Belastende Erlebnisse

03. Februar 2015 07:17; Akt: 03.02.2015 07:17 Print

Traumata in der Kindheit ruinieren die Gesundheit

Vernachlässigung, seelisch kranke oder alkoholsüchtige Eltern: Wer als Kind belastende Situationen erlebt, spürt die Folgen oft noch im Erwachsenenalter.

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Die Folgen von schlimmen Erfahrungen in der Kindheit sind oft ein Leben lang spürbar. (Bild: Keystone/Leo Thal)

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Besonders belastende Erlebnisse in der Kindheit können erhebliche Folgen auf die Gesundheit und Lebensumstände noch im Erwachsenenalter haben. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des französischen Nationalen Instituts für Gesundheit und medizinische Forschung Inserm, die in den «Proceedings of the National Academy of Sciences» veröffentlicht worden ist.

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Haben Sie in Ihrer Kindheit etwas Schlimmes erlebt?
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Insgesamt 1625 Teilnehmer

Schon frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass verschiedenste – auch gerade psychosoziale – Belastungen in der Kindheit das Auftreten von Krankheiten und die Sterblichkeit im Erwachsenenalter erhöhen können. Die neue Studie zeichnt sich nach Ansicht eines deutschen Experten jedoch durch ihre hohe Qualität aus und belege, dass frühe traumatische Erlebnisse «unter die Haut gehen» können.

Schlechte Erfahrungen im Elternhaus

Das Team um die Medizinerin Cristina Barboza Solis untersuchte den Zusammenhang zwischen negativen Kindheitserfahrungen und der sogenannten allostatischen Last (AL). Unter AL werden die Folgen aller Belastungen beziehungsweise stressauslösenden Faktoren verstanden, die ein Mensch im Leben erfährt und die sich etwa als chronischer Stress zeigen.

Die Wissenschaftler nutzten für ihre Analyse die Daten der britischen «National Child Development Study», in der 7535 Menschen im Langzeitverlauf erfasst sind, die 1958 in Grossbritannien geboren wurden. Sie konzentrierten sich auf jene Teilnehmer, die im Alter zwischen sieben und 16 Jahren mehr als zwei belastende Ereignisse im familiären Umfeld erlebten. Dazu gehören etwa vernachlässigte Kinder und solche, bei denen ein Elternteil Alkoholiker oder inhaftiert ist, aber auch Mädchen und Jungen, deren Eltern sich trennten oder bei denen ein Elternteil an einer seelischen Erkrankung litt.

Ungesundes Verhalten

Die biomedizinischen Daten dieser Gruppe ergaben im Alter von 44 Jahren eine hohe allostatische Last. Um herauszufinden, welche Faktoren diese Last herbeiführten, untersuchten die Autoren das Gesundheitsverhalten der Studienteilnehmer, ihren Body Mass Index und ihren sozioökonomischen Status mit 23 und 33 Jahren.

Das Ergebnis: Bei Männern hingen 59 Prozent der erhöhten allostatischen Last mit ungesundem Verhalten, einem geringen Bildungsgrad und einem niedrigen materiellen Status zusammen. Bei Frauen waren 76 Prozent der erhöhten allostatischen Last mit Rauchen, Übergewicht, einem geringen Bildungsgrad und geringem Einkommen assoziiert.

Physiologische Abnutzung

Die Forscher schliessen daraus, dass schwerwiegende negative psychosoziale Kindheitserfahrungen die Gesundheit wahrscheinlich langfristig auf verschiedenen Wegen beeinträchtigen. Dazu heisst es in der Studie: «Gruppen, die negative Kindheitserfahrungen erlebten, können die Kosten dafür ihr ganzes Leben tragen, was sich in ihrer physiologischen Abnutzung im Erwachsenenalter zeigt.»

Für Harald Gündel, den ärztlichen Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm, ist die Studie wissenschaftlich und methodisch ein grosser Schritt nach vorn. In der Kindheit «werden viele biologische Regelkreise und Prozesse geprägt, die Folgen für die lebenslange Gesundheit haben», so Gündel.

Frühere Studien hätten in dieselbe Richtung gedeutet, allerdings nicht mit dieser Qualität. «Die Untersuchungen auf verschiedenen Ebenen zeigten, dass frühe traumatische Erlebnisse im wahrsten Sinne des Wortes ‹unter die Haut gehen› und biologische Folgen haben können, wenn auch mit zeitlicher Verzögerung», erklärte Gündel.

(fee/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Grümpel am 03.02.2015 07:42 Report Diesen Beitrag melden

    Ob man dafür forschen mussten?

    Mobbing, Ausgrenzung und eine unheilbar kranke Mutter machen wesentliche Erinnerung an meine Kindheit aus. Negative Ereignisse brennen sich einfach tiefer in einen Menschen ein als positive, das hat mit Einstellung nur begrenzt etwas zu tun.

  • MP am 03.02.2015 08:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ist so

    das weiss man aus Psychologischer Sicht schon lange. Es reicht schon mangelnde Liebe und Annerkennung in der Kindheit um Probleme im Erwachsenenalter zu haben. Tod eines geliebten Menschen, Missbrauch Körperlich wie seelisch hat gravierende folgen und braucht viel Aufarbeitung mit guter Betreuung.

  • henry am 03.02.2015 07:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    stummsinn

    man. was für ein jahr haben wir heute. die wissenschaft hinkt im psychischen jahrzehnte zurück. das ist ja schon lange bekannt

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Jim auf dem Weg am 04.02.2015 12:45 Report Diesen Beitrag melden

    Das wahre Ausmass wird nicht gesehen ...

    betrifft es doch alle Menschen (mehr oder weniger). Es tut gut, dass dieses Thema angesprochen wird! Trauma wird oft als überfordernde Einwirkung verstanden, etwa die Erlebnisse, die Krigsflüchtlinge aus ihrer Heimat mitbringen. Mir persönlich hat am meisten zugesetzt, dass sich meine Umgebung über meine Empfindungen lustig gemacht hat. Das führte zu einem schwachen Selbstbewusstsein, was sich bis heute auswirkt. Endlich zu verstehen was los ist, dass ich mein Leben nicht auf die Reihe kriege ist eins. Jemanden zu finden, der einem aus diesem Wirbel heraus hilft wäre der nächste Schritt.

    • No Name am 05.02.2015 09:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Es gibt Hilfe

      Der Psychiater hilft, wird von Krankenkasse bezahlt. Selbsthilfegruppen können helfen. Bücher über das Thema lesen hilft und ist interessant . Aber Freunde, Bekannte und Familie sind klar überfordert und oft persönlich betroffen, weshalb die keine Hilfe sind.

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  • Leser am 03.02.2015 21:23 Report Diesen Beitrag melden

    Körperverletzung

    So gesehen müsste auch psychische Gewalt, wie z.B. Mobbing, rechtlich als Körperverletzung behandelt werden. Psychische Gewalt verursacht Stress und Stress ist eine körperliche Auswirkung mit negativen Auswirkungen auf die Gesundheit.

  • Maria Meggen am 03.02.2015 21:09 Report Diesen Beitrag melden

    Stark sein, das ist Muttis+Papas Devise

    Studien zeigen, dass pränatale Erfahrungen der Mutter/Vater/Umgebung das werdende Kind prägen und gar Schocks auslösen. Geburtsschocks sind die Regel!! Ich behandle solche Menschen. Teilweise ergeben kurze Gespräche mit den "Patienten" aufschlussreiche Erkenntnisse. Obwohl sich die Rasse Mensch manchmal absolut dämlich benimmt und "Unwahrscheinliches" tut, sind wir zerbrechlicher und empfindlicher als uns das lieb ist, wir und die Gesellschaft dies zulässt. Wer ist schon gerne verletzbar? Wie Alle sind es, doch das ist ein Gesellschaftstabu!!

  • Ich am 03.02.2015 20:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    An Missbrauch nichts ausgelassen

    Bin Erwachsen habe drei Erwachsene Kinder (gut geraten) arbeite 100% ... Eigentlich läuft alles Normal, wie man so schön sagt! Vor einem Jahr zog das letzte Kind nach der Lehre aus...was auch normal ist! Und plötzlich hat man Zeit für sich und Erinnerungen an Misshandlungen kommen auf! Es gibt nun keine Ablenkungen mehr. Das schlimmste ist, es schlägt plözlich irgendwas in die Seele und man kann sich nicht wehren dagegen. Mit 17 wurde ich verheiratet und bekam ein Kind.. Meine Eltern unterschrieben auf dem Standesamt und haben mir meine Jugend genommen. Trotzdem, ich schaue nach vorn!

    • Maria Meggen am 03.02.2015 21:15 Report Diesen Beitrag melden

      Jeder ist sich Selbst der Nächste!!

      Die "Kunst" im Leben ist zu vergeben! Gross gelabert...ja Jeder ist sich Selbst der Nächste und so müssen wir lernen selber damit zurecht zu kommen. Der Mensch schiebt seine Verletzungen in die unterste Schublade und meint mit dem Rest des Lebens die Verletzungen zu überdecken. Frontalangriff auf das Thema ist schwer, macht verletzlich und reisst Wunden auf die scheinbar nicht heilen können. ALLES ist möglich..es braucht einfach Zeit und Geduld und Vertrauen in DICH SELBST!! Labern ist einfach, TUN braucht Kraft und Vertrauen!!

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  • Franco am 03.02.2015 20:01 Report Diesen Beitrag melden

    ach was

    so was wirkt sich auf das Leben aus ? gibt's ja nicht, danke dass das wissenschaftlich erforscht wurde... aber um nicht nur rumzumotzen: ich selbst habe auch schlechte Erinnerungen von damals, aber das Leben geht weiter und ist es Wert, das schöne darin zu suchen und auch zu finden, gebt niemals auf! :)