit drei Personen habe gezeigt, dass das Verständnis auch mit realen Internetverbindungen besser sei. Er ermutige Hörbehinderte deshalb, das Internet-Telefon auszuprobieren - zumal telefonieren im Internet gratis ist.

Ein Problem ist laut dem Forscher, dass die Bedienung des Internets für viele ältere und hörbehinderte Menschen zu kompliziert ist. Es sei deshalb wichtig, Geräte und Plattformen zu entwickeln, die telefonieren im Internet einfacher machten - zum Beispiel grosse Wähltasten oder eine einfache Installation.