Organspende

18. Januar 2013 12:10; Akt: 18.01.2013 12:30 Print

Wann ist ein Toter tot genug?

von Fee Riebeling - Organspende ist ein sensibles Thema. Das Transplantationsgesetz sollte die Rahmenbedingungen schaffen. Doch dieses halten Experten für praxisuntauglich.

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Mehr Lebertransplantationen durch Revision des Gesetzes. (Bild: Keystone)

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Weil keine Aussicht auf Heilung besteht, wird jährlich bei rund 2450 Patienten auf Schweizer Intensivstationen die Therapie abgebrochen. Während die Betroffenen langsam aus dem Leben scheiden, sprechen viele Angehörige bereits die Möglichkeit einer Organspende an.

Doch gemäss Schweizerischem Transplantationsgesetz dürfen die Ärzte darauf nicht reagieren. Sie müssen selbst bei Patienten mit einer aussichtslosen Diagnose so lange zuwarten, bis alle Funktionen des Gehirns unwiderruflich ausgefallen sind und der Patient für hirntot erklärt wird. Das kann mehrere Stunden, mitunter aber auch Tage dauern.

Thema frühzeitig ansprechen

Diese Praxis soll sich nun mit der Revision des Transplantationsgesetzes ändern. Künftig sollen Ärzte das Thema Organspende bereits dann besprechen dürfen, wenn der Patient noch nicht verstorben ist, sich die Angehörigen aber definitiv für einen Therapieabbruch ausgesprochen haben.

Entscheiden sich diese für eine Spende, werden daraufhin die kreislauferhaltenden Massnahmen weitergeführt – damit die Organe für eine Transplantation bewahrt werden können. «Dies jedoch nur, wenn die Behandlungen dem Sterbenden nicht schaden oder Schmerz zufügen», sagt Franz Immer, CEO von Swisstransplant.
Können diese Massnahmen nicht durchgeführt werden, kommt es zum Verlust von Organen wie beispielsweise der Leber, da diese nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und
Blut versorgt werden und deshalb abzusterben beginnen.

Welche Massnahmen zugelassen sein werden und welche nicht, wird im überarbeiteten Gesetz erstmals aufgeschlüsselt sein.


Interview: «Theorie blockiert Praxis»


Markus Béchir, Leiter der Intensivstation des Unispitals und des Transplantationsnetzwerks Zürich.

20 Minuten: Herr Béchir, das geltende Transplantationsgesetz ist zu wenig praxistauglich. Inwiefern?
Mit dem Transplantationsgesetz ist es wie mit der ersten Auflage eines Buches. Auch sie wird überarbeitet, wenn sich zeigt, dass Verbesserungsbedarf besteht. Im Moment blockiert das Gesetz die Praxis.

Kritiker befürchten, Ärzte würden sich künftig häufiger für einen Therapieabbruch einsetzen, um Organe zu bekommen. Ist das möglich?
Nein, denn bis zu dem Moment, in dem sich die Angehörigen für einen Abbruch entscheiden, ist das Behandlungsteam für den Patienten verantwortlich. Danach übernehmen speziell ausgebildete Experten vom Organspender-Netzwerk. Die beiden agieren unabhängig voneinander.

Neu sollen Angehörige gleichzeitig über einen Therapieabbruch und über eine Organspende entscheiden. Kann man ihnen das zumuten?
Die grösste Belastung für Hinterbliebene ist, wenn sie nicht wissen, was der Verstorbene zu Lebzeiten wollte. Wer sich um das Wohl seiner Angehörigen sorgt, sollte seinen eigenen Willen auf einem Spenderausweis notieren.
(fee)

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Ausgewählte Leser-Kommentare

viele haben anscheinend nicht verstanden was spenden bedeutet und wann man spendet. die die mit"man ist ja noch nicht tot" argumentieren: glaubt ihr wirklich ihr werdet mit einem beinbruch eingewiesen und wenn ihr mal nicht hinschaut ist die leber weg?!? organspender sind leute die SOWIESO sterben werden, ob man die organe nun entnimmt oder nicht. Und an die " ich werf meinen spenderausweis weg": der ist nicht nur dazu da um zu zeigen dass man spenden will, sondern auch um zu zeigen, ob man dass NICHT will. einfach nur an der richtigen stelle das kreuzchen setzten. – han solo

Jeder sollte sich mal in die Situation einses Betroffenen einfühlen. Wir sind eine junge Familie und selbst mit diesem Schicksal konfrontiert. Jeder ist und wäre froh wenn er die Chanche bekommt weiterzuleben. Schliesslich könnten wir durch dieses Organ wieder ein "fast" normales Familienleben führen. Keiner kann sich vorstellen wie das ist wenn der Partner andauernd am Limit und ist wieder schwächer wird. Vorallem für die Kinder ist es doch gerade in Ihrer Kindheit nicht einfach mit solchen Schichsalsschlägen umzugehen. Ich bin für die Spende. – Betroffene

Weshalb spricht niemand darüber, wie denn eine solche Organentnahme für den sterbenden Menschen aussieht, was sie für ihn und seine Angehörigen bedeutet? Ein Sterben in Würde ist nicht mehr gegeben, der Spender darf noch nicht tot sein, sonst sind die Organe wertlos. Weshalb Terapieabbruch für den einen damit der andere eine Theapie (Organ) bekommt? Bis anhin war es das Schicksal, das darüber entschieden hat, wer wie lange lebt, nun sind es die Ärzte... Und es wird dabei sehr viel Geld verdient... – V. W.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Wintus am 19.01.2013 09:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vieles nach wie vor Unklar.

    Ich finde es bedenklich das nie bei solchen Artikel über die Messverfahren der Hirnaktivität berichtet wird. Noch wird auf hohem Level darüber gestritten, ab wann ein Hirn Wirklich als tot gilt. Im Moment sind dies von Staat zu Staat verschiedene Werte und es ist unerforscht wie viel der Organspender in diesen Stadien noch mit bekommt. Zudem ist die Prozedur der Organentnahme ungeheuer schmerzhaft da die Lebenden Organe schockgekühlt werden müssen. Mit Fleiss wird unter den Teppich gekehrt das es bei der Organentnahme immer wieder zu Körperbewegungen der Organspender kommt. Schutz Reaktion ?

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  • noch Spender am 18.01.2013 12:56 Report Diesen Beitrag melden

    Spenderausweis zerreissen

    Sollte das Gesetz geändert werden, zerreisse ich meinen Spenderausweis und verbiete die Entnahme. Dasselbe gilt, wenn die Entnahme ohne Widerspruch erlaubt wird. Ich traue diesen Göttern in Weiss überhaupt nicht

  • E.S. am 18.01.2013 19:41 Report Diesen Beitrag melden

    Juristischer Tod ist nicht unbedingt

    biologischer Tod. Da es bei der Entnahme bei sogenannt Hirntoten zu Muskelreflexen, Abwehrbewegungen, Hormonausschüttungen, Steigerung des Pulses etc. kommt, werden in der Schweiz Organe unter Vollnarkose entnommen. Da helfen alle juristischen Wortspiele nichts: Organe werden in der Regel eigentlich lebenden entnommen, welche dann an den Folgen der Entnahme sterben. Im weiteren muss man sich fragen, wenn andere überdurchschnittlichen Lohn für die Verarbeitung bekommen und die Organe eben doch bevorzugt beim Geld landet, ob eine gratis Spende da noch fair ist.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Claudia am 21.01.2013 10:38 Report Diesen Beitrag melden

    Angehörige von Spendern leiden auch

    Als unser Vater starb haben wir seine Hornhäute freigegeben, die Hornhäute (resp. die Augen) und unser Vater war nicht hirntot, sondern "richtig tot". trotzdem hatte ich lange ein schlechtes Gewissen, meinen Vater in diesem Moment nicht beschützt zu haben. So einfach ist es halt doch nicht.

  • Mista Bone am 20.01.2013 09:13 Report Diesen Beitrag melden

    Geldmaschine

    Von wem wird eigentlich dieser ganze Organspende-Hype gesponsert ? Etwa von der Pharmabranche ? Wenn man ein Organ bekommt, darf man sein ganzes Leben lang divverse Medikamente schlucken, welche nicht ganz billig sind.

  • Sigi am 20.01.2013 02:14 Report Diesen Beitrag melden

    Bedingung...

    Ich bin bereit alle meine Ersatzteile herzugeben die dann noch brauchbar sind...aber mit Vertrag: sie duerfen nur an ganz arme Kranke abgegeben werden. Das weil es ja ausreichend bekannt ist, dass man mit viel Kohle viel schneller bedient wird, und der Mittellose nur warten kann und halt vielleich deswegen vorzeitig den Loeffel abgibt.

  • Dr. Faustus am 20.01.2013 01:04 Report Diesen Beitrag melden

    Chirurgen = Organspender

    Wäre mal interessant, zu erheben, wie viele Ärzte schon einen Spenderausweis besitzen? Eigentlich müssten diese zu den Zahlreichsten und Ersten gehören, die diesen Akt der "Nächstenliebe" freiwillig mittragen, da sie das Prozedere am besten kennen. Falls es nicht so sein sollte, muss man sich schon fragen, weshalb nicht?

  • J.M. am 19.01.2013 19:59 Report Diesen Beitrag melden

    Behutsam mit diesem Thema umgehen

    Jeder Mensch soll seine eigene Entscheidung bezüglich Organspende treffen können, und zwar ohne irgendjemandem Rechenschaft darüber ablegen zu müssen. Alles andere wäre Zwang und Gewalt. Im Allgemeinen wissen wir einfach zu wenig über die seelischen Vorgänge zwischen Leben und Tod, als dass man sicher sein könnte, dass ein Hirntoter wirklich physisch und seelisch nichts von solch einem Eingriff mitbekommt. Ich persönlich bin mir sicher, dass ein Betroffener eine Organentnahme mitkriegt. Es gibt auch Berichte darüber, dass es eine Qual für die Hinübergehenden sei.

    • jj am 20.01.2013 06:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      genau

      guter text. ich bin ganz deiner meinung jeder hat das recht selbst zu entscheiden was mit seinem körper passiert und ob das wehtut nähmte mich auch mal wunder

    • K.R. am 20.01.2013 22:02 Report Diesen Beitrag melden

      Ich würde nicht spenden

      Ich habe es auch gehört, dass man den Eingriff mitbekommt. Und mir wurde darum geraten einen Ausweis zu machen, dass ich nicht spenden will. Die Person die mir geraten hat arbeitet im Medialen Bereich. Und da ich selber sehr sensibel bin und auch Kurse in dem Bereich besuchte glaube ich das sofort.

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