Hauterkrankung

15. November 2010 10:56; Akt: 15.11.2010 15:39 Print

Verdoppelt Akne das Selbstmord-Risiko?

von Runa Reinecke - Warum sind Aknepatienten einer besonders grossen Suizidgefahr ausgesetzt? Eine neue Studie zeigt auf, welche Faktoren die betroffenen Jugendlichen in den Selbstmord treiben.

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Akne: Mehr als ein kosmetisches Problem.

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Dass Menschen mit Akne häufiger unter Depressionen leiden als Personen, die nicht von der Hauterkrankung betroffen sind, ist bereits seit Jahren bekannt. Über die tatsächlichen Ausmasse der Gefährdung konnte bisher nur spekuliert werden.

Um die Risikofaktoren genauer zu erfassen, führten Wissenschaftler des Karolinska-Instituts in Stockholm eine Studie mit 6000 Teilnehmern durch. Dabei zeigte sich, dass Testpersonen mit einer starken Ausprägung der Erkrankung fast doppelt so häufig einen Selbstmordversuch unternahmen wie Menschen, die nicht von der Hauterkrankung betroffen waren. Diese Probanden waren auf das Akne-Medikament Isotretinoin eingestellt.

Isotretionoin: Nur bei schlimmer Akne im Einsatz

Das Präparat Isotretionoin wird auch in der Schweiz verschrieben, für Menschen mit kleinen Hautunreinheiten ist es aber ungeeignet, wie Antonio Cozzio, leitender Arzt der Dermatologischen Poliklinik des Universitätsspitals Zürich betont: «Isotretinoin soll ausschliesslich bei einer fortgeschrittenen Form von Akne angewendet werden.» Grund dafür seien diverse unerwünschte Nebenwirkungen, unter anderem Stimmungsveränderungen. Letztere werden dem Experten zufolge nur «sehr selten» beschrieben.

Auch die schwedischen Wissenschaftler gehen eher davon aus, dass das Medikament nicht als Hauptfaktor für die Suizidalität infrage kommt. Ihrer Auffassung nach ist dafür eine plötzliche Verbesserung des Hautbildes verantwortlich. Die Vermutung der Forscher: Die Patienten seien bestürzt darüber, dass sich ihre Situation zwar «physisch» verbessere, die Probleme des Alltags aber bestehen blieben.

Weiter gaben sie die Tatsache, dass das Medikament nicht immer wirke, als möglichen Faktor zur Steigerung der Selbstmord-Gefahr an. Grund für ihre Hypothese: Die Wissenschaftler fanden heraus, dass sich das Selbstmord-Risiko bei den von starker Akne betroffenen Probanden bereits drei Jahre vor Beginn der medikamentösen Therapie massiv erhöht hatte.

Selbstmord-Gefahr bei Aknepatienten «sehr hoch»

Cozzio bestätigt diese These: «Auch ohne Medikation ist die Suizidalität bei Akne sehr hoch.» Dem Dermatologen zufolge löse sie bei einem Viertel der Patienten Angstzustände aus. «Neun Prozent sind suizidgefährdet», so der Mediziner.

Schwere Formen von Akne treffen vornehmlich Jugendliche während der Pubertät. Die Betroffenen leiden unter den entzündeten Pusteln - ein kosmetisches Problem, das zum seelischen Leiden wird. Auch Antonio Cozzio kennt die Leiden der Patienten, die oft eine jahrelange Krankheitsgeschichte hinter sich haben: «Nach der Ausheilung der Akne können Narben bleiben, vor allem, wenn (zu) spät behandelt wird. Auch aus diesem Grund sinkt das Suizid-Risiko noch nicht unmittelbar nach der Behandlung, erst im Verlauf.» Deshalb setzten Fachärzte wie Antonio Cozzio auf den interdisziplinären Austausch: «Dermatologen sind sich der Problematik bewusst. Wir beobachten die Patienten genau und ziehen bei Bedarf eine psychiatrische Fachperson hinzu.»