Seltene Krankheiten, Teil 16

22. Mai 2009 15:42; Akt: 22.05.2009 16:17 Print

Von der unbändigen Lust, Haare auszureissen

Kaum spriesst es auf dem Kopf, dem Rumpf oder den Beinen, muss es auch schon wieder weg: Menschen die an Trichotillomanie leiden, kämpfen mit dem permanenten Zwang, sich die Haare rupfen zu müssen.

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Nicht nur eins, sondern viele. Manchmal ganze Büschel. Wie in Trance gerupft und gezupft wird nicht nur am Kopf. Auch Augenbrauen, Wimpern, Arm- oder Schambehaarung müssen daran glauben. Jahrelang kann das so gehen, bis ins hohe Alter hinein, begleitet von massiven Schuldgefühlen und Depressionen. Kahle Stellen werden unter Kopftüchern oder Perücken versteckt.

Diese krankhafte Lust am Haarausreissen nennt sich Trichotillomanie (TTM). Weltweit leiden schätzungsweise zwei bis drei Prozent aller Menschen daran - doch die Zwangsstörung ist kaum bekannt, anders als Waschzwang, Kleptomanie oder Spielsucht, wie das Deutsche Grüne Kreuz in Marburg erläutert. Kein Wunder: Die etwa 800 000 Menschen, die in unserem Nachbarland unter «Trich» leiden, versuchen krampfhaft, ihr Problem zu verheimlichen. Viele schämen sich für ihren absonderlichen Tick - und für die zerrupfte Frisur, die kahlen Stellen am Kopf, die fehlenden Wimpern. Erst wenn der Leidensdruck zu gross wird, suchen sie Hilfe.

«Das Krankheitsbild gehört zu den Störungen der Impulskontrolle», sagt die Landshuter Diplom-Psychologin Annett Neudecker, die sich seit Jahren mit der psychischen Störung und Therapiemöglichkeiten beschäftigt. Untersuchungen in Kindergärten und Universitäten ergaben, dass Männer und Frauen gleichermassen davon betroffen sind, gehäuft aber Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 15 Jahren.

Die Flucht nach vorn zur Behandlung mit einer Verhaltenstherapie träten aber häufig nur die erwachsenen Frauen an, sagt Neudecker. Dabei hätten Patienten, die an Trichotillomanie leiden, eine Chance auf Heilung.


Erleichterung beim Rausreissen

Warum Menschen anfangen, sich immer wieder Körperhaare auszureissen, konnten Wissenschaftler bislang noch nicht eindeutig klären. Klar ist lediglich, dass viele Betroffene dabei keinen Schmerz spüren. Nur eine starke innere Anspannung, die sich im Ausreissen entlädt. Danach spüren sie eine grosse Erleichterung. Als wohltuend und befriedigend wird empfunden, wenn sie die Haarwurzel erwischt haben. Oder Haare beissen, kauen und runterschlucken können, wie Neudecker berichtet.

«Im Nachhinein weiss ich heute, dass ich wohl schon in früher Pubertät einzelne Wimpern ausgerissen und dann mit Tesa auf ein Blatt Papier geklebt habe, um sie zu sammeln... ich weiss, das klingt recht blöde, doch damals fiel mir irgendwie nicht auf, dass das eigentlich nicht normal ist», erzählt Nina auf der Webseite der Selbsthilfegruppe trich.de von ihrer Leidensgeschichte.

Und weiter: «Jedes Mal, wenn ich meine Wimpern wieder gezüchtet hatte, riss ich sie mir in ein paar wenigen Minuten wieder weg. Ich verabscheute mich, hielt mich für unfähig... es wurde so schlimm, dass ich mich umbringen wollte - ich wollte nicht verrückt sein!» Erst die Suche im Internet nach Abhilfe machte der verzweifelten Frau klar, dass sie unter Trichotillomanie litt.


In den Genen angelegt?

Was bei den meisten Patienten auffällt, ist die Kombination mit anderen Symptomen wie Angstzuständen oder Depressionen. Viele können mit Stresssituationen nicht gut umgehen, hatten eine lieblose Kindheit, geringes Selbstbewusstsein. Auch der Hang zu starkem Perfektionismus, schwere emotionale Belastungen in der Pubertät oder traumatische Erlebnisse können bei dem Krankheitsbild eine Rolle spielen.

Zumindest in einigen Fällen sind auch genetische Ursachen nicht auszuschliessen. Amerikanische Wissenschaftler stiessen auf Genveränderungen, die bei Trichotillomanie-Patienten auftreten, aber nicht bei ihren gesunden Verwandten. Wer intensiv seine Haare ausreisse, solle unbedingt aus der Anonymität herauskommen und Therapieangebote in Anspruch nehmen, ermuntert Neudecker zum Handeln. Aus eigener Kraft schafften es nur die wenigsten, aus dem Teufelskreis herauszukommen.

In der Schweiz können sich Betroffene und Angehörige über die Website zwang.ch informieren (siehe Link-Box).

(ap)